merken
PLUS Leben und Stil

Umweltbewusst kleiden - geht das?

Ob Schuhe im Abo, neue Secondhand-Angebote und ehrliche Siegel: Fair einkaufen wird immer einfacher. Doch das Umdenken geht noch langsam.

Unter dem Namen Unipolar verkauft der promovierte Physiker in Dresden selbst designte Textilien, aber auch Mode anderer nachhaltiger Hersteller.
Unter dem Namen Unipolar verkauft der promovierte Physiker in Dresden selbst designte Textilien, aber auch Mode anderer nachhaltiger Hersteller. © Arvid Müller

Möglichst viel, möglichst schnell, möglichst billig: Nach diesem Prinzip funktioniert Fast-Fashion. Marken bringen nicht mehr nur zwei Kollektionen im Jahr heraus, sondern alle zwei Wochen eine neue. Laut Greenpeace wird deshalb ein T-Shirt manchmal kaum mehr länger getragen als eine Plastiktüte. Dass ein Oberteil für fünf Euro nicht nachhaltig sein kann, ist den meisten bewusst. Allerdings unterschätzen viele den hohen Preis, den die Umwelt, Arbeitskräfte in Billiglohnländern und die Konsumenten selbst zahlen.

Das Problem beginnt schon bei der Herstellung der Rohfasern. Tristan Jorde, Leiter des Fachbereichs Umwelt und Produktsicherheit der Verbraucherzentrale Hamburg, sagt: „Die landwirtschaftliche Förderung von Naturfasern ist oft problematisch.“ Meist würden dabei nämlich Agrarchemikalien eingesetzt. „Außerdem muss man auch die sozialen Aspekte mit betrachten. Bei den Arbeitern können die Pestizide Gesundheitsprobleme auslösen.“

TOP Immobilien
TOP Immobilien
TOP Immobilien

Finden Sie Ihre neue Traumimmobilie bei unseren TOP Immobilien von Sächsische.de – ganz egal ob Grundstück, Wohnung oder Haus!

Die Herstellung von Chemiefasern verbraucht Rohstoffe wie Erdöl, was die Umwelt schwer belastet. Zudem erfordert sie zusätzliche Energie. Die Produktion von Polyester war 2015 laut Plastikatlas für 706 Millionen Tonnen CO2 verantwortlich. Das entspricht dem Ausstoß von 185 Kohlekraftwerken im Jahr. „Trotzdem nimmt die Produktion von Polyesterfasern weiter zu“, sagt Jorde. In Billiglohnländern wie Bangladesch werden die Fasern dann zu Kleidung weiterverarbeitet.

Umweltverschmutzung in der Wäsche

Die Bedingungen in den Textilfabriken sind häufig desaströs. „Näherinnen machen exzessiv Überstunden, die Arbeitsschutzmaßnahmen sind unzureichend“, so Jorde. Zudem werden häufig gesundheitsgefährdende Chemikalien verwendet. Sie sind nicht nur schlecht für die Arbeiter, sondern auch für die Konsumenten, die die Kleidung auf der Haut tragen. „Schadstoffe sind oft nicht gekennzeichnet. Es ist viel mehr an reizenden und giftigen Stoffen erlaubt, als man sich vorstellt“, sagt Jorde.

Besondere Skepsis ist aus seiner Sicht geboten, wenn Textilien als wasserabweisend beworben werden und gleichzeitig atmungsaktiv sein sollen. Sein Rat: „Seien Sie vorsichtig mit Wundermaterialien. Die gibt es nicht. Oft sind dann bedenkliche Stoffe enthalten.“ Laut Jorde gibt es zwar Beschränkungen für den Einsatz problematischer Chemikalien, die Kontrolle sei jedoch nur lückenhaft.

Doch die Umweltverschmutzung endet nicht, wenn die Kleidungsstücke im Schrank hängen: Während der Wäsche lösen sich bei Textilien aus synthetischen Stoffen kleine Fasern, die als Mikroplastik ins Wasser gelangen. Auch die Entsorgung stellt ein Problem dar. Viele Kleidungsstücke werden mittlerweile aus Mischfasern hergestellt. „Diese lassen sich nur schwer wieder voneinander trennen“, so Jorde. So sei das Recycling fast unmöglich.

