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Europapark: Ein ganzer Kontinent an einem Tag

Deutschlands größter Freizeitpark mit über 100 Attraktionen ist eine perfekt inszenierte Reise durch 15 Länder. Wo geht sie hin? Immer schneller, höher, weiter?

Mit bis zu 130 km/h in die Tiefe: im Silver Star, einer der höchsten Achterbahnen Europas.
Mit bis zu 130 km/h in die Tiefe: im Silver Star, einer der höchsten Achterbahnen Europas. © Europa-Park

Der Silver Star fällt aus 73 Metern Höhe fast senkrecht nach unten. Für einen Blick bis rüber ins Elsass bleibt keine Zeit. Gewaltige Fliehkräfte, die die vierfache Erdbeschleunigung erreichen, drücken die Fahrgäste gegen die Haltebügel. Ein Gefühl der Schwerelosigkeit stellt sich ein. Manche jauchzen, andere schreien oder pressen Augen und Mund zusammen, auf dass es bald vorbei sei. Die dreiminütige Fahrt im Europa-Park geht an die Grenzen dessen, was der Körper aushalten kann.

Achterbahnen wie der Silver Star dürfen heute in Vergnügungsparks nicht fehlen, wenn sie im globalen Wettbewerb um den schönsten Nervenkitzel mithalten wollen. „Doch man muss aufpassen, dass man dabei die Masse der Besucher nicht aus den Augen verliert“, sagt Roland Mack, Seniorchef des Europa-Parks. „Für mich sind das ganz klar die Familien – Kinder, Eltern, Omas und Opas, die gemeinsam Zeit miteinander verbringen wollen.“

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Getreu dieser Philosophie hat der 70-Jährige in Rust den mit Abstand größten Freizeitpark Deutschlands aufgebaut: mit mehr als 100 Attraktionen und einem opulenten Showprogramm für alle Altersklassen. Fast sechs Millionen Besucher strömten im vergangenen Jahr in den Park im Dreiländereck von Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Zwar dürfen nach zweimonatiger Coronapause jetzt „nur noch“ 15.000 Gäste am Tag kommen. Doch der Spaß geht auch mit Maske, permanenter Desinfektion und eingeschränktem Showbetrieb weiter. Raus aus dem Alltag, rein in eine perfekt inszenierte Welt voller Emotionen und Illusionen.

Hat ein Unterhaltungsimperium aufgebaut: Roland Mack, Chef des Familienunternehmens Europa-Park.
Hat ein Unterhaltungsimperium aufgebaut: Roland Mack, Chef des Familienunternehmens Europa-Park. © Ingo Dubinski

Die Mack’sche Geschichte hört sich dabei an wie eine der großen Familiensagas, die Filmemacher so gern als Vorlage nutzen. Eine Handwerkerfamilie, die seit Generationen Wagen und Fahrgeschäfte für Schausteller und Zirkusse baut, kommt bei einem Amerikabesuch auf die Idee, in einem badischen Fischerdorf einen Park zu eröffnen – als Schaufenster für die eigenen Produkte. Doch kurz vor der Einweihung 1975 stirbt der Betreiber. Roland Mack, gerade erst mit dem Maschinenbaustudium fertig, steigt in das Geschäft seines Vaters ein. Keiner glaubt an das Konzept. Doch getrieben vom eigenen Qualitätsanspruch und dem internationalen Wettbewerb baut Mack die Firma zu einem Unterhaltungsimperium aus, das sechsmal in Folge als weltweit bester Freizeitpark ausgezeichnet wurde. „Qualität fängt bei mir bei der Sauberkeit an, geht über die Gestaltung, Sicherheit bis hin zur Freundlichkeit der Mitarbeiter“, sagt er. Mit bis zu 4.500 direkt und 10.000 indirekt Beschäftigten zählt der Europa-Park heute zu den größten Arbeitgebern der Region.

