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Von der Stechpalme verzaubert

Der Ilex ist Baum des Jahres. Harry Potter machte damit Magie. Ein Forstprofessor in Tharandt übt immerhin schon.

"Extrem attraktiv." Forstprofessor Andreas Roloff (65) mit seinen Europäischen Stechpalmen im Tharandter Forstgarten. Die Art wurde als Baum des Jahres 2021 ausgerufen.
"Extrem attraktiv." Forstprofessor Andreas Roloff (65) mit seinen Europäischen Stechpalmen im Tharandter Forstgarten. Die Art wurde als Baum des Jahres 2021 ausgerufen. © Norbert Millauer

Wenn ein Wissenschaftler in seinem Rucksack kramt, erwartet man alles Mögliche. Aber nicht das: Er zieht einen Zauberstab hervor. Selbst geschnitzt hat ihn Andreas Roloff. Der Ast war ganz schön schwer, sagt er. Typisch für die Stechpalme, deren Holz derart dicht ist, dass es im frischen Zustand in Wasser untergeht. Er richtet den Stab gegen ein paar kleine rote Früchte am nächsten Baum und... "Jetzt müssten Funken sprühen und sie müssten sich in Apfelsinen verwandeln." Klappt noch nicht, wird aber, sagt der Professor. "Bis zur Vorlesung muss ich das können."

Andreas Roloff, Direktor des Instituts für Forstbotanik und Forstzoologie an der Fachrichtung Forstwissenschaften in Tharandt, hat eine Spezialität: In seiner Vorlesung über die wichtigsten Baumarten, die jeden Sommer läuft, stellt er seinen Studenten den aktuellen Baum des Jahres vor. Nicht nur, weil er ihn als Mitglied des Kuratoriums Baum des Jahres stets mit auswählt. Es bringt auch Abwechslung in die Lehre, sagt er. Zu jedem Baum gibt er etwas Praktisches zum Besten.

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Der Goebel-Weg führt im Forstgarten zu einem stattlichen Spalier aus Stechpalmen, wie die Schnitzerei auf dem Wegweiser anzeigt.
Der Goebel-Weg führt im Forstgarten zu einem stattlichen Spalier aus Stechpalmen, wie die Schnitzerei auf dem Wegweiser anzeigt. © Norbert Millauer

Und das hat eigentlich immer mit Musik zu tun. "Das ist am unterhaltsamsten für alle Beteiligten", sagt Roloff, der von Haus aus Cellist ist. Für die Jahresbaum-Vorlesungen hat er bereits zahlreiche Instrumente beschafft und spielen gelernt: Trommel aus Eiche, Alphorn aus Fichte, Flöte aus Kirsche, Dudelsack aus Elsbeere. Letztes Jahr, bei der Robinie, als er kein Musikinstrument auftreiben konnte, hat er einen bayrischen Instrumentenbauer dazu bewegt, ihm ein Xylophon aus Robinienholz zu machen. Aber was nur will er mit dem Zauberstab anstellen?

Hartes Holz gegen böse Taten

Das Geheimnis wird er erst vor seinen Studenten lüften. Fakt ist: Der Baum des Jahres 2021 heißt Europäische Stechpalme, kurz Ilex, oder, im englischen Sprachraum, Holly genannt. Bei Freunden des Fantasy-Films klingelt's: Zauberschüler Harry Potter übte seine Magie mit einem Stab aus Stechpalme aus. Das zähe Holz steht im Ruf, gut gegen böse Gedanken und Taten zu wirken.

Natürlich hat sich Andreas Roloff Harry Potters Stab genau angeschaut - und er zweifelt: Stechpalmenholz ist sehr hell, beinahe weiß. Potters Stab hingegen ist dunkelbraun. Ilex wird aber selbst beim Entrinden und längeren Lagern nicht braun. Hat er ausprobiert. Sollte der Stab angemalt sein? "Das wäre ja ein bisschen blöd."

Ein Baum, viele Namen: Die Europäische Stechpalme wird im Nordwesten Deutschlands, wo sie weit häufiger vorkommt als in Sachsen, Hülse genannt.
Ein Baum, viele Namen: Die Europäische Stechpalme wird im Nordwesten Deutschlands, wo sie weit häufiger vorkommt als in Sachsen, Hülse genannt. © Norbert Millauer

Zauberei hin oder her: Andreas Roloff bleibt Wissenschaftler. Aber einer, der sich gern eine Schwärmerei erlaubt, wenn es um Bäume, jetzt vor allem um den Ilex, geht. Gerade steht er neben einem, im Tharandter Forstbotanischen Garten, der zu seinem Institut gehört. Es ist der Baum mit den roten Früchten, auf die sich jetzt die Amseln stürzen. Alles ringsum liegt tief verschneit. Aber der Ilex steht voll im sattgrünen Laub, ein Anblick, der den Professor begeistert: "Ich finde das extrem attraktiv."