Ausmisten während der Corona-Krise

Immerhin gibt es löbliche Ausnahmen. Die Schuhfirma On beispielsweise hat einen Sportschuh entwickelt, der komplett recycelbar ist. Ab dem Herbst soll er erhältlich sein. Damit er wieder zum Hersteller zurückkommt, wird er in einem Abo-Modell angeboten. Der Kunde zahlt 29,95 Euro im Monat und kann ihn so lange nutzen, bis er durchgelaufen ist. Laut Viviane Gut, der Nachhaltigkeitsbeauftragten des Unternehmens, ist das nach ungefähr 600 bis 800 Kilometern der Fall. „Wir senden ihm dann die neuen Schuhe zu und bekommen im gleichen Karton die alten zurück.“

Der werde dann zu Pellets verarbeitet, aus denen neue Schuhe entstehen. Ob sich solche Kreislaufprodukte durchsetzen können, ist noch nicht abzusehen. Deshalb ist es wichtig, Kleidung so lange wie möglich zu nutzen. Wenn sie doch verschlissen ist, könnten daraus Putzlappen gemacht werden, so Jorde. Sind Textilien noch intakt, gefallen oder passen aber nicht mehr, lohnt sich eher der Verkauf.

Abnehmer für gebrauchte Mode finden sich auf Flohmärkten oder in Secondhand-Läden. Online sind Plattformen wie Vinted, Momox oder Ebay Kleinanzeigen die gängigen Anlaufstellen. Das Ausmisten während der Corona-Krise hat die Zahl der Inserate deutlich steigen lassen. „Während der zwei Lockdowns im vergangenen Jahr konnten wir einen Anstieg der in Europa zum Verkauf angebotenen Artikel um 16 bis 17 Prozent feststellen“, sagt Vinted-Sprecherin Deborah Bremmer.

Bio muss nicht bieder sein

Plattformen wie Momox interessieren sich eher nicht für billige Massenware von Discounter-Ketten. „Sehen wir, dass von bestimmten Artikeln einer Marke ein gewisser Lagerbestand vorhanden und die Nachfrage gering ist, kaufen wir keine weiteren Artikel dieser Marke an“, erklärt CEO Heiner Kroke. In solchen Fällen ist es am besten, die Stücke mit Freunden und Verwandten zu tauschen. „Secondhand-Ware hat eine erheblich bessere CO2-Bilanz, da sie die Lebensdauer eines Kleidungsstücks verlängert“, erklärt Tristan Jorde.

Wer im Secondhand-Sektor nicht fündig wird, kann auf nachhaltige Marken und Hersteller ausweichen. Laut Jorde wächst die Zahl der sogenannten Fair-Fashion-Anbieter. Steve Kupke ist einer von ihnen. Unter dem Namen Unipolar verkauft der promovierte Physiker in Dresden selbst designte Textilien, aber auch Mode anderer nachhaltiger Hersteller. Kupke möchte so auch mit den Klischees rund um nachhaltige Kleidung aufräumen. „Wir wollen zeigen, dass Bio nicht bieder sein muss.“ Laut Kupke gibt es mittlerweile Fair-Fashion-Anbieter für fast jede Stilrichtung. Auch die Qualität könne problemlos mit konventionellen Textilien mithalten. „Wenn man es nicht weiß, würde man gar nicht merken, dass die Materialien Bio sind.“

Auch Zalando zieht mit

Trotz des wachsenden Angebots fällt es vielen Kunden schwer, ihr Konsumverhalten zu ändern. Eine Befragung des Onlinehändlers Zalando zeigt, dass Kunden zwar angeben, auf faire Arbeitsbedingungen und nachhaltige Herstellung zu achten, dies dann aber nicht mit ihrem Kaufverhalten bestätigen. Anders sieht es bei der Qualität aus. Wem die wichtig ist, der kauft tatsächlich hochwertiger. Diese Erkenntnis will Zalando für sich nutzen. So gibt es beispielsweise Überlegungen, in Zukunft die Qualitätsmerkmale von Bio-Baumwolle hervorzuheben, indem die Kosten für jedes Tragen ausgerechnet und vergleichbar gemacht werden.

