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Selbsttest: Mit dem Rad von Berlin nach Kopenhagen in elf Tagen

700 Kilometer ist der Radfernweg nach Dänemark lang, doch in Sachsen ist er noch wenig bekannt. Dabei bietet er ideale Badestopps und romantisch gelegene Quartiere. Wir haben ihn mit dem E-Bike befahren.

Von Peter Redlich
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Über 18 Brücken kannst du rollen oder gehen – in Kopenhagen wurden diese nur für Radfahrer und Fußgänger gebaut.
Über 18 Brücken kannst du rollen oder gehen – in Kopenhagen wurden diese nur für Radfahrer und Fußgänger gebaut. © visitkopenhagen.com

Die fahrradfreundlichste Stadt der Welt ist Kopenhagen. Seit zehn Jahren nimmt Dänemarks Metropole den ersten Platz in den unterschiedlichsten Rankings (ISPO) ein, noch vor Amsterdam. Also: Auf nach Kopenhagen.

Zwischen Reichstag, Kanal und Mauer

Unterm Brandenburger Tor zu starten, hat beinahe etwas Heiliges. Hier hält jeder inne und macht sein Selfie. Das blau-weiße Logo des Berlin-Kopenhagen-Radweges taucht gleich hinterm großen Hauptstadtwahrzeichen zum ersten Mal auf. Wir rollen vorbei am Reichstag, vor dem Umweltaktivisten auf der Wiese campieren. Es geht entlang des Mauerradweges mit einem der letzten DDR-Grenztürme. Ein neues Viertel mit teuren Eigentumswohnungen säumt die Spree. Ausflugsdampfer tuckern vorbei, während wir Richtung Spandau auf gut asphaltierten Radwegen sind. Der einst eingemeindete Stadtteil im Nordwesten Berlins beeindruckt mit viel Grün entlang des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals. Kurzer Mittagsstopp im Brauhaus Spandau.

Über Hennigsdorf, fast immer an der Havel im grünen Rand Berlins entlang, geht es durchs Ruppiner Land. Der Radweg führt vorbei an kleinen Seen – ehemalige Tongruben. Hier wurde bis Anfang der 1990er-Jahre das Material für die Ziegelbauten Berlins gestochen. Die einstige Fabrik, der Ziegeleipark Mildenberg und der alte Havelhafen sind unser Tagesziel nach rund 70 Kilometern. Der Blick auf die E-Bike-Ladeanzeige zeigt, dass selbst im Turbomodus eine solche Strecke ohne Probleme zu bewältigen ist. Sebastian Eberl von der Mecklenburger Radtour GmbH aus Stralsund erinnert uns daran, den Akku im Quartier für den nächsten Tag aufzuladen.

Millionen Ziegel für Berlins Bauhunger

Für den Ziegeleipark sollte man nach der Ankunft noch Zeit reservieren. Es lohnt sich. Hier und in weiteren 62 Ziegeleien wurden die roten Steine für Berlin gebrannt, bis zu 800 Millionen im Jahr. Für eine Mietskaserne waren 500.000 Ziegel nötig. Um ein Einfamilienhaus zu bauen, sind es 50.000. Durch den ehemaligen Ringofen wird der Besucher so geführt, dass er nachvollziehen kann, wie einst Ein- und Ausräumer, Wagenschieber und Brenner schufteten, um in der Gründerzeit den Ziegelhunger der Hauptstadt zu befriedigen.

Gleich nebenan liegt der Havelhafen, von welchem die Lastkähne mit der Ziegelladung gen Berlin ablegten. Das Quartier heißt „Alter Hafen“ Mildenberg und ist heute eine der beliebtesten Radfahrerpensionen entlang der Strecke Berlin-Kopenhagen. Unter Bed & Bike gibt es entlang der Gesamtstrecke über 50 solcher radfahrerfreundlichen Unterkünfte für eine Nacht. Im „Alten Hafen“ hat Inhaber Stefan Tiepmar das Gartenhaus, die Remise und ein Gebäude direkt am Hafenbecken ausgebaut. Ab 83 Euro das Zimmer lässt es sich hier ruhig und tief schlafen, um neue Kraft für die nächste Etappe zu tanken.