Praktischer Ersatz für biblische Palmblätter

Der Ilex ist die einzige heimische immergrüne Laubbaumart. Jawohl, heimisch, denn das Synonym Stechpalme führt in die Irre. Entstanden ist dieser Name wohl, als man für christliche Osterprozessionen in Ermangelung der biblisch verbürgten Palmenwedel das einzig zu dieser frühen Jahreszeit verfügbare, allerdings stachelige Blattwerk benutzte, den Ilex. Gewachsen ist der Baum in Europa schon weit vor jeder Bibelgeschichte. Man geht davon aus, dass er seit über zwei Millionen Jahren auf dem Kontinent heimisch ist.

Die Stechpalme wächst gern im Schatten, und das sehr langsam. Das Stämmchen, aus dem diese Scheibe stammt, war bereits zwanzig Jahre alt.
Die Stechpalme wächst gern im Schatten, und das sehr langsam. Das Stämmchen, aus dem diese Scheibe stammt, war bereits zwanzig Jahre alt. © Norbert Millauer

Sein bevorzugter Lebensraum sind Regionen mit milden Wintern und nicht zu trockenen Sommern, vorzugsweise nahe am Meer. Andreas Roloff, der gern die britischen Inseln bereist auf der Suche nach Baum-Methusalems, hat gesehen, dass die Ilexe dort auf vielen Wiesen geradezu strotzen und eine Höhe von zwanzig Metern und mehr erreichen. Sie strotzen auch auf Herrenhemden. Andreas Roloff konnte nicht widerstehen. In Südwestengland, Grafschaft Devon, hat er sich eins gekauft.

Tharandts Stechpalmen trotzen dem Winter

Im Tharandter Forstgarten stehen die schönsten Exemplare der Europäischen Stechpalme im alten Gartenteil, nahe beim Cotta-Platz. Es ist ein kleines Spalier aus vielleicht einem Dutzend Stämmen. Der größte misst etwa acht Meter. Woher diese Bäume stammen und wann sie gepflanzt wurden, ist nicht bekannt. Mit dem konsequenten Herkunftsnachweis wurde im Forstgarten erst Anfang der 1970er begonnen. Da waren die Ilexe schon da. Der Professor schätzt ihr Alter auf siebzig bis neunzig Jahre.

Stechpalmenkult: In England, Heimat des "Holly", kaufte Andreas Roloff dieses Hemd, das die gezackten Blätter und roten Steinfrüchte des Baums zeigt.
Stechpalmenkult: In England, Heimat des "Holly", kaufte Andreas Roloff dieses Hemd, das die gezackten Blätter und roten Steinfrüchte des Baums zeigt. © Norbert Millauer

Eigentlich hat der Ilex in den Tharandter Breiten nichts verloren. Die Grenze seines Vorkommens verläuft viel weiter im Nordwesten, etwa auf einer Linie zwischen der Oder-Mündung und dem Saarland. Doch der Winter in Tharandt scheint den Pflanzen nichts auszumachen. Sie haben sich offenbar an das Klima gewöhnt. In seinen nun bald dreißig Dienstjahren am Institut hat Roloff noch nie Frostschäden bei seinen Ilexen bemerkt: "Da sieht man: Alles ist relativ."

Ilex profitiert von der Klimaerwärmung

Für den Ilex kommt es durch den Klimawandel noch besser. Da die Winter tendenziell immer mehr ausfallen, dringt er nach Norden und Osten vor, ist mittlerweile schon in Südschweden angekommen. In Sachsen gibt es Ilexe in freier Natur nach wie vor kaum. Forstlich hat die Art keine Bedeutung. Man findet sie auch nicht als Straßengrün, vor allem, weil sie kein Streusalz verträgt, nur langsam wächst und pikst. Am ehesten trifft man die Bäume in Parkanlagen an, zum Beispiel im Großen Garten in Dresden.

Die dickste Stechpalme Deutschlands mit 2,90 Metern Umfang, geschätztes Alter 270 Jahre, fotografierte Andreas Roloff in Braunfels, Hessen.
Die dickste Stechpalme Deutschlands mit 2,90 Metern Umfang, geschätztes Alter 270 Jahre, fotografierte Andreas Roloff in Braunfels, Hessen. © Foto: Andreas Roloff

Dass der Ilex Baum des Jahres wird, hat sich Andreas Roloff schon mindestens zwanzig Jahre gewünscht. "Jubel, Jubel, dass er es diesmal geschafft hat!" Er hofft, dass diverse Pflanzungen zur Verbreitung der Art beitragen, die als eine der ganz wenigen Bäume extra in der Bundesartenschutz-Verordnung steht. Roloff hält die Jahresbaum-Ausrufung für die erfolgreichste Aktion zur Erhöhung der deutschen Baumvielfalt in den letzten Jahrzehnten. Auch wenn die Wahl des Jahresbaums 2022 coronabedingt noch nicht geglückt ist, steht für ihn fest: Es wird weiter Jahresbäume geben. "Und das noch sehr lange."

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