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Reisen wird nie mehr so wie früher - hoffentlich!

Deutschland sehnt sich nach Sommerurlaub. Doch mit der Solidarität ist es beim Reisen dahin. Drei Gründe, warum Tourismus anders werden muss.

Das Reisen wird in Zukunft nachhaltiger werden müssen. Damit hat es aber auch die Chance, wieder zu etwas besonderem zu werden.
Das Reisen wird in Zukunft nachhaltiger werden müssen. Damit hat es aber auch die Chance, wieder zu etwas besonderem zu werden. © Jens Büttner/dpa

Ostern daheim. Der Brückentag nach Himmelfahrt verstrichen. Und auch Pfingsten fällt ein Kurzurlaub für die meisten flach. Nach Monaten der Selbst- und Fremdbeschränkung ist die Sehnsucht nach Tapetenwechsel groß. Die Menschen sind müde von Schule und Arbeit, die für viele nun ebenfalls Home bedeuten. Wann endlich wird Reisen wieder so unbeschwert möglich sein wie früher?

Wie früher wohl nie. Und dafür gibt es mindestens drei Gründe.

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Erstens: Auch 2021 wird kein normales Urlaubsjahr. Zwar sinken die Infektionszahlen, und Politiker betonen jetzt auffällig häufig, dass es "einen Sommerurlaub“ geben wird. Doch das klingt nach Durchhalteparole. Als ob Urlaub nur im Sommer möglich wäre. Die Hotels in Deutschland sind noch geschlossen. Denn im Elend sollen alle gleich sein und Geimpfte und Genesene Solidarität üben. An sich ein lobenswertes Ziel.

Doch dass diese Solidarität bröckelt, daran sind Politiker nicht unschuldig. Kaum ist die Bundesnotbremse beschlossen, die Gleichheit in der zersplitterten Republik verspricht, da stellen die ersten Landesfürsten eigene Regeln fürs Reisen auf: Schleswig-Holstein prescht vor und öffnet am Montag die Hotels, Bayern ab Freitag bei Inzidenzen unter 100. Sachsen wartet auf die 50 und Meck-Pomm pauschal bis zum 14. Juni. Das ist Chaos und wirkt willkürlich.

Schneller reisen ist nicht besser reisen

Geimpfte und genesene Deutsche sind im Ausland bereits willkommen. Mit weniger Angst vor einer Neiddebatte hätte sich der Solidaritätsgedanke hierzulande auch andersherum betrachten lassen. Die Pandemie hat die Hoteliers mit am heftigsten getroffen.

Wäre es nicht solidarisch mit ihnen, wenn sie durch Gäste, von denen keine Gefahr mehr ausgeht, jetzt wieder erste Einnahmen hätten? Zumal Ungeimpfte meist Familien sind, die ohnehin auf die Ferien warten müssen. Doch nun gilt: Alles auf Sommer! Das coronabedingte Unbehagen in Menschenmengen wird uns sicher noch länger als einen Sommer erhalten bleiben.

Zweitens: Unabhängig davon wünscht sich wohl niemand die Auswüchse des früheren Massentourismus zurück, der eher Stress als Entschleunigung und Entspannung gebracht hat: schon bei der Anreise stundenlange Staus auf Autobahnen, verspätete Züge, Schlangen bei der Abfertigung auf den Flughäfen, überreizte Kinder. Statt sich im Streit zu erschöpfen, wer, wann wieder wohin darf, muss deshalb endlich auch über das Wie geredet werden: Wie wollen wir künftig reisen?

Corona – und das ist erfreulich – hat den Ruf nach einer neuen Qualität des Tourismus verstärkt. Jetzt, wo die Maschinerie steht, ist es Zeit, über die Gesundung eines Systems nachzudenken, bei dem es weniger um Erholung, als um immer öfter, weiter und schneller reisen ging.

Rückfall in alte Muster

Die Folgen sollten sich nicht wiederholen: überfüllte Weltstädte und Strände, Inseln im Ozean, die von Tausenden Kreuzfahrern überflutet und ihrer Identität beraubt werden. Safariparks, in denen Touristen nicht Tiere beobachten, sondern Trophäenfotos von den Big 5 für Daheimgebliebene schießen. Ein Trend, den die Generation Selfie beschleunigt hat. Wer von den Malediven postet, dem wird automatisch ein Traumurlaub unterstellt.

Vielleicht ist es eine der wenigen positiven Seiten der Pandemie, dass sie den Blick für das Gute geschärft hat, das so nahe liegt: Wander- und Radwege im eigenen Land; die Wiederentdeckung der Natur und mit ihr neue Urlaubsformen per Boot, Caravan oder Zelt. Viele Menschen haben gemerkt, dass man nicht überall hinfliegen muss, wo man hinfliegen kann. Und dass sich das Geld für eine Fernreise auch für Dinge ausgeben lässt, die den Alltag angenehmer machen.

Der Osteransturm auf Mallorca hat aber auch gezeigt, dass Menschen schnell zu alten Verhaltensmustern zurückkehren – es sei denn, es gibt Alternativen. Insofern braucht es Investitionen in die touristische Infrastruktur. Es reicht beispielsweise nicht, mit dem schönsten Flussradweg Deutschlands zu werben. Er muss angesichts des steigenden E-Bike-Verkehrs gleichzeitig mit ausgebaut werden.

Das Reisen wieder ernst nehmen

Drittens: Letztlich wird Reisen auch deshalb nicht mehr wie früher, weil sich Deutschland ehrgeizige Ziele für den Klimaschutz gesetzt hat. Zur Ehrlichkeit gehört dazu, dass diese Ziele nicht ohne unpopuläre Veränderungen auch im Tourismus erreichbar sein werden.

Einige Veranstalter gehen bereits voran. So bietet ASI Reisen als erstes Unternehmen der Branche keine Zubringerflüge im Inland mehr an. Andere kompensieren freiwillig klimaschädliches CO2. Billigflüge für 39 Euro nach London oder Palma wird es bald nicht mehr geben. Denn die realen Kosten für die Umwelt sind viel höher.

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Nachhaltiger reisen bedeutet aber nicht, dass alle nur noch an den Baggersee fahren sollen. Die Lösung heißt seltener, dafür aber gern länger und vor allem bewusster Urlaub machen. Wenn schon fliegen, dann nicht zum Sonnen auf die Seychellen, sondern um Länder zu erkunden und Geld bei Einheimischen auszugeben. Es geht auch schon viel kleiner: die Klimaanlage beim Verlassen des Hotels abstellen, Wasser sparen oder auf Lunchpakete in Plastikfolie verzichten.

Der Reisestopp in der Pandemie hat vielen gezeigt, wie wertvoll ihnen das Reisen ist. Wertvolles muss man schützen. Insofern ist es gar nicht so schlecht, wenn Reisen nicht mehr wie früher wird.

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