SZ + Freital
Merken

Wenn der Baumkontrolleur anklopft

Straßenbäume können nicht zum TÜV kommen. Deshalb kommt der Prüfer zu ihnen, so wie neulich bei Tharandt.

Von Jörg Stock
 5 Min.
Teilen
Folgen
Klingt hier was hohl? Baumkontrolleur Henrik Weiß auf Tour an der Staatsstraße S 192 bei Tharandt. Für die Straßenbauverwaltung des Freistaats prüft er, ob das Straßengrün auch sicher ist.
Klingt hier was hohl? Baumkontrolleur Henrik Weiß auf Tour an der Staatsstraße S 192 bei Tharandt. Für die Straßenbauverwaltung des Freistaats prüft er, ob das Straßengrün auch sicher ist. © Karl-Ludwig Oberthür

Ein Mann in neongelber Jacke steht am Straßenrand und hebt ein schwarzes Kästchen mit vielen Okularen vor das rechte Auge. Das ist der Moment, wo die Autofahrer gerne mal erschrecken. Werden sie grade geblitzt? Doch Schnellfahrer haben von Henrik Weiß nichts zu befürchten. Er zielt nicht auf Autos. Er zielt auf Bäume.

An den Straßen des Bundes und des Landes wachsen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge rund 22.000 staatseigene Bäume. Jeder muss binnen Jahresfrist, wenigstens aber nach 15 Monaten, einmal auf seine Verkehrssicherheit kontrolliert werden, mal mit und mal ohne Blätter. Das Landesamt für Straßenbau und Verkehr verpflichtet dafür Fachleute, zertifizierte Baumkontrolleure, wie Henrik Weiß.

Kein Waldsterben am Straßenrand

Der 51-jährige Doktor der Forstwissenschaften befasst sich seit vielen Jahren mit der Begutachtung von Gehölzen. Die Bäume erhalten, aber die Gefahren auf ein Minimum reduzieren, das ist sein Anspruch. Er sagt von sich, dass er die Möglichkeiten ausreizt, weiter als manch anderer. Das geht nur mit viel Erfahrung. "Man muss sich seiner Sache sicher sein."

Das ist kein Blitzer, sondern ein Höhenmesser. Mit dem Gerät stellt Henrik Weiß fest, wie groß die zu kontrollierenden Bäume sind.
Das ist kein Blitzer, sondern ein Höhenmesser. Mit dem Gerät stellt Henrik Weiß fest, wie groß die zu kontrollierenden Bäume sind. © Karl-Ludwig Oberthür

Allein im November hat Weiß mit seinen Leuten etwa dreieinhalb Tausend Bäume kontrolliert. Setzt sich das Waldsterben am Straßenrand fort? Eigentlich nicht, sagt der Fachmann. Zwar seien in den Dürrejahren 2018 und 2019 eine Reihe Bäume ausgefallen. Womöglich aber nur die, die ohnehin am Absterben waren. Viele andere hätten sich an die Bedingungen offenbar sehr schnell angepasst.

Fichten, die im Wald an Dürre und Käferfraß verenden, sind an den Straßen des Landkreises die Ausnahme. Hier wachsen vor allem Ahorne, gefolgt von Winterlinden, Eschen und Eichen. An die "Kampfzone" Straßenrand sind sie von klein auf gewöhnt. Straßenbäume stehen meist einzeln und entwickeln einen im Vergleich zur Höhe recht dicken Stamm, was statisch günstig ist.

Jeder Baum hat seine digitale Akte

Die Eiche, die Henrik Weiß jetzt auf der Staatsstraße 192 kurz hinter Tharandt mit seinem Höhenmesser anpeilt, ist noch recht jung. Der stärkere ihrer Zwillingsstämme misst dreizehneinhalb Meter. Die Krone ist je Stamm nur halb ausgebildet, typisch für solche "Zwiesel". Kein besonders vitaler Baum, aus der Entfernung betrachtet. Um Standsicherheit und Bruchrisiko zu beurteilen, muss Weiß auf Tuchfühlung gehen.

Dieses spezielle Maßband zeigt den Durchmesser des Stamms an. Die Sichelhacke (links) dient zum Freikratzen des Stammfußes.
Dieses spezielle Maßband zeigt den Durchmesser des Stamms an. Die Sichelhacke (links) dient zum Freikratzen des Stammfußes. © Karl-Ludwig Oberthür

Seit etwa zehn Jahren ist die Baumkontrolle im Freistaat per Richtlinie standardisiert. Um ihre Bäume zu überwachen, nutzt die Straßenbauverwaltung eine spezielle Datenbank, das Fachinformationssystem Straßenbäume, kurz FIS-Baum genannt. Darin haben mehr als 600.000 Bäume ihre Karteikarte. Diese Karte wird bei jeder Kontrolle fortgeschrieben und liefert ein genaues Bild davon, wie es dem einzelnen Baum geht und welche Pflege er braucht.