Der Postkasten vom Weihnachtsmann

Neustrelitz heißt das zweite Tagesziel. Im Dorf Himmelpfort führt gerade ein Einheimischer eine Touristengruppe an der alten Post vorbei. Dort empfängt der Weihnachtsmann in der Adventszeit bis zu 290.000 Briefe. 16 Engel helfen bei der Beantwortung. Entlang des Wegs gibt es eine Radfahrerkirche. Und in Fürstenberg steht der Mittagsimbiss bereit: Wildbulette, Kesselgulasch und von der Betreiberin von „Coffee & Travel“ selbst gebackener Kuchen. „Früh um vier stehe ich auf, bereite alles frisch zu, um tagsüber die Gäste, viele Radfahrer darunter, zu verwöhnen“, sagt Doreen Riensberg, gelernte Reiseverkehrskauffrau. Der Gastraum war vorher ihr Reisebüro. Der Nachmittag gehört der Mecklenburgischen Seenplatte. Hügeliges Land, viel Wald und unzählige Seen, die zum Badestopp einladen. Zum Beispiel Naturcamping am Ellbogensee. Wer hier über Nacht bleiben will, hat zwar am nächsten Tag mehr Kilometer vor sich, aber ein romantisches Quartier am Seeufer. Die kleine Hütte kostet 35 Euro die Nacht.

Immer wieder tauchen im Mecklenburger Land Hinweistafeln zum Radweg Berlin-Kopenhagen auf.
Immer wieder tauchen im Mecklenburger Land Hinweistafeln zum Radweg Berlin-Kopenhagen auf. © Peter Redlich

Lampen aus Pappeln und Schlafen im Turm

Vor Neustrelitz lernen wir in Wesenberg Luzi Graf und Max Strack kennen, er Zimmermann, sie Innenarchitektin. Die beiden Niederbayern haben sich im Urlaub in die Gegend verliebt. Jetzt drechseln sie in einer aufgemöbelten Tischlereihalle Lampenschirme aus Pappelholz, Betten und Bänke nach Kundenwünschen. Die energiegeladenen Neuwesenberger anzusprechen und dort ein Stück Kuchen zum Kaffee zu probieren, ist zu empfehlen.

Der Hafen in Neustrelitz ist gesäumt von ehemaligen Speichern, die inzwischen moderne Herbergen sind. Doch wir wollen zur Nacht etwas Ungewöhnliches testen. Fabian Franz nennt sie Slubes. Eigentlich große Betonröhrenteile, die etwa an Straßenkreuzungen als Abwassersammler unter der Fahrbahn dienen. Zwei solcher aufeinandergesetzte Teile bilden ein Slube, einen Turm, in welchem es ein Wohnzimmer, ein Bad und ein Schlafzimmer gibt – alles in Mini auf zehn Quadratmetern. „Wir stoßen in die Lücke, Quartiere entlang der großen Radwege für nur eine Nacht anzubieten“, sagt Fabian und zeigt auf die Auslastungsstatistik mit teils über 80 Prozent. Wir schlafen ruhig und starten am Morgen in den Müritz-Nationalpark. Unesco-geschützter Buchenwald wächst hier. Mit etwas Glück ist einer der 65 Seeadler zu erspähen. Es gibt eine Naturstation mit allen Infos zur Fledermaus und im Herbst Führungen zur Rothirsch-Brunft. Die einstigen DDR-Größen gingen rund um die Müritz mit Vorliebe zur Jagd.

Erst Troja entdecken, dann Eiszeitmoränen

Im Dorf Ankershagen haben wir die Wasserscheide erreicht, wo die Havel entspringt. Sie ist das einzige größere Wasser im Osten Deutschlands, welches von Nord nach Süd fließt. Alle anderen streben letztlich zur Ostsee hin. Doch die eigentliche Attraktion von Ankershagen ist das Schliemann-Museum. Leiterin Undine Haase hat hier mit ihren Mitstreiterinnen eine moderne, interaktive Schau zusammengestellt. Sie zeigt nicht nur das spannende Leben des Altertumsforschers, der Troja ausgegraben hat, sondern ist auch für Kinder gestaltet. Rund ums trojanische Holzpferd im Park finden kleine Feste statt. Heinrich Schliemann hat in Ankershagen von 1823 bis 1832 seine Kindheit im Pfarrhaus seines Vaters verbracht. Wer günstig in der Nähe einen Mittagsimbiss sucht, wird im Gutshaus Friedrichsfelde fündig.

Die Landschaft ist geprägt von der Eiszeit. Überall dort, wo ein eisiger Block liegen geblieben ist, entstand eine Kuhle, heute ein kleiner See oder eine sumpfige Insel. Eiszeit-Moränenlandschaft nennt das der Geologe Thomas Fitzke, der in der Mecklenburger Seenplatte für die Radwege zuständig ist. Wir schlafen in Waren an der Müritz. Die nächste Station ist Güstrow. Ordentliche Radwege durch Waldgebiete führen hin. Seen mit kleinen Badebuchten laden ein. Krakow ist auf diesem Abschnitt etwas Besonderes: Maritimes Flair am verträumten Seeufer, das von kleinen Cafés, reetgedeckten Bootshäusern und dem historischen Fischereihof gesäumt ist. Nach dem nächsten Start von Güstrow Richtung Norden ist die Ostseebrise schon zu spüren. Mit dem Nordwestwind wird der Himmel noch klarer. Es geht entlang am Bützow-Güstrow-Kanal, durch das Warnowtal zielstrebig gen Rostock. Wer unterwegs Lust auf nordische Malerei hat, kann in Schwaan die Künstlerkolonie besuchen.

