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"Ich würde heulen, wenn das stirbt"

Das Aus für den Waldcampingplatz bei Karsdorf ist besiegelt. Doch das Leben im Wohnwagen geht weiter. Vorerst.

"Wir brauchen kein Luxushotel." Christel und Lothar Vogel in ihrem umgebauten Bauwagen auf dem Waldcampingplatz Heidemühlenteich bei Karsdorf.
"Wir brauchen kein Luxushotel." Christel und Lothar Vogel in ihrem umgebauten Bauwagen auf dem Waldcampingplatz Heidemühlenteich bei Karsdorf. © Egbert Kamprath

Sie trägt ein Tuch ums feuerrote Haar gebunden, das Handy in der Latzhose, Sneakers an den Füßen, so als wollte sie in die City. Stattdessen bugsiert Claudia Mihàly-Anastasio eine Schubkarre mit Grasberg über die Wiese vor ihrem alten Zirkuswagen. Die 46-Jährige, alltags Chefin eines Friseurladens, mag nicht nach Dauercamper aussehen. Aber sie denkt wie einer. Dieses Stück Erde nennt sie ihr Kleinod, ihre Seelentankstelle. "Ich würde heulen, wenn das stirbt."

So wie die Dinge liegen, stirbt der Waldcampingplatz am Karsdorfer Heidemühlenteich. Auf Raten. Anfang Mai hat der Staatsbetrieb Sachsenforst als Eigentümer den neuen Nutzungsvertrag mit Langzeitpächter Hagen Kusebauch signiert. Demzufolge werden die aktuell rund einhundert Dauercamperplätze in den kommenden fünf Jahren schrittweise abgeschmolzen. Am 31. Dezember 2025 sollen alle Wagen und Behausungen weg sein.

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Wo die Eichhörnchen Polka tanzen

So endet die mehr als fünfzigjährige Geschichte dieses Stücks Dippoldiswalder Heide als Freizeitobjekt. 1968 war der Campingbetrieb aufgenommen worden. "Eigentum des Volkes" stand im Grundbuch. Rechtsträger war aber schon damals der Forst. Heute gehört die Fläche dem Freistaat. Der zuständige Forstbezirk Bärenfels möchte kein Campingplatzbesitzer mehr sein. Man habe sich, sagt Forstbezirkschef Sven Irrgang, auf die eigentliche Aufgabe zu konzentrieren: die Entwicklung des Waldes.

"Hier ist meine Seelentankstelle." Dauercamperin Claudia Mihàly-Anastasio bei der Gartenarbeit am Grillplatz von "Schneise 1".
"Hier ist meine Seelentankstelle." Dauercamperin Claudia Mihàly-Anastasio bei der Gartenarbeit am Grillplatz von "Schneise 1". © Egbert Kamprath

Claudia Mihàly-Anastasio aus Freital kommt seit 15 Jahren zum Camping an den Heidemühlenteich. Sie verbrachte hier ganze Sommer. Die Kinder wurden hier groß. Auch in den Ferien blieb die Familie auf dem Platz. Was gibt es Schöneres als Wald und See vor der Tür, Aufstehen mit Vogelgezwitscher, die Polka der Eichhörnchen auf dem Wohnwagendach? "Was ich hier habe, kann mir kein Hotel bieten."

"Weil wir es schön haben wollten"

Dass der Forst ihr Kleinod wieder zu Wald machen möchte, versteht die Camperin nicht. Selbst alte Camper könnten sich nicht daran erinnern, dass hier Wald gestanden hätte. Alte Camper wie der 75-jährige Lothar Vogel. Der einstige Stahlwerker ist seit über 40 Jahren auf dem Platz. Eine freie, geschotterte Fläche sei das gewesen, erzählt er, auf die man erst nach und nach Erde gestreut habe. Bäume und Hecken kamen dazu, eine Feuerstelle. "Wir haben das alles selber gemacht", sagt Christel, seine Frau. "Weil wir es schön haben wollten."

Nicht ganz ernst gemeintes Stoßgebet im Campingwagen der Vogels: Besuch kriegen sie gern, und selbst bei Regen finden sie immer was zu tun.
Nicht ganz ernst gemeintes Stoßgebet im Campingwagen der Vogels: Besuch kriegen sie gern, und selbst bei Regen finden sie immer was zu tun. © Egbert Kamprath

Bei Sachsenforst ist Tobias Gockel, Leiter der Rechtsabteilung, mit der Auflösung des Campingplatzes betraut. Er zeigt eine Luftaufnahme des Heidemühlengebiets von 1945, aufgenommen aus einer amerikanischen Militärmaschine. Darauf ist das Gelände dicht bewaldet. Auch in den Fünfzigern: ein dichtes Kronendach. Dass später nicht alle Flächen nach der Holzernte wieder aufgeforstet wurden, sei eine Sonderentwicklung in der DDR gewesen im Zusammenhang mit dem Bau von Ferienanlagen. "Aber es war hier immer Wald."