Vor dem Voletarium hat sich eine Warteschlange gebildet. Ein fiktiver Name für ein Institut, in dem der Traum vom Fliegen wahr werden soll. Die 2017 eingeweihte Familienattraktion zeigt exemplarisch den Anspruch des Parks: Menschen nicht nur Zerstreuung bieten, sondern Teil einer Geschichte werden zu lassen – und ihnen in der Wartezeit spielerisch noch etwas Wissen mitzugeben. In zwei kuppelförmigen Sälen wird der Besucher in die Welt der Gebrüder Eulenstein entführt, die bereits 1825 den ersten bemannten Motorflug absolviert haben sollen. Fast glaubt man das wirklich, wenn man in dem sesselliftartigen Flugapparat sitzt und in rasantem Wechsel die schönsten Plätze Europas von oben sieht: Schloss Neuschwanstein, Venedig, Paris, London oder den Aletschgletscher. Die aufwendigen Filmaufnahmen mit Helikopter und Drohnen wirken auch deshalb so täuschend echt, weil sich das Fluggerät mitbewegt und der jeweils passende Geruch einströmt. Eine Europareise in Coronazeiten, ohne Grenzen.

Im Voletarium wird der Traum vom Fliegen wahr – bei einem rasanten Flug zu den schönsten Plätzen Europas.
Im Voletarium wird der Traum vom Fliegen wahr – bei einem rasanten Flug zu den schönsten Plätzen Europas. © Europa-Park

Dass die Macks ihren Park Europa nannten, war vor 45 Jahren visionär. „Es gab noch keinen Euro und keine politische Zusammenarbeit“, erinnert sich Seniorchef Mack. Mit der Zeit ist der Park auf 15 Themenbereiche gewachsen, von denen jeder einem europäischen Land gewidmet ist. Ein Ort, an dem die Nationen friedlich zusammenkommen. Die Macks haben dazu aus ganz Europa Originalteile zusammengetragen. In ihrer Schweiz sieht es tatsächlich aus wie im Walis, und in Russland steht die Weltraumstation Mir.

Während andere Freizeitparks ihre Besucher vornehmlich mit Cola, Burger und Pommes abspeisen, lässt sich in Rust halb Europa auch verkosten: in einer originalgetreu gestalteten Bodega, im Wiener Kaffee oder Erdinger Weißbiergarten. Fast die gesamte Gastronomie betreiben die Macks selbst – in Verantwortung von Sohn Thomas. Wer möchte, kann sich unter schattige Bäume zum Picknick zurückziehen. Denn der Park war früher ein echter Park – von Schloss Balthasar, das heute eine märchenhafte Kulisse für Traumhochzeiten abgibt. Auch der Fluss Elz im Park ist echt, während die etwa 32.000 Kubikmeter Wasser für die Wasserbahnen oder die Kinderwasserwelt aus Tiefbrunnen kommen.

In der Spanischen Arena hat die Show „El Baron“ begonnen – ein Spektakel um ein gestohlenes Amulett mit waghalsigen Stunts und rassigen Pferden. Neben der Arena gibt es noch weitere imposante Show-Bauten, die den jeweiligen Ländern nachempfunden sind: das Globe Theater in England mit einer Zauberschau zum Beispiel oder das Eisstadion in Griechenland mit einer Revue auf Kufen. Die Hygieneregeln werden dabei sehr ernst genommen. Sowie auch nur ein Zuschauer die Nase aus seiner Maske steckt, wird er freundlich zum Bedecken aufgefordert. „Wir betreiben einen großen Aufwand für den Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner“, sagt Roland Mack. Tausende Hygieneaufkleber, Hunderte Kilometer durchsichtige Folie zum Abtrennen der Wartebereiche, zusätzliches Personal zum Reinigen und Desinfizieren. Mack schätzt, dass Corona ihn bis zum Jahresende fast 200 Millionen Euro Umsatz kostet, vor allem durch das fehlende Event- und Tagungsgeschäft. Denn längst kommen die Gäste nicht mehr nur zum Achterbahnfahren nach Rust.

„Schon in den 90er-Jahren hatte der Park eine Größe erreicht, wo nicht mehr alles an einem Tag zu schaffen war“, sagt Roland Mack. „Wir brauchten ein Hotel. Doch die Suche nach einem Betreiber blieb erfolglos. Zu hoch schien das Risiko, dass die Betten von Montag bis Donnerstag leer bleiben.“ Ein schwerer Irrtum. Im vergangenen Jahr hat das Familienunternehmen sein sechstes selbst geführtes Hotel eröffnet – jedes eine kleine Erlebniswelt für sich: Burgromantik im Alcazar, Klostergefühle im Santa Isabel oder italienisches Flair im Closseo. Um die Piazza gruppieren sich Restaurants und Bars, ein Springbrunnen tanzt abends zu Nabucco. Und weil Roland Mack ein detailverliebter Perfektionist ist, hängen aus einigen Hotelfenstern Wäschestücke – nur so, fürs Italien-Flair.