Seeluft schnuppern ab Warnemünde: hier der Autor auf der Fähre zwischen Warnemünde und Hohe Düne.
Seeluft schnuppern ab Warnemünde: hier der Autor auf der Fähre zwischen Warnemünde und Hohe Düne. © Peter Redlich

Im Container schlafen, auf Mole schlendern

Wir nächtigen im originellen Container-Hotel „Dock Inn“, nur fünf Minuten zu Fuß bis zum Alten Strom. Am Abend laufen die Fähren ein. Ein Spaziergang auf der Mole gehört zum Tagesausklang. Hinterm breiten Weststrand versinkt die Sonne ins Meer. Der nächste Tag startet mit einer Seefahrt. Im Warnemünder Fährhafen führt der Radweg direkt bis ans Schiff. Eine einfache Überfahrt kostet in der Hauptsaison 28 Euro plus 1,50 Euro fürs Rad. Zwei Stunden sind wir auf dem Meer. Tipp: Das maritime Buffet an Bord ist üppig und kostet samt Getränken 27 Euro. Mancher Rostocker fährt extra deswegen mit. Zehnmal am Tag läuft das Schiff aus. Die Zeit an Bord vergeht schnell. Auf nach Kopenhagen, die verbleibenden 130 Kilometer. Die Fahrt gegen den Wind ist nicht ohne – mit dem E-Bike aber kein Problem. Ein Abstecher direkt an der Küste entlang über die Insel Møn lohnt sich. Hier gibt es überall die bunten skandinavischen Ferienhäuser.

18 Brücken nur für Radfahrer und Fußgänger

Dänemarks Hauptstadt naht. Der Radweg Berlin-Kopenhagen ist hier die Route 9. Jesper Pørksen, Direktor für Fahrradtourismus, führt uns entlang der Küste auf bestens ausgeschilderten Wegen bis zum Kopenhagen-Kanal. Schon lange vorher wird deutlich, wir sind im Radfahrerland. Nach der Arbeit rollen die Hauptstädter ins Grüne und an den Strand –- mit dem Rad. Mehr als zwei Drittel der Schüler sind auf dem Schulweg mit dem Rad unterwegs. 745.000 Fahrräder gibt es in der Stadt, 40.000 davon sind Lastenräder, fünfmal mehr als Autos. Und das Schönste: Radfahrer haben fast überall Vorfahrt. Die Radwege sind teils breiter als die Fahrbahn für die Autos. Der öffentliche Bootsbus auf den Wasserwegen nimmt Räder mit. Seit 2006 wurden 18 Brücken nur für Radfahrer und Fußgänger gebaut. Auf einer davon treffen wir uns mit Maria Hougaard zur Stadtrundfahrt mit dem Rad. Die kreisrunde Zirkelbrücke mit ihren Masten sieht aus wie ein Schiff, ist aufklappbar und architektonisch so interessant wie die meisten der Rad-Fußgänger-Brücken. Eine andere schlängelt sich über den Kanal, Schlangenbrücke sagen die Einheimischen, die hier in Anzug, im Regenmantel oder Sportdress in Scharen unterwegs sind. Wir sind im Paradies der Radfahrer angelangt.

In elf Tagen fahrbar

© SZ-Grafik/Gernot Grundwald
  • Radweg: Rund 700 Kilometer einschließlich der Fährpassage Rostock-Gedser – zumeist Rad- und Waldwege oder wenig befahrene Nebenstraßen, kaum Steigungen, nur Hügel im Mecklenburger Seenland. Gute Reisezeit ist von April bis Oktober. Eindrücke und Tipps finden Sie hier.
  • Unterkünfte: Entlang der Strecke gibt es über 50 zertifizierte Bed+Bike-Unterkünfte für eine oder mehrere Nächte, eine Reservierung ist ratsam.
  • Fahrrad: Entweder mit den eigenen Rädern oder mit einem Tourenanbieter (zum Beispiel Mecklenburger Radtour GmbH), der auch die Räder zur Verfügung stellt (derzeit E-Bike 30 Euro/Tag, normales Rad 15 Euro/Tag). Geplante elf Tage mit zehn im Voraus gebuchten Quartieren samt Frühstück, Fährüberfahrt und Gepäcktransport kosten zurzeit ab 1.599 Euro.
  • Unterstützung der Reise: VisitBerlin; Reiseland Brandenburg; Auf nach MV; urlaubsnachrichten.de; scandlines.com; VisitDenmark; cykelturisme.dk