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Grenzerfahrungen beim Gletscherwandern

Psychologin Anna Maaß und Wanderführer Philipp Eiter wollen gestresste Menschen auf einer geführten Wochentour durchs Tiroler Pitztal erden. Kein Wellness-Trip.

Rettung aus einer Gletscherspalte.
Rettung aus einer Gletscherspalte. © Monika Neiheisser

Ein schwarz-gelber Weidezaun markiert das Ende der zivilisierten Welt. Die Straße, die sich 38 Kilometer durch das Pitztal windet, muss hier vor den Naturgewalten kapitulieren. Rechts die kargen Felsen des Kaunergrats, links die steilen Wände des Geigenkamms. Und dann ist Schluss für Autos. Jetzt geht es nur noch zu Fuß weiter, mit Wanderstöcken immer den Fluss entlang, dessen Rauschen mit jedem Höhenmeter anschwillt. Denn sein Ursprung ist das Ende einer mächtigen Gletscherzunge.

Das Ende des Taschachgletschers.
Das Ende des Taschachgletschers. © Katrin Saft

Anna Maaß und Philipp Eiter sind hier im hinteren Teil des Pitztals aufgewachsen – in Tieflehn auf knapp 1.700 Metern Höhe, umgeben von Dutzenden Dreitausendern. Die Sommer währen kurz, die Winter umso länger. Für die beiden – Cousin und Cousine – ist es nichts Ungewöhnliches, wenn die einzige Zufahrt durch eine Mure oder eine Lawine von der Außenwelt abgeschnitten ist. „Bei uns hat jeder einen Vorrat, um eine Zeit lang zu überstehen. Denn hier gibt die Natur den Takt an – egal, ob einen das aufregt oder nicht“, sagt Anna.

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Die Ursprünglichkeit des spät erschlossenen Alpentals übt eine magische Anziehung auf Wanderer, Kletterer und Bergsteiger aus. Statt Durchgangsverkehr lässt sich noch Stille spüren. Erst mit dem Bau der Gletscherbahn 1983 entwickelte sich der Tourismus. Mit heute 8.100 Gästebetten im gesamten Pitztal nimmt er sich im Vergleich zum benachbarten Ötztal aber immer noch bescheiden aus.

Wanderführer Philipp Eiter und Psychologin Anna Maaß.
Wanderführer Philipp Eiter und Psychologin Anna Maaß. © K. Saft

Anna Maaß ist wie viele Kinder hier im Hotel der Eltern groß geworden – und hat im Gastgewerbe gelernt: kochen, kellnern, Zimmer herrichten. Doch bei einem Workshop für Führungskräfte, der im Hotel stattfand, entdeckte sie ihre wahre Leidenschaft: die Psychologie. Ihr Cousin Philipp machte sich als Wanderführer selbstständig. „Mit unserer schnelllebigen Zeit, dem Leistungsdruck und der Digitalisierung wächst die Sehnsucht der Menschen nach der Natur, die sie erdet“, sagt er. „Ob Manager oder einfache Leute: Sie kommen mit beruflichen und privaten Problemen her zum Wandern und wollen ihren Kopf freibekommen.“ Doch allein ein paar Tage Waldbaden, wie es jetzt so schön heißt, löse die Probleme oft nicht. Eiter hat sich deshalb mit seiner Cousine, die inzwischen studierte Psychologin ist, zusammengetan und das Programm „Mindful Mountain“ entwickelt – achtsamer Berg. Es will Praxis und Theorie vereinen, indem es Bewegung und Bewusstseinsbildung kombiniert.

Das Programm beginnt direkt hinter dem schwarz-gelben Weidezaun. Auf einer Almwanderung versucht Anna, Achtsamkeit zu trainieren. „Eine Voraussetzung, um sich auf unsere Wochentour überhaupt einlassen zu können“, sagt sie. Die Teilnehmer sollen versuchen, die Dinge bewusst anzugehen, die Gedanken auf den gegenwärtigen Moment zu lenken und nicht zu bewerten. Es folgen Übungen nach dem amerikanischen Achtsamkeitsguru Jon Kabat-Zinn: die tiefe Atmung zur Entspannung einsetzen, wahrnehmen, wie sich ein Tannenzapfen anfühlt.

Kein Wellness-Trip: Wandern in 3.000 Metern Höhe.
Kein Wellness-Trip: Wandern in 3.000 Metern Höhe. © Katrin Saft

Was nach einem Wellness-Trip klingt, wird sich in den folgenden Tagen bis an die persönlichen Grenzen steigern – sowohl was die Touren angeht, als auch im Hinblick auf die innere Auseinandersetzung mit sich selbst. Das Pitztal bietet dafür ideale Voraussetzungen. Denn neben 380 Kilometern Wanderwege gibt es hier unzählige Klettersteige und hochalpine Touren. „Auch wir spüren den Trend, sich extrem zu fordern“, sagt Philipp Eiter: „Auf dem Fernwanderweg E5 drei Länder in einer Woche schaffen oder vier Eiswände an einem Tag erklimmen.“ Die häufigsten Unfallursachen in den Alpen seien Selbstüberschätzung und mangelnde Akklimatisierung.

Für den Anfang hat Eiter einen Wandersteig zum Brandkogel ausgewählt. Dank Bergbahn von Mandarfen aus sind die ersten 500 Höhenmeter schnell geschafft. Das fast schon bedrückend enge Pitztal öffnet sich hier oben zu einem Bilderbuch-Plateau. Mittenmang das grünlich-kalte Gletscherwasser des Rifflsees: „Der größte Naturbergsee Tirols, auf dem die höchstgelegene Floßfahrt Europas möglich ist“, sagt Philipp Eiter. An Superlativen mangelt es den Österreichern nie. Der Aufstieg bis auf knapp 2.700 Meter führt über Gestein und wird immer schmaler und steiler. Am Ende geht es nur noch mit allen Vieren. Wie soll man hier je wieder runterkommen? Jetzt hilft Anna mit ihrer Resilienztheorie – mit Fragen, warum man meint, etwas nicht schaffen zu können, und Antworten, die zu Widerstandskraft und innerem Gleichgewicht verhelfen sollen. „Dazu braucht es Mut“, sagt sie und fordert die Teilnehmer am Gipfel auf, eine tiefe Felsspalte zu überspringen.

