merken
PLUS Freital

Wilde Wege im Tharandter Wald

An der Borkenkäferplage leidet auch das Wegenetz, etwa im Tharandter Wald. Kommt der Forst noch hinterher mit reparieren?

"Traurig, wie es hier aussieht." Brigitte und Lutz Schönberger aus Wilsdruff wandern auf schlammigen Wegen im Tharandter Wald. Hier wurden zuvor Käferbäume mit schwerer Technik gefällt.
"Traurig, wie es hier aussieht." Brigitte und Lutz Schönberger aus Wilsdruff wandern auf schlammigen Wegen im Tharandter Wald. Hier wurden zuvor Käferbäume mit schwerer Technik gefällt. © Daniel Schäfer

Zwei Wanderer stapfen durch den Matsch. Es sind Brigitte und Lutz Schönberger auf ihrem "Butterpilzweg", so nennen sie die Partie am Ascherhübel, der Basaltkuppe im Tharandter Wald, die sie so gerne gehen. Jetzt aber haben sie kaum Augen für den Wald. Sie müssen zusehen, wie sie den knöcheltiefen Morast überwinden. "Traurig, wie es hier aussieht", sagt Brigitte. Schimpfen will sie aber nicht über die Förster. Eher über die Borkenkäfer. Die sind schuld an der Verwüstung, sagt sie. "Das Holz muss ja raus."

Der Wald und seine Wege sind Teil von dem, was der Deutsche Wanderverband neulich als "Deutschlands längste Sportstätte" bezeichnete. Wandern, so stellt die Resolution der Verbandsversammlung vom Oktober klar, sei die bundesweit beliebteste Natursportart, die nicht nur die Gesundheit, sondern auch den sozialen und familiären Zusammenhalt fördere. Dies sei besonders jetzt in der Corona-Pandemie deutlich geworden.

Sündenfrei Mittelalterveranstaltungen
Gut gerüstet für Ihre Sommerfeste?
Gut gerüstet für Ihre Sommerfeste?

Ob Ritterturniere, Stadtfeste, Firmenevents oder Weihnachts- und Mittelaltermärkte - die Agentur Sündenfrei ist der richtige Partner!

"Durch den Wald gewütet." Gästeführer Rolf Mögel aus Spechtshausen geht es gegen den Strich, wenn Waldwege nach der Holzernte im Schlamm versinken.
"Durch den Wald gewütet." Gästeführer Rolf Mögel aus Spechtshausen geht es gegen den Strich, wenn Waldwege nach der Holzernte im Schlamm versinken. © Daniel Schäfer

Rolf Mögel, Pädagoge im Ruhestand, Chef des Vereins Gästeführer Erzgebirge, hat den Waldboom aus nächster Nähe erlebt. Er wohnt um die Ecke vom Ascherhübel, in Spechtshausen. An schönen Wochenenden sei der Ort zugeparkt gewesen, erzählt er. Die Leute hätten den Wald förmlich gestürmt. Das kann er gut verstehen, führt er doch selbst - wenn nicht gerade Corona ist - regelmäßig Wandergruppen und Schulkinder ins Grüne. "Der Wald ist eben was Anheimelndes."

Modderpfützen im Geologischen Museum

Umso mehr ärgert ihn der Zustand einiger Wege, speziell auch in der Gegend um den Ascherhübel. Der Ort ist eine Attraktion, Teil des Geologischen Freilichtmuseums Tharandter Wald. Hier sind die rätselhaften Kugelpechsteine zu finden, Jahrmillionen alte Grüße aus dem Erdmantel. Aber jetzt auch einige Schlammlöcher. Mögel lastet die Zustände den privaten Forstfirmen an. "Die wüten durch den Wald und machen dann ihren Dreck nicht weg." Und der Staatsforst, so hat er gehört, habe zum Hinterherputzen nicht genug Geld und Manpower.

"Temporäre Einschränkungen sind unvermeidlich." Die Käferkrise hat die Waldwege außergewöhnlich stark beansprucht, sagt Kristina Funke vom Forstbezirk Bärenfels.
"Temporäre Einschränkungen sind unvermeidlich." Die Käferkrise hat die Waldwege außergewöhnlich stark beansprucht, sagt Kristina Funke vom Forstbezirk Bärenfels. © Egbert Kamprath

Das Wegenetz im sächsischen Wald ist gigantisch. Allein der Landeswald, der rund vierzig Prozent des Gesamtwaldes ausmacht, verfügt über fast 13.000 Kilometer befestigte Wald- und Wirtschaftswege. "Das entspricht der Größenordnung aller Bundes-, Landes- und Kreisstraßen in Sachsen", sagt Renke Coordes, Sprecher bei Sachsenforst in Graupa. Dazu kämen unbefestigte Wege und Pfade, die nicht gesondert erfasst würden.

