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Der Frosch macht muh

Der Dresdner Raffael Ernst findet im Dschungel neue Arten – und fürchtet um all die, die er nicht aufspüren kann.

Die Passion für Schlangen und auch Frösche entdeckte Raffael Ernst schon als Kind. Heute ist er Herr über eine ganz besonderer Sammlung.
Die Passion für Schlangen und auch Frösche entdeckte Raffael Ernst schon als Kind. Heute ist er Herr über eine ganz besonderer Sammlung. © Marion Doering

Tiefste Nacht mitten im Regenwald von Südamerika. Der Dresdner Raffael Ernst denkt allerdings nicht ans Schlafen. Er ist einem Geräusch auf der Spur. Ein hoher, kurzer Piepton ist es, dem er durch den Wald folgt. Ähnlich dem Alarmton eines Funkweckers am Bett, in dem eigentlich auch Ernst jetzt liegen könnte. Doch er ist lieber hier, mitten im Matsch. Es hat geregnet, der Boden ist schlammig. Viele Jahre lang dachten der Tierökologe und seine Kollegen, der Ton, den er jetzt wieder hört, stamme von einer Grillenart. Doch in dieser Nacht hat er Glück und sieht den Ursprung mit eigenen Augen direkt vor sich: Es ist ein Frosch, der da ruft. Einer, den noch keiner kennt: der Zombiefrosch.

Wenn Raffael Ernst früher mit seiner Tochter Kinderbücher anschaute, brauchte er oft starke Nerven. Muh macht die Kuh, stand da geschrieben. Miau macht die Katze. „Quak macht der Frosch – aber das ist so nicht ganz richtig“, sagt Ernst. Für unsere einheimischen Arten mag das gelten. Manche ihrer Artgenossen aber klingen wie Fahrradhupen, andere lachen regelrecht. Manche pfeifen, wieder andere zwitschern wie Vögel.

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„Wenn ich diese Rufe höre, bin ich immer wieder fasziniert“, sagt er. In Afrika und Südamerika war er schon oft auf Expeditionen unterwegs, um den Einfluss des Menschen auf Reptilien und Amphibien zu erforschen. Was passiert mit dem Artenreichtum auf unserem Planeten, wenn der Mensch riesige Mengen Tropenholz fällt? Wenn der Lebensraum von Fröschen oder auch Schlangen immer weiter schrumpft? Raffael Ernst, Sektionsleiter Herpetologie bei den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden, will genau das herausfinden.

Allein im Dschungel

Als Kind begeisterten ihn zunächst erst einmal Schlangen, und er durfte ein paar zu Hause im Terrarium halten. „Meine Mutter hat Zustände bekommen, wenn deren Futtertiere ausgebüxt sind“, erzählt er von damals. Heute freue sie sich zwar für ihn, dass er seine Leidenschaft zum Beruf machen konnte. „Sie bibbert aber auch immer mit, wenn ich wieder für einige Zeit in den Dschungel gehe.“ Während seiner Promotion lebte er sogar zwei Jahre lang in einer Forschungsstation im Regenwald von Guyana, einer kleinen Holzhütte mitten im Nirgendwo Südamerikas. „Einmal pro Woche brachte mir der Ranger neue Lebensmittel und schaute, ob es mir gut geht“, erinnert sich Ernst an diese Zeit vor knapp 20 Jahren. „Ansonsten war ich da ganz allein.“

Sein einziger Begleiter bei den Streifzügen durch das Untersuchungsgebiet: der Kompass. Ohne den geht nichts. „GPS-Empfang gibt es kaum.“ Einmal verirrte er sich trotzdem, musste im Regenwald übernachten. Hatte er keine Angst vor Raubtieren? „Nein, da gibt es ganz andere Gefahren“, erzählt er. Etwa Wilderern über den Weg zu laufen, die keine Zeugen bei ihrem Tun haben wollen. Oder Tropenkrankheiten. Oder so etwas Profanes wie einen Bänderriss, den er einmal während einer einsamen Erkundungstour erlitt. „Das hätte schiefgehen können, weiß ich heute.“

In der Forschungsstation Mabura Hill Forest Reserve in Guyana verbrachte der Dresdner Raffael Ernst von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden zwei Jahre für seine Doktorarbeit.
In der Forschungsstation Mabura Hill Forest Reserve in Guyana verbrachte der Dresdner Raffael Ernst von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden zwei Jahre für seine Doktorarbeit. © privat/Raffael Ernst

Bis zu 200 Quadratmeter groß sind die Untersuchungsflächen, die Ernst bei Expeditionen regelmäßig begeht. Welche Tiere leben hier? Welch Rufe nutzen sie? Wie viele von ihnen sieht er? All das notiert er oder zeichnet es mit einem Mikrofon auf. Über einen längeren Zeitraum lassen sich so Veränderungen erkennen, die womöglich auch der Mensch mit verursacht. Immer wieder sammelt Raffael Ernst für seine Arbeit auch Tiere, um sie danach näher zu untersuchen und zu bestimmen.