Auch große Ketten wie H&M oder Zara bieten als nachhaltig beworbene Waren an. „Deren Standards kann man zwar nicht mit unseren vergleichen, es ist jedoch ein Anfang“, sagt Mode-Unternehmer Kupke. Auch Tristan Jorde rät bei den großen Anbietern zur Vorsicht: „Es gibt eine Menge Greenwashing.“ Was wörtlich übersetzt „Grünwascherei“ heißt, bedeute, „dass Unternehmen Produkte als nachhaltig bewerben, die es gar nicht sind“.

Auch faire Fuß-Fashion verkauft Steve Kupke in seinem Geschäft.
Auch faire Fuß-Fashion verkauft Steve Kupke in seinem Geschäft. © Arvid Müller

Um echte Nachhaltigkeit zu erkennen, können Siegel helfen. Allerdings ist auch hier Vorsicht geboten. Manche Firmen verwenden eigene Siegel, die wenig Aussagekraft besitzen. Grundsätzlich gilt: Je härter die Kriterien, desto seltener wird ein Siegel vergeben. Gute Siegel sind laut Jorde beispielsweise der Blaue Engel, der Grüne Knopf und die Zertifizierung des Internationalen Verbands der Naturtextilwirtschaft (IVN). Ausführlichere Infos gibt es auf Webseiten wie Siegelklarheit oder Label-Online.

Woran erkennt man faire Mode?

Gerade im Onlinehandel wird laut Jorde manchmal geschummelt. Erst Ende April deckte eine Recherche des Saarländischen Rundfunks auf, dass die Marke Oceansapart, die ihre Sportkleidung als nachhaltig bewarb, ein Siegel verwendet hat, das Mitgliedern einer Initiative für sozialen und nachhaltigen Handel (Amfori BSCI) vorbehalten ist. Oceansapart war dort zu dem Zeitpunkt aber noch kein Mitglied. Das Unternehmen weist darauf hin, dass alle seine Lieferanten schon seit langem von unabhängigen Gutachtern wie TÜV und Bureau Veritas nach den BSCI-Standards geprüft werden. Zudem wurde man inzwischen auch selbst von Amfori als Mitglied aufgenommen ebenso wie von der Fair Wear Foundation. Jorde, der die Recherche unterstützt hat, sagt: „Als Kunde kann ich so was nicht erkennen.“ Deshalb empfehle er, im stationären Handel einzukaufen. Hier könne der Kunde fragen, wo und wie die Kleidungsstücke hergestellt werden. Steve Kupke bestätigt: „Wir freuen uns über Interesse und erklären das dann auch gerne.“

Zalando hat mittlerweile auf das Kundenbedürfnis nach mehr Transparenz reagiert und einen eigenen Filter für Nachhaltigkeit entwickelt. Bei von der Plattform als nachhaltig gekennzeichneten Kleidungsstücken erhalten die Kunden neben der Produktbeschreibung auch Auskunft darüber, inwiefern das Produkt nachhaltig ist.

Auch hier empfiehlt sich jedoch, vor allem auf seriöse Zertifizierungen wie das des Global Organic Textile Standard (GOTS) zu achten. Bei den firmeneigenen Nachhaltigkeitslabels sind die Standards deutlich weniger streng. Weitere Onlineanbieter, die relevante Siegel nutzen, sind unter anderem Hessnatur, Ehrlich Textil, Grüne Erde und Alma & Lovis.

Kompromisse gibt es immer

Echte Fair-Fashion-Stücke sind häufig teuer. Laut Unipolar-Gründer Kupke muss das jedoch nicht sein. „Unsere Textilien sind mit anerkannten Siegeln für Nachhaltigkeit zertifiziert, und wir bekommen es trotzdem hin, ein Basic-Shirt für 14 Euro anzubieten.“ Für die Preise von fairer Mode sind laut Kupke vor allem die Produktionsmargen und die verwendeten Fasern entscheidend.

Weiterführende Artikel

Corona: Fairtrade-Umsatz gesunken

Corona: Fairtrade-Umsatz gesunken

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland weniger fair gehandelte Banananen und Kleidung gekauft. Dafür stieg der Kaffeekonsum.

Online weniger bestellen für Nachhaltigkeit

Online weniger bestellen für Nachhaltigkeit

Onlineshopping macht Spaß, Umweltschutz nicht. Es kommt künftig darauf an, Einkaufen und Nachhaltigkeit zu verbinden. Und das ist gar nicht so schwer.