Zwiesel wie an der kleinen Eiche können kritisch sein. Wächst an der Teilungsstelle der Stämme Rinde ein, steigt die Bruchgefahr. Hier aber ist der Zwiesel nicht spitzwinklig, sondern wie ein U geformt. Die beiden Stämme sind stabil. Zur Sicherheit prüft Henrik Weiß mit dem Sondierstab nach. Keine Fäule. Stünde der Baum arg schräg, würde er mit der Stahlnadel auch das Erdreich untersuchen. Ob es nicht etwa gelockert ist, die Wurzel, wie im kranken Zahnfleisch, den Halt verlieren. Man nennt das auch beim Baum sinnfällig "Paradontose-Effekt".

Innige Beziehung zum Diagnose-Hammer

Der Baumkontrolleur arbeitet mit den Augen. Davon abgesehen verfügt er nur über simples Handwerkszeug. Henrik Weiß hat eine Sichelhacke dabei, um Bewuchs und Laub an den Stämmen wegzukratzen. Eine "innige Beziehung", so sagt er, pflegt er zu seinem Diagnose-Hammer. Damit schlägt er gegen den Stamm, um versteckte Höhlungen ausfindig zu machen. Es gibt raffiniert gearbeitete Profi-Modelle. Weiß schwört auf den handelsüblichen Gummihammer. Kein Schnickschnack, keine Störgeräusche.

Versteckt sich unterm Moos die Fäulnis? Mit dem Sondierstab geht Henrik Weiß den Dingen auf den Grund.
Versteckt sich unterm Moos die Fäulnis? Mit dem Sondierstab geht Henrik Weiß den Dingen auf den Grund. © Karl-Ludwig Oberthür

Henrik Weiß notiert, was er sieht, digital, auf dem Tablet, und somit auch in FIS-Baum. Die Dringlichkeit der Pflegearbeiten wird damit aktenkundig. Meist geht es um Kronenschäden, also abgestorbene Äste. Frühere Protokolle kann der Kontrolleur auf dem Gerät nicht lesen. Er soll nicht versucht sein, abzuschreiben, sondern soll so arbeiten, als sähe er den Baum zum ersten Mal.

Jeder Baum soll so lange stehen bleiben, wie es nur geht, sagt Henrik Weiß. Denn die Chancen, dass ein gefällter Straßenbaum einen Nachfolger bekommt, stehen schlecht. Zwischen 2010 und 2018 wurden an den Staats- und Bundesstraßen im Landkreis mehr als 6.300 Straßenbäume gefällt, aber nur gut 2.000 neu gepflanzt. Allein 2018 gab es 632 Abgänge, aber nur 39 Zugänge.

Privatbesitzer vernachlässigen ihren Wald

Die Verwaltung will grüne Straßenränder. Das bekräftigt Christoph Fiederling, Referatsleiter Umweltschutz in der Meißner Niederlassung des Landesamts für Straßenbau und Verkehr. "Aber es scheitert an der Flächenverfügbarkeit." Nach aktuellen Richtlinien müssen Straßenbäume 4,50 Meter vom Fahrbahnrand entfernt stehen. Werden Straßen neu geplant, sind es sogar 7,50 Meter. Den Nachbarn ausreichend Land abzukaufen, ist meist unmöglich, sagt Fiederling. So wird der Ersatz an kleinen Gemeindestraßen oder an Wirtschaftswegen geleistet oder, als Hecke, auf einem Feld.

Gefahr von oben: Der Kontrolleur zeigt Christoph Fiederling vom Straßenbauamt abgestorbene Bäume in einem privaten Waldstück.
Gefahr von oben: Der Kontrolleur zeigt Christoph Fiederling vom Straßenbauamt abgestorbene Bäume in einem privaten Waldstück. © Karl-Ludwig Oberthür

Henrik Weiß ist mit seiner Eiche durch. "Keine Beanstandungen." Gefahr sieht er wenige Meter weiter am Steilhang: Tote Kiefern und Birken, jede groß genug, um bis auf die Straße zu stürzen. Sie gehören nicht dem Staat, sondern Privatleuten. Die müssten handeln, tun das aber immer öfter nicht. Das Straßenbauamt sucht nach den Eigentümern. Mancher wohnt in Mexiko. Wenn er denn überhaupt zu finden ist. Bis dahin kann es zu spät sein. Notfalls greift das Amt selbst ein, nicht ohne Konsequenzen für die Säumigen, wie Amtssprecherin Isabel Pfeifer betont. "Die Kosten werden wir weiterreichen."

Mehr Nachrichten aus Freital lesen Sie hier.

Den täglichen kostenlosen Newsletter können Sie hier bestellen.