merken
PLUS Wirtschaft

Klick, klick, klick - Shimano wird 100

Der japanische Fahrradkomponentenbauer Shimano feiert sein 100-Jähriges Jubiläum. Eine Pionierarbeit, von der man heute noch lernen kann.

© www.imago-images.de

Schwer gezeichnet tritt Peter Winnen die zehn bis zwölf Prozent steilen Serpentinen nach Alpe d’Huez hinauf, es ist der französische Nationalfeiertag, der 14. Juli 1981 – und der Niederländer gewinnt für das deutsch-belgische Team Capri-Sonne die Königsetappe. Teammanager ist Walter Godefroot, der später das Team Telekom leitete, welches nach großen Erfolgen mit Jan Ullrich in einem Dopingskandal versank.

Das Besondere bei Winnens Triumph: Damals fährt kaum jemand mit einer Shimano-Schaltung, die meisten setzen auf Schaltungen des italienischen Herstellers Campagnolo. Aber Winnen vertraut der Pionierarbeit von Andries Gaastra, dem Gründer der Rennradmarke Koga Miyata, der als erster auf japanische Rahmen und Shimano-Schaltungen setzt und das Team Capri Sonne versorgt.

Gesundheit und Wellness
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de

Immer gerne informiert? Nützliche Informationen und Wissenswertes rund um das Thema Gesundheit und Wellness haben wir in unserer Themenwelt zusammengefasst.

Das japanische Unternehmen Shimano feiert dieses Wochenende seinen 100. Geburtstag. Klick, klick, klick, das reibungslose schnelle hoch- und runterschalten, die Langlebigkeit der Ketten, sind Markenzeichen. Die Schalt- und Bremssysteme wie die der Dura-Ace- oder der Ultegra-Gruppe kennt fast jeder Rennradfahrer.

Heute hat der Konzern 12.000 Mitarbeiter, der Marktanteil für Radkomponenten liegt bei rund 80 Prozent, der Jahresumsatz bei über drei Milliarden Euro. Durch Corona boomt das Radgeschäft – auch für Shimano. Europa ist mit 40 Prozent der wichtigste Markt. Wo Apple-Fans auf das neue iPhone warten, wird in der Fahrrad-Szene auf Shimano-Neuerungen gewartet. Allerdings verschlief das Unternehmen im Rennen mit Bosch zunächst den E-Bike-Trend und bei den inzwischen gängigen Scheibenbremsen gab es Probleme bei starker Belastung mit sich erhitzenden Aluminiumscheiben. Schon vor 30 Jahren entwickelte das Unternehmen Klickpedale (Shimano Pedaling Dynamics) im Mountain- und Rennradbereich.

Eine Revolution am Hebel

Das sind die Zahlen. Die Geschichte des Fahrradteile-Herstellers aber lässt sich nicht ohne Andries Gaastra erzählen. Er ist Gründer des niederländischen Fahrradherstellers Koga Miyata. Über Shimano-Fahrradteile sagt Gaastra:„Man konnte sich fast immer hundertprozentig auf die Qualität verlassen.“ Spätestens als Shimano den kombinierten Schalt- und Bremshebel entwickelte, zog Shimano an der Konkurrenz uneinholbar vorbei. „Das war eine gigantische Sache, eine Revolution“, sagt Gaastra.

Doch wie genau kam es dazu, dass Gaastra dem Unternehmen in Europa zum Durchbruch verhalf? Erst belieferte Gaastra mit seinen Rädern das Profiteam Ijsboerke (eine Art belgisches Bofrost), dann folgte das Radsportteam Capri Sonne. All diese Räder hatten Shimano-Schaltungen, die sich perfekt mit den Miyata-Rahmen ergänzten. Die Tour-Etappensiege von Winnen und Co. und der Absatz der eleganten Koga-Miyata-Räder machten Shimano in Europa bekannter.

Auch Gaastras Geschichte ist besonders. Die Suche nach der Perfektion brachte ihn mit den Japanern zusammen, aber sie war ihm quasi in die Wiege gelegt. „Wir sind die Familie, die weltweit am längsten im Fahrradgeschäft tätig ist“, sagt er. Nämlich in der vierten Generation. Sein Opa gründete 1904 den Radbauer Batavus. Es gibt ein altes Schwarz-Weiß-Bild aus der Anfangszeit, die Räder wurden damals noch mit Pferdekutsche zum Verkaufsladen geliefert. Gaastras Vater, der auf dem Bild als kleiner Junge fasziniert auf die vielen Räder starrt, übernahm das Unternehmen. Nach dem Verkauf von Batavus begann Andries Gaastra mit Koga Miyata etwas Neues. Sein Sohn Gerrit führt heute den Radbauer idworx in Wachtberg bei Bonn. 1974 gründete er mit seiner Frau zunächst das Radunternehmen Koga – er fügte die ersten zwei Buchstaben des Nachnamens seiner aus Hamburg stammenden Frau Marion Kowallik mit denen seines Nachnamens zusammen. Als er auf einer Radmesse in Köln hin und weg war von den Miyata-Rahmen, wurde daraus Koga Miyata. Und eine lange Partnerschaft der Niederländer mit der japanischen Radindustrie entstand.