Munitionsgefahr: "Höchst untersuchungswürdig"

Aus Sicht des Forsts sind die Einrichtungen des Platzes, die im Wesentlichen noch aus der DDR-Zeit stammen, komplett verschlissen. "Jeder Weiterbetrieb würde erhebliche Investitionen erfordern", sagt Tobias Gockel. Diese ließen sich wirtschaftlich nicht darstellen. So sei die Abwägung zwischen dem Neubau eines Campingplatzes und der Wiederaufforstung eindeutig zugunsten des Waldes ausgefallen.

Solche Schilder duldet der Sachsenforst nicht mehr an den Parzellen. Auch dieser Reichsadler verschwand bereits im März.
Solche Schilder duldet der Sachsenforst nicht mehr an den Parzellen. Auch dieser Reichsadler verschwand bereits im März. © Karl-Ludwig Oberthür

Gründe für die Auflösung sieht der Forst aber noch mehr. Zum Beispiel, dass viele Campingwagen durch Um- und Ausbauten kaum noch zu erkennen, geschweige denn fahrbereit seien. Der Platz habe vertragswidrig den Charakter einer Ferienhaussiedlung angenommen. Hinzu komme die Gefahr durch Weltkriegsmunition. Überall in der Heide wird sie gefunden. Auch die Fläche des Campingplatzes sei höchst untersuchungsbedürftig, sagt Gockel. Das gehe nicht, ohne die aufgeschütteten Terrassen abzutragen.

Alle Reichsadler sind verschwunden

Was noch eine Rolle spielt: das Klima auf dem Platz. Die Bereitschaft zu Rücksichtnahme und "angstfreiem Umgang" untereinander sei nicht bei allen Nutzern vorhanden, hat Gockel in Unterredungen mit einzelnen Campern erfahren. Berichte über Drogenkonsum und extremistische Umtriebe stünden im Raum. Bis kürzlich waren noch Schilder mit Reichsadlern und der Aufschrift "Reichsgrenze" oder "Deutsches Schutzgebiet" an einigen Behausungen zu sehen.

Schon immer einen Ausflug wert: Der Heidemühlenteich in der Dippoldiswalder Heide mit Badegästen vor etwa einhundert Jahren.
Schon immer einen Ausflug wert: Der Heidemühlenteich in der Dippoldiswalder Heide mit Badegästen vor etwa einhundert Jahren. © Sammlung H.-J. Stock

Die Polizei weiß auf SZ-Nachfrage nichts von Vorkommnissen in dieser Richtung. Auch in den zurückliegenden Jahren sei der Campingplatz kein Schwerpunkt von Kriminalität gewesen. Adler-Schilder aufhängen ist nicht verboten. Der Forst versteht die Geste jedoch als Infragestellung der verfassungsmäßigen Ordnung. Auch wenn die Adler nun abgeschraubt sind: Die betreffenden Camper erhalten keine Mietverträge mehr.

Wohnwagen vom Dynamo-Spieler übernommen

Für die Alteingesessenen Christel und Lothar Vogel sind solche Dinge sehr weit weg. Zufrieden sitzen die beiden unterm Vordach ihrer Hütte und schauen hinunter auf ihre Schneise, wo die Nachbarn beim Bier zusammenhocken und die Weltlage erörtern. "Hier kann man ewig sitzen", sagt Lothar. Langweilig? Wird es nie. "Man ist immer live dabei."

Der Heidemühlenteich heute. Laut Forst soll er auch nach der Schließung des Campingplatzes für jedermann zugänglich sein.
Der Heidemühlenteich heute. Laut Forst soll er auch nach der Schließung des Campingplatzes für jedermann zugänglich sein. © Egbert Kamprath

Die Vogels leben fürs Campen. Wenn Saison ist, kommen sie jedes Wochenende her. Ihre Behausung war mal ein Bauwagen. Kurz nach der Wende haben sie ihn von einem ehemaligen Spieler von Dynamo übernommen, für mehrere Tausend D-Mark. Es ist Platz genug für ein Doppelbett, Miniküche, Fernseh-Ecke und Veranda. Freilich, kein Luxus. "Wenn wir den gewollt hätten, wären wir woanders hingegangen", sagt Christel. "Ich mag das Einfache, Ungezwungene."

Förster räumen Altbestand selber weg

Die beiden denken gern daran, wie es hier in der DDR war: eine große Familie, die zusammen Disko machte, Theater spielte, Feste feierte. Heute ist das anders, sagt Lothar, weniger persönlich. Es ist eben eine neue Zeit. Das Angebot ist groß. "Damals gab es nichts anderes."

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Der Forst will den Campingplatz Heidemühlenteich bei Karsdorf auflösen. In fünf Jahren sollen alle Bauten geschleift sein.

Die Vogels wollen bleiben, so lange es geht. An den Abschied denken sie noch nicht. In fünf Jahren sind sie achtzig, wer weiß, was dann ist. Der Forst hat sich verpflichtet, Uraltwagen wie ihren auf eigene Kosten zu entsorgen. Wenn es eines Tages so kommt, dann ist es eben so, sagt Lothar. "Dann gehen wir, und lassen die Tür offen."

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