So ergibt sich für ihn in einigen Fällen auch die Möglichkeit, der Königsdisziplin seines Fachgebiets nachzugehen: der Taxonomie, der Beschreibung völlig neuer Arten. Seit Kurzem gehört auch der Zombiefrosch, lateinisch Synapturanus zombie, dazu. Die nur vier Zentimeter kleinen und eher plump wirkenden Frösche gehören zur Engmaulfrosch-Familie. Leicht zu finden sind sie allerdings nicht. „Sie leben normalerweise im Boden“, erklärt Ernst. Lediglich viermal hat er die Frösche bisher in der Natur gesehen. Das ist eine schlammige Angelegenheit. Hat es geregnet, sind die Rufe der Männchen zu hören. „Dann schleicht man sich langsam an und muss sie am Ende mit bloßen Händen aus der Erde graben.“

Synapturanus zombie (Zombiefrosch), an der Entdeckung des Froschs im Amazonasgebiet war Dr. Raffael Ernst von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden beteiligt.
Synapturanus zombie (Zombiefrosch), an der Entdeckung des Froschs im Amazonasgebiet war Dr. Raffael Ernst von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden beteiligt. © privat/A. Fouquet

Das schaurig-schlammige Szenario hat Ernst und seine Kollegen dazu bewogen, die neu im Amazonasgebiet entdeckte Art Zombiefrosch zu nennen. Auch zwei weitere Frösche der Gattung Synapturanus konnten sie beschreiben. „Bislang wurde dieser Gattung wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit geschenkt“, erklärt Ernst und begründet dies mit der Lebensweise der Tiere: „Die Habitate der Frösche sind schwer zugänglich und ihre Verbreitungsgebiete sehr klein, die Tiere verstecken sich im Boden und ihre Rufe sind nur schwer differenzierbar.

Raffael Ernst bei der nächtlichen Arbeit im Rahmen einer Expedition.
Raffael Ernst bei der nächtlichen Arbeit im Rahmen einer Expedition. © privat/H. Jäger

Ein bis zwei Jahre Vorbereitungszeit braucht er im Vorfeld solch einer Expedition, um alle notwendigen Genehmigungen bei afrikanischen oder südamerikanischen Behörden einzuholen, die Logistik zu klären und das benötigte Material zusammenzustellen. Der spannendste Moment sei der kurz vor der Heimreise am Flughafen. Wenn er und die Kollegen mit Fröschen oder Schlangen im Gepäck durch den Zoll wollen. „Da müssen wir meist viel erklären und Formulare zeigen“, erzählt er. Dafür hätte er jedoch volles Verständnis. Schließlich sei die „Verbuschung“, wie er es nennt, in diesen Tagen auch im eigenen Gesicht vorangeschritten: zotteliges Haar, langer Bart, lädierte Kleidung. „Unser Aufzug ist meist schon besonders.“

Promi im Regal

Was er von seinen Reisen mitbringt, wird Teil einer großen Sammlung. In einem Archivraum der Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden lagern Tausende Frosch-, Reptilien- und Schlangenpräparate. Als Kurator ist Ernst Herr über diese Sammlung, die eine der größten ihrer Art weltweit ist. Regelmäßig verschickt er Teile davon in die ganze Welt, wenn Wissenschaftler sie für ihre Arbeit brauchen. Auch vom Zoll wird er als Experte hinzugezogen. Dann gilt es beispielsweise zu klären, zu welcher Schlangenart ein beschlagnahmtes Produkt gehört.

Vom kleinsten Frosch bis zur längsten Schlange ist im Archiv alles vertreten. Im Jahr 2015 ist auch ein besonderer Dresdner eingezogen: Der Schädel des berühmten Leistenkrokodils Max aus dem Dresdner Zoo liegt ebenfalls in einem Regal. Der Rest von ihm lagert in einer Kiste gleich gegenüber.

Der Schädel von Max, dem Leistenkrokodil aus dem Dresdner Zoo, lagert ebenfalls in der großen Sammlung, deren Kurator Raffael Ernst ist.
Der Schädel von Max, dem Leistenkrokodil aus dem Dresdner Zoo, lagert ebenfalls in der großen Sammlung, deren Kurator Raffael Ernst ist. © Marion Doering

Bald will der Herpetologe wieder auf Expedition gehen, diesmal nach Afrika. „Wir vermuten, dass es sechsmal so viele Synapturanus-Arten gibt, wie wir bislang beschrieben haben.“ Es bliebe also noch viel zu tun. „Für jede Art, die wir entdecken, sterben aber zehn andere, die wir nicht kennen.“ Durch den Eingriff des Menschen schrumpfe der Lebensraum der Tiere, zudem verändere der Klimawandel die Bedingungen. Mit seiner Arbeit will Raffael Ernst auch deutlich machen, wohin das alles führen kann. So folgt er weiter den Rufen der Frösche: piep, zirp, muh.

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