Die Menschen hatten damals wegen erkämpfter Arbeitszeitverkürzungen mehr Zeit für die Freizeit. Das trug dazu bei, dass der Absatz dieses europäisch-japanischen Produkts schnell anzog. Gaastra vergleicht die Phase mit der rasanten Entwicklung der Autoindustrie. Die japanische Präzision und der Ehrgeiz, immer den neuesten Stand der Technik zu repräsentieren, führte seinerzeit auch im Automobilsektor zu einer Umwälzung der Marktanteile, Nissan, Mitsubishi und Toyata wurden zur Konkurrenz für VW, Opel, Fiat Renault und Peugeot.

Der Türöffner für Shimano in Europa: Fahrradbauer Andries Gaastra.
Der Türöffner für Shimano in Europa: Fahrradbauer Andries Gaastra. © privat

Andries Gaastra kann stundenlang über seine Geschichte erzählen und berichten, wie er Shimano nach Europa brachte. Er ist heute 81. Nach 22 Jahren in Kanada, die er als fantastisch beschreibt, lebt er heute mit seiner Frau Marion im belgischen Antwerpen. Gaastra ist das beste Beispiel, dass man auch im Alter keinen Gang runterschalten muss. Drei Mal die Woche Joggen, Golfen, Pilates – und natürlich weiterhin Fahrräder bauen.

Eigentlich war das frühe Setzen auf Shimano anfangs eine Notlösung. In den 1970er-Jahren gab es Lieferprobleme mit französischen Gangschaltungen. Gaastra arbeitete damals noch bei Batavus. „Wir waren sehr froh, dass Shimano die Lücke füllen konnte“, erinnert er sich. Damals lernte Gaastra die drei Shimano-Brüder persönlich kennen. Mit Koga Miyata bekamen sie dann die Importrechte für die Benelux-Staaten, nicht von ungefähr ist die Shimano-Europazentrale heute in Eindhoven. Gaastras Frau hat all die Bilder mit der Shimano-Familie fein säuberlich in ein Fotoalbum geklebt. Das Album ist heute auch ein Stück Shimano-Geschichte. Gegründet wurde der heutige Shimano-Konzern 1921 von Shozaburo Shimano als kleines Eisenwerk in der japanischen Stadt Sakai. Der Durchbruch kam unter Shozo Shimano, der das Unternehmen von 1958 bis 1992 führte. Als er 2002 starb, wurde auch Gaastra zur Beerdigung in Sakai eingeladen. „Da waren 1.500 Leute, auch die Regierung, und ich wurde vorgestellt als der Türöffner und Brückenbauer in Europa“, sagt er.

Und Gaastra weiß noch mehr zu berichten: Der Unterschied von Shimano etwa zu amerikanischen Lieferanten sei einfach, dass sie auch in schweren Jahren zu ihnen hielten, als Zölle stiegen und wegen des starken Yen auch die Kosten. „Zwei Schritte zurück, danach vier Schritte vor“, umschreibt er die Mentalität der Japaner. „Sie halten auch in schweren Zeiten die Treue, und danach wird’s dann wieder besser.“

Gaastra setzt darauf, dass sich auch die fünfte Generation seiner Familie vom Rad-Gen leiten lässt. So liebäugelt ein Enkel mit einem Praktikum in Japan, Shimano wäre natürlich genau die richtige Adresse, um die Brücke weiter zu bauen. Sein Opa Andries Gaastra feilt derweil weiter an der neuesten Idee: Sofa Bikes. Sie eignen sich gerade für ältere Nutzer, Sattelhöhe und Oberrohrlänge lassen sich reduzieren, die Rahmen sind so konzipiert, dass der Radfahrer immer sofort beide Füße auf dem Boden hat und nicht absteigen muss. Das ist etwas, was er von den Japanern gelernt hat: immer mit der Zeit gehen. (Georg Ismar)

Mehr zum Thema Wirtschaft