Beim Abendessen, stolz wieder unten, werden Eindrücke ausgetauscht. Jetzt ist Genießerzeit. Regionale Käse- und Fleischspezialitäten sind in vielen der inhabergeführten Hotels im Tal fast schon normal. Einige bieten sogar vegane Menüs an. Und die schmecken auch vielen Allesessern.

Bergführer Raphael Eiter vor dem Taschachgletscher.
Bergführer Raphael Eiter vor dem Taschachgletscher. © Katrin Saft

Für die anspruchsvollste Tour der Selbsterfahrungs-Woche holt Philipp ein weiteres Familienmitglied dazu: Raphael Eiter. Denn der ist staatlich geprüfter Bergführer. Und ohne einen solchen sollten Touristen lieber nicht auf eine Gletscherwanderung gehen. Der Gletscherexpress und die Wildspitzbahn bringen die Gäste bis auf das „Dach Tirols“, wie das Pitztal wirbt. Ein ufoförmiges Gebäude ist laut Tourismussprecherin Stephanie Schlierenzauer „höchster Aussichtspunkt Österreichs mit höchstem Café, höchster Eventlocation und höchstem Standesamt“ in einem. Die Sachertorte stammt aus der hauseigenen Konditorei. Wer geimpft, genesen oder getestet ist, darf sie im Café kosten.

Draußen auf 3.340 Metern herrschen schon im August Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt. Am 25. September beginnt hier der Skibetrieb. Schweres Gerät verteilt bereits die Schneedepots der letzten Saison, die bis in den Juni reichte.

Wie ein riesiges graues Band schiebt sich der Taschachgletscher durch die Berglandschaft. „Dorthin steigen wir jetzt hinunter“, sagt Raphael. Das jahrtausendealte Eis ist gezeichnet von Umweltschmutz und Saharastaub. 10 bis 15 Meter im Jahr schiebt es sich vorwärts. Auf seinem Weg hinterlässt es metertiefe Risse. „Insofern auf keinen Fall auf Schnee treten“, sagt Raphael, „er könnte nachgeben.“

Die Teilnehmer haben Grödel angelegt, die leichte Form von Steigeisen, deren Zacken das Gehen auf dem abschüssigen Eis erleichtern. Ein Gefühl von Demut breitet sich aus. Der Mensch wird hier zur Randfigur, seine Probleme geraten zur Nebensächlichkeit. „Jetzt üben wir loslassen“, sagt Anna und stoppt an einer tiefen Eisspalte. Raphael hat mit dem Eisschrauber schon ein Loch gebohrt und einen Karabiner mit Seil befestigt. „Wer es sich wagt, seilt sich in die Spalte ab, wir ziehen ihn dann wieder hoch“, sagt er. Das Schwierigste ist, sich rückwärts über die Kante zu lehnen und dem Seil und seiner Befestigung zu vertrauen. Es hält. 20 Meter weiter unten gibt‘s ein Spalten-Selfie als Andenken. Alle schaffen es.

Sicherheitshalber in der Seilschaft.
Sicherheitshalber in der Seilschaft. © Katrin Saft

Beim Abstieg im Gletscher lässt Raphael sicherheitshalber eine Seilschaft bilden. Alle marschieren nun im Gänsemarsch. Ein Rinnsal auf dem Eis vermählt sich mit Schmelzwasser zu einem Strudel, der in einem Loch verschwindet. Der Bergführer wirft einen Stein hinein. Erst nach knapp vier Sekunden ist der Aufschlag zu hören. Bloß achtsam sein!

Wie vielerorts hat sich auch der Taschachgletscher in den letzten Jahren überdurchschnittlich schnell zurückgezogen. An seinem Auslauf ist er heute nur noch wenige Meter dick und verwandelt sich schließlich in einen Fluss. Ab hier geht es mit normalen Wanderschuhen weiter, stumm und in Gedanken versunken. „Was war gut an Eurem heutigen Tag?“, fragt Anna. Positives Denken lasse sich trainieren, wie ein Muskel, versichert sie. Nach acht Stunden kommt der schwarz-gelbe Weidezaun in Sicht. Das Ende der zivilisierten Welt im Pitztal kann der Anfang eines neuen, bewussteren Lebens sein.

Der Taschachgletscher geht in einen Fluss über.
Der Taschachgletscher geht in einen Fluss über. © Katrin Saft

Nach Österreich ins Pitztal

  • Anreise: Mit dem Auto von Dresden 650 km über Garmisch bis Mandarfen. Mit Zug über München, Innsbruck, Imst.
  • Pitztal: 380 km Wanderwege, 178 Routen Sportklettern, 41 Routen Eisklettern, höchster Berg mit 3.774 m Wildspitze, Waldseilpark, Kletterpark.
  • Mindful Mountain-Woche wieder 2022 mit Psychologin und Bergwanderführer, 6 Nächte, HP und Ausrüstung: 1999 Euro/Pers. über www.piztours.com
  • Infos: Tourismusverband Pitztal,Unterdorf 18, A-6473 Wenns,Tel. +43 (0) 54 14 86999,[email protected], www.pitztal.com
  • Die Recherche wurde unterstützt vom Tourismusverband Pitztal.

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