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Horch mal, wer da röhrt!

Der Rothirsch macht Hochzeit. Und Nachkommen. Ein Lauschangriff bei Rehefeld - mit nachdenklichen Tönen des Försters.

"Das ist schon was Besonderes." Der Rehefelder Revierförster Uwe Liebscher freut sich immer wieder, wenn er die Hochzeitsmusik der Rothirsche hört. Hier mit Reporter Jörg Stock.
"Das ist schon was Besonderes." Der Rehefelder Revierförster Uwe Liebscher freut sich immer wieder, wenn er die Hochzeitsmusik der Rothirsche hört. Hier mit Reporter Jörg Stock. © Egbert Kamprath

Das Auto findet den Weg von alleine, sagt Uwe Liebscher. So hat er noch mindestens ein Auge übrig für den Wald. Jetzt schaut er besonders nach den Hirschen. Es ist Brunftzeit. Gestern röhrten hier vier Hirsche auf einmal, erzählt der Förster. Ein akustisches Duell. Der Sieger kriegt die Mädels, und zwar alle. Das Liebeslied des Rothirschs ist eine Macht. Wie es klingt, will ich mir heute anhören.

Demut vor dem König des Waldes

Uwe Liebscher, 58, Revierförster von Rehefeld, gehört zu den wenigen Menschen, an deren Arbeitsplatz Deutschlands größte freilebende Tierart vorkommt: das Rotwild. Die Deutsche Wildtier Stiftung geht von bundesweit mindestens 200.000 Exemplaren aus, allerdings zurückgedrängt in abgelegene Gebiete. Dazu zählt auch das Osterzgebirge. Uwe Liebscher ist seit über dreißig Jahren Förster. Und noch immer wartet er jeden Herbst gespannt auf die ersten Brunftschreie, mit Freude und mit Demut. Das Rotwild war vor uns da, sagt er. "Es gehört hierher."

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Der Rothirsch, hier ein Exemplar aus dem Geisinger Wildpark, ist der König des Waldes im Osterzgebirge. Zurzeit halten die Tiere lautstark Hochzeit.
Der Rothirsch, hier ein Exemplar aus dem Geisinger Wildpark, ist der König des Waldes im Osterzgebirge. Zurzeit halten die Tiere lautstark Hochzeit. © Egbert Kamprath

Der Förster stoppt, schaltet den Motor ab. Beim Aussteigen bloß nicht mit der Wagentür knallen, "nur zudrücken". Trinkflasche und Lutschbonbons einstecken, falls man Husten kriegt. Hirsche haben gute Ohren. Uwe Liebscher packt noch eine Dose Seifenblasen ein, zum Prüfen der Windrichtung. Rotwild hat auch gute Nasen. Die sind allergisch auf Menschenduft. Wenn der Wind falsch steht, braucht man gar nicht erst auf die Leiter zu steigen. "Da kann man genauso gut ein Bier trinken gehen."

Eine Dackeldame ist unsere Spürnase

Der Hirsch kann uns riechen. Aber wir ihn auch. Jedenfalls Becki, Liebschers Rauhaardackeldame. Mit muss sie sowieso. Sie wäre sonst beleidigt. Und mit muss auch das Gewehr, ein Suhler Drilling. Ja, Uwe Liebscher will nicht nur lauschen, sondern auch schießen. Nicht auf den Platzhirsch, aber auf seine Damen und ihren Nachwuchs. Der Rotwildbestand muss sinken, sagt Liebscher, damit die kleinen Bäume eine Chance haben, groß zu werden. Ohne teuren Zaun. "Der Zaun sollte die Ausnahme sein."

Abgehauen. An dieser Stelle stand vor Kurzem noch ein Stück Rotwild. Die Tiere sind äußerst scheu. Der lautlose Anmarsch gegen den Wind ist für Jäger Pflicht.
Abgehauen. An dieser Stelle stand vor Kurzem noch ein Stück Rotwild. Die Tiere sind äußerst scheu. Der lautlose Anmarsch gegen den Wind ist für Jäger Pflicht. © Egbert Kamprath

Für den Aufbau zukunftssicherer Wälder sehen die Staatsförster weite Teile ihres Beritts als zu stark vom Wild bedrängt. Auch im Forstbezirk Bärenfels werden die Schäden, abgefressene und abgeschälte Bäume, seit Längerem als untragbar eigestuft. Für 2016 wurde hier ein Bestand von - statistisch gesehen - 5,6 Stück Rotwild auf einhundert Hektar Wald angenommen. Das Kompetenzzentrum von Sachsenforst in Graupa schätzt, dass etwa anderthalb Tiere auf hundert Hektar ein verkraftbares Maß sein könnten.

Reduzierung des Rotwilds bisher gescheitert

Wie viele Hirsche es tatsächlich in den Wäldern des Landkreises gibt, darüber lässt sich streiten, sagt der Bärenfelser Forstbezirkschef Sven Irrgang. Für ihn zählt, was die Gutachter an seinen Bäumen vorfinden: zu hohe Schäden im gesamten oberen Bergland. Eine "zielführende Waldentwicklung", jetzt drängender denn je, sei nicht oder nur teilweise möglich. Im Jahr 2019/2020 wurden in den staatseigenen Wäldern des Kreises 405 Stück Rotwild erlegt. Vor fünf Jahren waren es 422. Ergo: Die Reduzierung der Hirsche ist bislang gescheitert.