Jeder Zweite ist einmal pro Woche im Wald

Für die Pflege und Instandsetzung der Wege gibt Sachsenforst jährlich zwischen sechs und acht Millionen Euro aus. Ohne intakte Wege keine Waldwirtschaft. Davon profitieren die Besucher. Laut einer repräsentativen Umfrage zu Wald und Forstwirtschaft in Sachsen von 2020 gehen 40 Prozent der Leute mindestens einmal die Woche in den Wald. Im ländlichen Raum ist es sogar jeder Zweite. Spazieren ist mit 79 Prozent der häufigste Grund, es folgen Wandern mit 50 Prozent sowie Radfahren mit 30.

Eine Rückegasse im Tharandter Wald: Wer sich an den Weg gewöhnt hat, den stört es, wenn plötzlich Geäst herumliegt. In der Regel wird es nicht beräumt, sagt der Forst.
Eine Rückegasse im Tharandter Wald: Wer sich an den Weg gewöhnt hat, den stört es, wenn plötzlich Geäst herumliegt. In der Regel wird es nicht beräumt, sagt der Forst. © Daniel Schäfer

Sprecher Coordes stellt klar: "Waldbesucher können im Landeswald intakte Waldwege mit allen Möglichkeiten für naturangepasste Freizeitaktivitäten erwarten." Komme es zu Einschränkungen, versuche man, Umgehungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Bei der Vielzahl von Maßnahmen und den begrenzten Ressourcen, "insbesondere auch in der aktuellen Schadsituation", könne dies aber nicht auf der ganzen Fläche geleistet werden.

Der Tharandter Wald gehört zum Forstbezirk Bärenfels, der, geschätzt, 1.600 Kilometer Fuß-, Maschinen-, Wirtschafts- und Abfuhrwege zu betreuen hat. Kristina Funke, Öffentlichkeitsarbeiterin im Bezirk, räumt ein: Schäden an den Wegen sind bei hochmechanisierter Waldbewirtschaftung unvermeidlich. Doch sei es der Anspruch, die in Mitleidenschaft gezogenen Wegeabschnitte so rasch wie möglich wieder instand zu setzen. Firmen und Finanzmittel stünden dafür bereit. Kosten pro Jahr: beinahe eine halbe Million Euro.

Wegepflege im Forstbezirk Neustadt, Revier Ottomühle. Drei- bis viermal im Jahr werden die Wege mit diesem Gerät neu in Form gebracht.
Wegepflege im Forstbezirk Neustadt, Revier Ottomühle. Drei- bis viermal im Jahr werden die Wege mit diesem Gerät neu in Form gebracht. © Foto: Michael Timm/FoB Neustadt

Der Tharandter Wald ist an viele Stellen eine Badewanne. Stauende Bodenschichten liegen sehr dicht unter der Oberfläche. Regnet es viel, so wie dieses Frühjahr, kommt schnell der Morast, der lange bleibt. So ist es auch am Ascherhübel gewesen, sagt Kristina Funke. Nach dem Fällen der Käferbäume sei der Weg zwar neu profiliert worden. Durch die Vernässung könne es aber Monate dauern, bis sich das Material gesetzt und Festigkeit erlangt habe.

Gewöhnlich konzentrieren die Bärenfelser Förster ihr jährliches Arbeitspensum in Blöcken zu etwa drei- bis fünfhundert Hektar. Das heißt: Im weitaus größeren Teil des Reviers bleiben die Wege frei von schwerer Technik, Matsch und Baumresten. In der Sturm- und Borkenkäferkrise ließ sich diese Taktik nicht mehr durchhalten, sagt Kristina Funke. "Wir mussten sehr großflächig und flexibel reagieren." Längere Wegabschnitte auf größerer Fläche waren betroffen.

Damit das Wasser wieder abfließen kann: Ein Bagger räumt im Revier Bielatal am "Wurzelweg" die Bankette und Gräben.
Damit das Wasser wieder abfließen kann: Ein Bagger räumt im Revier Bielatal am "Wurzelweg" die Bankette und Gräben. © Michael Timm/FoB Neustadt

So widerspricht die Försterin dem, was Rolf Mögel in Spechtshausen gehört hat. Es sei eben nicht eine Frage fehlender Manpower, sondern die Folge der Waldschäden, wenn vereinzelt Wegabschnitte nicht die Erwartungen der Erholungssuchenden erfüllten. Sie stellt klar: Wer in den Wald kommt, tut das auf eigene Gefahr. "Aus dem Betretungsrecht des Waldes ergibt sich kein Anspruch an bestimmte Wegequalitäten."

Dass Wege in der Käferplage besonders gelitten haben, ist auch im Nachbarforstbezirk Neustadt Tatsache. Vor allen da, wo die Technik aus dem Wald auf die Abfuhrwege einbog, gab es Verschleiß und Dreck. Allerdings, sagt Bezirkssprecherin Kerstin Rödiger, war das Beschwerdeaufkommen 2019 und 2020 gering. Für Matsch fehlte das Wasser. Das habe sich dieses Jahr geändert. Die Beschwerden nahmen zu. Allerdings seien Schäden und Verschmutzungen immer zeitnah beseitigt worden. Ein Rückstau an Arbeiten sei im Forstbezirk Neustadt nicht zu verzeichnen.

Mehr zum Thema Freital