„Mit 5.800 Betten sind wir heute Deutschlands größtes zusammenhängendes Hotel-Resort“, sagt er. Die Auslastung liege bei über 90 Prozent. Dabei kosten die Zimmer überdurchschnittlich viel. Ein Zwei-Sterne-Restaurant und drei Sommeliers kümmern sich auch um gehobene Ansprüche. Zwar stünden die Hotelketten inzwischen Schlange. Doch der Senior winkt ab: „Wir haben uns schon Standorte für zwei weitere Häuser gesichert.“

Wer dieses „Wir“ ist und wer was zu sagen hat, steht in einer Familiencharta. Roland Mack ist gleichzeitig Gesellschafter der Firma Mack Rides, die heute weltweit zu den Marktführern bei der Entwicklung und Produktion von Freizeitparkattraktionen gehört. Etwa 90 Prozent der Fahrgeschäfte in Rust und auch die neue Achterbahn „Dynamite“ im Freizeitpark Plohn stammen aus seiner Firma in Waldkirch. „Gerade haben wir einen Auftrag aus Kasachstan für ein neues Voletarium bekommen“, sagt Roland Mack. Bruder Jürgen kümmert sich im Europa-Park um die Finanzen und ums Personal, Sohn Thomas neben der Gastronomie um Hotellerie und Shows, Tochter Ann-Kathrin um Architektur und Bauen und Sohn Michael um die Zukunft. Denn das scheinbar leichte Vergnügen ist ein hartes Geschäft, vor allem durch neue multimediale Alternativen.

Mit der Firma MackMedia versucht Sohn Michael seit einigen Jahren, den Park in ein neues Zeitalter zu führen: in Form eines 4-D-Kinos oder des Traumzeit-Doms zum Beispiel, in dem Besucher in einer 360 Grad-Projektion Originalaufnahmen des Weltraumflugs von Alexander Gerst bestaunen können. Mit MackNext will er sich nun um digitale Innovationen kümmern, wie sie im Park bereits durch Achterbahnfahrten mit einer VR-Brille erlebbar sind.

Seit seiner Eröffnung ging es mit dem Europa-Park immer nur bergauf. Knapp eine Milliarde Euro hat das Familienunternehmen bis heute investiert. In den Hotels hängen unzählige Fotos: ein strahlender Roland Mack mit dem Papst, mit Angela Merkel, mit Jogi Löw oder Kofi Annan. „In nachdenklichen Momenten spricht Mack aber auch davon, dass ihn die Angst antreibt, dass es mit dem nicht enden wollenden Erfolg eines Tages vorbei sein könnte“, schreibt Autor Benno Stieber in einem Buch über den „König der Achterbahnen“.

Nach den größten Herausforderungen gefragt, nennt der Seniorchef nicht etwa das Coronavirus, sondern den Kampf um Grundstücke und Genehmigungen für weitere Attraktionen. Für seine Wasserwelt Rulantica seien von der ersten Idee bis zur Eröffnung Ende 2019 fast 20 Jahre vergangen. Mack: „Das würde kein Investor mitmachen.“ Trotzdem klingen seine Pläne für die Zukunft heute so visionär wie damals das vom vereinten Europa: Nicht mehr nur Ausflugsziel, sondern Freizeitdestination zu werden – und damit Alternative zum Urlaub auf Mallorca oder in Griechenland: zwei Tage Europa-Park, ein Tag Rulantica, ein Tag das neue VR-Abenteuer Yullbe.

Der Megacoaster Blue fire katapultiert die Fahrgäste in 2,5 Sekunden von null auf 100 km/h. Einige jauchzen, andere schreien. Geht es noch schneller, höher, weiter?

Infos zum Europa-Park

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  • Anreise: von Dresden 650 Kilometer nach 77977 Rust.
  • Geöffnet: bis 8.11. täglich 9 bis mindestens 18 Uhr, 9.11.-10.1. täglich 11 bis mind. 19 Uhr (24./25.12. geschl.)
  • Tickets: Kinder bis 3 Jahre frei, 4-11 Jahre und ab 60 Jahre 47 €/Wintersais. 42 €; Erwachsene 55 €/50 €.
  • www.europapark.de

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