„Nachhaltige Hersteller verwenden sehr selten Kunstfasern, die sehr günstig herzustellen sind. Sie greifen eher auf Alternativen aus Eukalyptus und Buche zurück. Das ist aber eben auch teurer.“ In einigen Textilien, die Kupke in seinem Sortiment hat, stecken deshalb Mischfasern. „Unsere Hoodies enthalten teilweise recyceltes Polyester, damit sie auch auf Dauer in Form bleiben.“ Manchmal sei Nachhaltigkeit eben nicht ohne Kompromisse zu machen, sagt der Unipolar-Gründer. „Es bringt nämlich auch nichts, wenn die Pullover dann nach einem Jahr nicht mehr getragen werden können, weil sie sich total verzogen haben.“

Vertrauenswürdige Siegel für Fair Fashion:

Der Grüne Knopf: Staatliches, relativ aussagekräftiges Siegel für nachhaltige Textilien. Sowohl das Unternehmen als auch das fertige Produkt muss soziale, menschenrechtliche und ökologische Kriterien einhalten. Doch es gibt auch Kritik: Beispielsweise müssen den Arbeitern nur Mindestlöhne gezahlt werden, obwohl die Mindestlöhne in vielen Ländern nicht ausreichend sind, um die Existenz der Arbeiter zu sichern.
Der Grüne Knopf: Staatliches, relativ aussagekräftiges Siegel für nachhaltige Textilien. Sowohl das Unternehmen als auch das fertige Produkt muss soziale, menschenrechtliche und ökologische Kriterien einhalten. Doch es gibt auch Kritik: Beispielsweise müssen den Arbeitern nur Mindestlöhne gezahlt werden, obwohl die Mindestlöhne in vielen Ländern nicht ausreichend sind, um die Existenz der Arbeiter zu sichern. © Gruener-Knopf.de
Fair Wear Foundation: Siegel einer niederländischen Stiftung Diese möchte die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie weltweit verbessern. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken werden deshalb stetig vor Ort überprüft um zu kontrollieren, dass die sozialen Standards eingehalten werden.
Fair Wear Foundation: Siegel einer niederländischen Stiftung Diese möchte die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie weltweit verbessern. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken werden deshalb stetig vor Ort überprüft um zu kontrollieren, dass die sozialen Standards eingehalten werden. © Fair Wear Foundation
Global Organic Textile Standard (GOTS): Siegelinhaber eine gemeinnützige GmbH. Dahinter steht ein Zusammenschluss mehrerer Organisationen, die sich für eine ökologische und faire Produktion von Textilien einsetzen. Das GOTS-System basiert auf einer Vor-Ort-Kontrolle und Zertifizierung der gesamten textilen Lieferkette (inklusive Handel). Das Siegel dürfen nur Textilien tragen, die zu mindestens 70 Prozent aus biologisch erzeugten Naturfasern bestehen. Ab 95 Prozent wird der Zusatz „Organic“ vergeben.
Global Organic Textile Standard (GOTS): Siegelinhaber eine gemeinnützige GmbH. Dahinter steht ein Zusammenschluss mehrerer Organisationen, die sich für eine ökologische und faire Produktion von Textilien einsetzen. Das GOTS-System basiert auf einer Vor-Ort-Kontrolle und Zertifizierung der gesamten textilen Lieferkette (inklusive Handel). Das Siegel dürfen nur Textilien tragen, die zu mindestens 70 Prozent aus biologisch erzeugten Naturfasern bestehen. Ab 95 Prozent wird der Zusatz „Organic“ vergeben. © Global Standart gGmbH
Naturtextil IVN zertifiziert BEST: Eines der strengsten Siegel für Textilien. Geprüft und zertifiziert werden die umweltverträgliche und sozial verantwortliche Herstellung und Verarbeitung von Naturtextilen. Verwendung nur erlaubt, wenn alle Produktionsstufen zertifiziert sind.
Naturtextil IVN zertifiziert BEST: Eines der strengsten Siegel für Textilien. Geprüft und zertifiziert werden die umweltverträgliche und sozial verantwortliche Herstellung und Verarbeitung von Naturtextilen. Verwendung nur erlaubt, wenn alle Produktionsstufen zertifiziert sind. © Internationaler Verband der Naturtextilwirtschaft

Mehr zum Thema Leben und Stil