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Schwarzfahrt zu den Freunden

Sowjetische Berge lockten Abenteurer aus der DDR. Mit Mut und List ging auch der Pirnaer Klaus Jäschke auf Expedition.

Undercover im Sowjetreich: Bergfreunde aus Pirna lagern 1973 unterhalb des 6.700 Meter hohen Pik Dserschinski im Alai-Gebirge in Kirgistan.
Undercover im Sowjetreich: Bergfreunde aus Pirna lagern 1973 unterhalb des 6.700 Meter hohen Pik Dserschinski im Alai-Gebirge in Kirgistan. © Foto: privat/Repro: Daniel Schäfer

Auf dem Fußboden vor dem Fernseher liegt die Gymnastikmatte. Sie ist die Kampfansage von Klaus Jäschke an den inneren Schweinehund. Den muss man besiegen, sagt er, "der hält dich nur auf". Also turnt er jeden Morgen mit, beim Tele-Gym vom Bayrischen Fernsehen. Er ist jetzt 81. Andere wollen da längst ihre Ruhe. Klaus Jäschke nicht. Wer weiß, wie viel Zeit ihm noch bleibt. "Ich will was sehen von der Welt."

Der einstige Schlosser und Ingenieur für Klimatechnik Klaus Jäschke hat schon mehr von der Welt gesehen als die meisten. Seine Zweizimmerwohnung auf dem Pirnaer Sonnenstein ist tapeziert mit Reisebildern. Meistens sind Berge darauf: Pitz Palü im "Festsaal der Alpen". Matterhorn, da ist er zum 70. Geburtstag raufgeklettert. Der Pik Energie, Tadschikistan, ein Fünftausender, bezwungen mit - er muss nachrechnen - 77. "Eine schöne Zahl."

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"Wir wollten raus." Klaus Jäschke, 81, aus Pirna fuhr als DDR-Bürger siebenmal illegal zum Bergsteigen in die Sowjetunion.
"Wir wollten raus." Klaus Jäschke, 81, aus Pirna fuhr als DDR-Bürger siebenmal illegal zum Bergsteigen in die Sowjetunion. © Daniel Schäfer

Auf dem Pik Energie hat Klaus Jäschke schon 43 Jahre zuvor gestanden, 1972. Damals gehörte Tadschikistan zur Sowjetunion. Und Klaus Jäschke gehörte in die DDR, nicht auf diesen Gipfel im zentralasiatischen Fangebirge. Jedenfalls nicht auf eigene Faust. Tourismus beim "Großen Bruder" funktionierte organisiert. Herumreisen wie man wollte war unmöglich, sagt Jäschke. "Da hatte man eigentlich keine Chance."

Das Schlupfloch hieß Transitvisum

Doch es gab ein Schlupfloch: das Transitvisum, die Aufenthaltserlaubnis, die nur zur Durchreise galt, etwa in Richtung Balkan. Irgendwo an der Strecke setzten sich die Abenteurer ab und folgten ihrem eigenen Weg. Sie wurden "UdF-Reisende" - unerkannt durch Freundesland.

Die Gebirgslandschaft im sowjetischen Mittelasien war das Ziel der Undercover-Urlauber aus der DDR.
Die Gebirgslandschaft im sowjetischen Mittelasien war das Ziel der Undercover-Urlauber aus der DDR. © SZ Grafik

Klaus Jäschke, aufgewachsen im Elbsandsteingebirge, war seit der Jugend klettern gewesen. Ab Anfang der 1960er gehörte er dem Kletterclub Berggefährten Pirna an. Auf Fahrt zu gehen, war seine größte Freude. Dass der Staat die Reisemöglichkeiten immer mehr beschnitt, wurmte ihn. Er dachte daran abzuhauen. Da riet ihm ein Freund, die ersehnte Freiheit in der Sowjetunion zu suchen.

Stempel kopieren mit dem Eier-Trick

Um den offiziellen Stellen der DDR die Reise plausibel zu machen, waren Flunkereien vonnöten, die heute absurd klingen. So wurde aus einer privaten Kletterfahrt die "Mittelasien-Expedition der Bezirksfachgruppe Alpinistik Dresden anlässlich des 30. Jahrestages der Befreiung vom Hitlerfaschismus". Eingeladen von den Genossen des Alpinistenclubs der Staatlichen Tadschikischen Universität werde man die deutsch-sowjetische Freundschaft pflegen.

Annäherung ans Gebirge: Mit der sowjetischen Staatsbahn rollen die Bergfreunde von Taschkent nach Samarkand.
Annäherung ans Gebirge: Mit der sowjetischen Staatsbahn rollen die Bergfreunde von Taschkent nach Samarkand. © Foto: privat/Repro: Daniel Schäfer

Die Konzeption, drei Seiten lang, war blanker Nonsens. Hauptsache sie klang gut und es waren die richtigen Stempel auf den Papieren, notfalls kopiert, mittels eines geschälten, hart gekochten Eis. "Wir haben die Leute veralbert und an der Nase herum geführt", sagt Klaus Jäschke. "Aber wir wollten ja raus."

Überleben mit Dosenbrot und Tütensuppe

Das Gepäck wog schwer. Allein die Verpflegung für drei Wochen machte in jeder Kraxe sechs Kilo aus. Mit dabei: Dosenbrot vom VEB Großbäckerei Pasewalk, Tütensuppen von Suppina Auerbach, Kekskomprimat von Wikana Wittenberg. Was auch mitreiste war die Sorge, erwischt zu werden, und vielleicht nie wieder reisen zu dürfen. "Wir waren in der DDR ja alle ein bisschen ängstlich", sagt Jäschke.