Hirsch in der Nase? Während sich ihr Herr noch in der Kanzel einrichtet, schnüffelt Rauhaardackeldame Becki schon nach wilden Gerüchen.
Hirsch in der Nase? Während sich ihr Herr noch in der Kanzel einrichtet, schnüffelt Rauhaardackeldame Becki schon nach wilden Gerüchen. © SZ/Jörg Stock

Wir tauchen in den Wald, auf dem Schwarzen Zeichenweg. Er führt direkt zum Brunftplatz. Uwe Liebscher späht unentwegt umher. "Nicht bewegen!" Rotwild. Etwa fünfzig Meter voraus stehen die kaffeebraunen Tiere, eine Mutter mit Kalb, schreckensstarr mitten auf dem Weg und schauen uns an. In der nächsten Sekunde springen sie ins Unterholz. Nur Hufabdrücke im Schlamm bleiben zurück.

Paarungsstress lässt Platzhirsche abmagern

Die Hirschdame war nicht paarungsbereit. Sonst wäre ein Hirsch bei ihr gewesen. Die Hirsche lassen ihr Brunftrudel jetzt nicht mehr aus den Augen, sagt der Förster. Einerseits um den richtigen Moment für den Geschlechtsakt abzupassen, andererseits um kein Tier an die Konkurrenz zu verlieren. Derart rastlos fressen sie fast nichts und verlieren Masse - zwanzig Prozent und mehr. Je kürzer also die Brunft, desto besser für die Hirsche.

Steht der Wind günstig? Um das herauszufinden, hat Förster Liebscher stets eine Dose Seifenblasen in seinem Jagdrucksack stecken.
Steht der Wind günstig? Um das herauszufinden, hat Förster Liebscher stets eine Dose Seifenblasen in seinem Jagdrucksack stecken. © SZ/Jörg Stock

An einer Lichtung erreichen wir die Kanzel. Da dringt ein seltsamer Laut aus dem Dickicht. Er klingt dumpf, gedehnt und knarrend. Man könnte an Stämme oder Äste denken, die sich im Wind biegen. Doch es ist der Platzhirsch, der anzeigt, wer hier der Chef ist. Lautlos erklimmen wir die Sprossen, Uwe Liebscher mit Becki unterm Arm. Oben lädt der Förster seinen Drilling, legt ihn griffbereit auf die Brüstung. Er hat den Hirsch noch nicht gesehen. Wird er sich heute zeigen?

Ein Wildmaler kommt zur Motivpirsch

Uwe Liebscher macht Seifenblasen. Sie wirbeln rückwärts über den Kanzelrand. Der Wind ist gegen uns. Das heißt, dass er mit uns ist. Wieder röhrt der Hirsch, jetzt ganz nah, vielleicht fünfzig Meter entfernt, in einem Horst junger Fichten. Wenn man doch nur durch die Zweige schauen könnte. Die Lautstärke und der volle Bass deuten jedenfalls an, aus welch breiter Brust die Töne strömen. Uwe Liebscher nennt es ein Privileg, diese Musik anzuhören. "Das ist schon was Besonderes."

Dieser Mix aus Deckung und Freiraum ist ein idealer Brunftplatz. In dem Dickicht aus Jungfichten hinter den alten Stämmen steckt der Platzhirsch mit seinen Damen.
Dieser Mix aus Deckung und Freiraum ist ein idealer Brunftplatz. In dem Dickicht aus Jungfichten hinter den alten Stämmen steckt der Platzhirsch mit seinen Damen. © Egbert Kamprath

Ich bin nicht der Erste, der zu ihm zum Anhören und Gucken kommt. Der Wildlife-Artist Detlef Ritter, ein in der Szene weithin bekannter Naturmaler, war auch schon hier, genau auf dieser Kanzel, um Motive für seine Bilder einzufangen. Damals hat er tatsächlich den Hirsch vor die Linse gekriegt, erzählt Uwe Liebscher. "Der fotografiert schneller, als ich das Gewehr hochnehmen kann."

Das große Zittern vor dem Schuss

Einen Hirsch zu schießen ist schwerer als man denkt. Liebscher weiß von gestandenen Kerlen, die schon zig Wildschweine erlegt hatten und beim Anblick eines kapitalen Hirschs vor Zittern kaum die Waffe in Anschlag bekamen. Es ist das Jagdfieber, das die Leute lähmt. "Die stehen dann völlig unter Strom." Für heute ist das Jagdfieber erkaltet. Der Hirsch entfernt sich, sein Liebeslied verhallt. Dafür pfeift der Wind umso stärker. Uwe Liebscher greift Rucksack, Drilling und Dackel: "Wenn der Wind jagt, bleibt der Jäger besser zu Hause."

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