So weit die Füße tragen: Mit vollgestopften Kraxen marschieren die Sachsen 1982 durch das Schingtal in Tadschikistans Fanbergen.
So weit die Füße tragen: Mit vollgestopften Kraxen marschieren die Sachsen 1982 durch das Schingtal in Tadschikistans Fanbergen. © Foto: privat/Repro: Daniel Schäfer

Ziel der Reisen war meist die Bergwelt Zentralasiens, wo Tadschikistan, Kirgistan und Usbekistan aneinander stoßen. Angekommen auf dem Flugplatz oder an der Bahnstation waren Freundschaftsmeetings und Erfahrungsaustausch kein Thema mehr. Man charterte irgendein Fahrzeug und sah zu, dass man Land gewann. Nur weg von den Behörden. Draußen, in der Landschaft, war man sicher.

Rubel auf dem Basar eingehandelt

1972 erlebte Klaus Jäschke zum ersten Mal die märchenhafte Exotik der Region, mit Palästen, Minaretten, Wüstenoasen. "Die Landschaft war fantastisch schön." Auf dem Basar wurden Rubel besorgt, indem man Sachen aus der DDR verkaufte. Geld war wichtig als "Schmierstoff". Präsente aber auch. Fuhr der gemietete Laster mal nicht weiter, konnte ein schönes Messer dafür sorgen, dass es eben doch weiter ging.

Wieder mal keine Brücke da: Ein einheimischer Hirte setzt die Wanderer mittels Pferd über den Koksu-Fluss in Tadschikistan.
Wieder mal keine Brücke da: Ein einheimischer Hirte setzt die Wanderer mittels Pferd über den Koksu-Fluss in Tadschikistan. © Foto: privat/Repro: Daniel Schäfer

Wenn kein Rad mehr rollte, nutzte man Pferde oder Maultiere. Beim Durchwaten von Gebirgsflüssen mussten Mensch und Tier angeseilt werden, damit die Fluten sie nicht fortgeschwemmten. Oft genug war keine Brücke zur Hand, oder sie war durch Lawinen oder Hochwasser zerstört. Provisorien aus Baumstämmen, so wacklig sie auch aussahen, nahm man dankbar an.

Wölfe, Bären, wilde Ochsen

Oft genug blieben zum Fortkommen nur Schusters Rappen und der Spürsinn. Touristische Landkarten gab es für die Allgemeinheit nicht. Klaus Jäschke erzählt, wie ein Freund aus Thüringen die Karten selber zeichnete, nach sowjetischen Originalen. "Auf denen fehlte aber auch die Hälfte." Rückkehrer gaben Tipps, wie es wirklich vor Ort aussah. So wurde das Kartenmaterial langsam besser. Die eigentümlichen brauen Lichtpausen hütet Jäschke bis heute.

"Fantastisch schöne Landschaft." Die Frauen der Bergsteiger waren mit auf Tour und bewältigten enorme Marschleistungen.
"Fantastisch schöne Landschaft." Die Frauen der Bergsteiger waren mit auf Tour und bewältigten enorme Marschleistungen. © Foto: privat/Repro: Daniel Schäfer

Die schöne doch karge Bergwelt war praktisch ohne Menschen. Dafür gab es Wölfe, Steinböcke, Bären, wilde Yaks. Wann immer die Abenteurer auf Einheimische trafen, wurden sie eingeladen, bewirtet und ausgefragt. Die Wenigsten waren aus ihrem Tal je herausgekommen. "Für die waren wir echte Exoten", sagt Jäschke.

Mehrmals erwischt, aber nie bestraft

Bei der Begegnung mit Offiziellen gaben sich die Bergfreunde aus der DDR als Bürger der baltischen Sowjetrepubliken aus, als Letten oder Esten, um ihr spärliches Russisch zu erklären. Zweimal flogen sie dennoch auf und wurden aus dem Land geworfen.

"Für die waren wir echte Exoten." Die Pirnaer Bergfreunde zu Gast bei einer Hirtenfamilie nahe der Peter-I.-Kette im nordwestlichen Pamir.
"Für die waren wir echte Exoten." Die Pirnaer Bergfreunde zu Gast bei einer Hirtenfamilie nahe der Peter-I.-Kette im nordwestlichen Pamir. © Foto: privat/Repro: Daniel Schäfer

Konsequenzen gab es keine. Dass die DDRler illegal in der Sowjetunion herumspaziert waren, hätte bedeutet, dass ein sowjetischer Beamter etwas falsch gemacht hat. "Ein sowjetischer Beamter macht aber keine Fehler", sagt Klaus Jäschke. "Und das haben wir schamlos ausgenutzt."

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Heute darf er reisen, wohin er will. Wenn nicht gerade Corona ist. Doch selbst die Pandemie kann Klaus Jäschke nicht aufs Sofa bannen. Letzten Sommer radelte er mit Partnerin und Zelt an die See und wieder zurück, über 2.000 Kilometer weit. Im Winter schaffte er 41 Skitage. Pläne hat er noch viele. Südamerika wäre toll, Kanada auch. "Auf jeden Fall habe ich Hummeln."

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