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Sie sind jung und sie brauchen das Holz

Immer mehr Azubis wollen einen Beruf im Wald. Aber kriegen sie ihn auch? Eine Lehrstunde in Hetzdorf.

Heiß aufs Holz: Forstwirtschaftsmeister Robert Streller (l.) und seine Jungs vom 3. Lehrjahr (v.l.) Frank Wirthgen, Max Böhme, Bernhard Hilbich, Lucas Uhlmann und Leon Schröder.
Heiß aufs Holz: Forstwirtschaftsmeister Robert Streller (l.) und seine Jungs vom 3. Lehrjahr (v.l.) Frank Wirthgen, Max Böhme, Bernhard Hilbich, Lucas Uhlmann und Leon Schröder. © Daniel Schäfer

Ein Hauch von Sägemehl und Rauch liegt in der Luft. So riecht Arbeit. Fünf wuchtige Lärchenstämme, getränkt mit Nadelholzteer, sollen eine Brücke werden. Die alte, die am Mittelpunkt Sachsens den Colmnitzbach querte, war marode. Der Ersatz wird dringend erwartet, sagt Robert Streller, der den Bau leitet. Die Nachfragen der Leute seien schon nicht mehr ganz so freundlich. In drei Wochen, hofft er, wird der Aufbau beginnen.

Noch liegen die Brückenteile auf dem Holzplatz des Versuchs- und Lehrobjekts Hetzdorf. Fest umschlossen vom Tharandter Wald ist das die zentrale Ausbildungsstätte für Forstwirte in der Weißeritzregion. Jährlich werden fünf neue Lehrlinge aufgenommen. 45 waren es dieses Jahr bei Sachsenforst insgesamt. Der Lehrherr, Forstminister Wolfram Günther, wünschte allen das Beste. "Sie erlernen einen schönen, einen spannenden Beruf, der immer wichtiger wird."

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Als Meister in die eigene Schule zurückgekehrt

Wenige wissen das so gut wie Robert Streller. Der 26-Jährige aus Löwenhain hat auch Forstwirt gelernt, hier, in Hetzdorf, wurde Waldarbeiter, dann Forstwirtschaftsmeister und schließlich selbst Ausbilder. Mehr Abwechslung als im Revier, und immer Kontakt zur Jugend. Noch ist er selber jung. Aber später, sagt er, wird ihm das Lehrersein helfen, "sich auf dem Laufenden zu halten".

Lucas macht Späne: Bevor das mobile Sägewerk auf diesen dicken Lärchenstamm passt, muss sein Durchmesser reduziert werden.
Lucas macht Späne: Bevor das mobile Sägewerk auf diesen dicken Lärchenstamm passt, muss sein Durchmesser reduziert werden. © Daniel Schäfer

Forstwirte begleiten den Wald, von der Pflanzung bis zur Ernte, und halten das Drumherum in Schuss, Wege, Zäune, Bänke, Hochsitze, und auch mal eine Brücke. Jedes Lehrjahr hat sein spezielles Projekt in Sachen Naturschutz und Landschaftspflege. Der Brückenbau ist ein besonders ehrgeiziges. Es geht deutlich hinaus über das, was man von Forstwirten erwarten würde, sagt Ausbilder Streller. "Hier leisten wir uns schon fast Zimmermannsarbeit."

Heute sollen die Lärchenstämme beschnitten werden, damit sie gerade und in gleicher Höhe auf den Brückenlagern ruhen können. Die Fahrbahn aus Balken darf nicht kippeln. Es ist ein heikler Arbeitsgang, den Frank, Max, Bernhard, Lucas und Leon vor sich haben. Diese Bäume sind 143 Jahre gewachsen. Die Lehrlinge haben sie selbst ausgesucht und mühsam gefällt. Ein falscher Schnitt könnte alles verderben.

Forstminister Günther: deutlich mehr Ausbildungsstellen

Wertvolles Holz wünschen sich die Forstwirte auch in Zukunft. Deshalb müssen die Forstwirte der Gegenwart daran arbeiten. Der Wald brauche tatkräftige Forstwirte mehr denn je, sagt Forstminister Günther. "Und deshalb freue ich mich, dass wir dieses Jahr deutlich mehr Ausbildungsstellen anbieten können."

Teamarbeit nach Maß: Während Lucas Uhlmann (r.) das Sägewerk bedient, sichert Max Böhme die Führungsschiene des Apparats.
Teamarbeit nach Maß: Während Lucas Uhlmann (r.) das Sägewerk bedient, sichert Max Böhme die Führungsschiene des Apparats. © Daniel Schäfer

Sachsenforst hat 2021 fünf Azubis mehr aufgenommen als 2020. Ausgebildet wird aber auch im Privatwald und in den Wäldern von Kommunen und Kirchen. Damit gab es in diesem Jahr insgesamt 64 Ausbildungsstellen für Forstwirte in Sachsen. 2020 waren es noch 51 gewesen, im Jahr davor 48.

Der Trend geht nach oben. Allerdings noch nicht sehr lange. Bis zum Einsetzen der Waldkrise waren jahrelang Waldarbeiter im Staatsforst, dem mit 40 Prozent Waldanteil größten Bewirtschafter natürlicher Ressourcen in Sachsen, abgebaut worden. Die Zahl ausbildender Forstbezirke sank von 13 auf acht. Der Standort Hetzdorf war im Konzept zur Schließung vorgesehen.

Davon ist keine Rede mehr. In Hetzdorf wird die Lehrlingsunterkunft gründlich ertüchtigt. Neue Fassade, neues Dach, neue Raumaufteilung, Fotovoltaik. Statt der jetzigen fünf sollen künftig sechs Azubis pro Jahrgang hier lernen. Der Stellenzuwachs, so erklärt die Sachsenforstleitung in Graupa, ist mit dem Doppelhaushalt 2021/22 vom Landtag beschlossen worden.

Unbestechliche Wasserwaage: Sind die Auflageflächen der Unterkonstruktion schief, wackelt später der Belag der neuen Brücke.
Unbestechliche Wasserwaage: Sind die Auflageflächen der Unterkonstruktion schief, wackelt später der Belag der neuen Brücke. © Daniel Schäfer

Auf dem Holzplatz wird es ernst. Der Schnitt in die Stirn des Lärchenstamms ist angezeichnet, das mobile Sägewerk, eine in Führungsschienen eingespannte Riesenkettensäge, in Stellung gebracht. Lucas startet das mächtige Werkzeug, treibt es ins Holz hinein, Max drückt von oben auf die Führungsvorrichtung, damit das Sägeschwert nicht ausbricht. Meister Streller schaut ernst drein. Absolute Genauigkeit ist jetzt gefragt.

Lieber in den Wald als in die Backstube

Aus der Distanz beobachten Nadine Klaus und Carolin Hunger die Szene. Bis vor wenigen Wochen waren auch sie hier Lehrlinge. Jetzt gehören sie zur raren Spezies der weiblichen Forstwirte. Unter den 458 Waldarbeitern bei Sachsenforst sind nur 13 Frauen, wovon die Mehrzahl in Baumschulen tätig ist. Nur fünf arbeiten direkt im Forstbetrieb. Doch die Waldarbeit wird weiblicher werden. Zehn Prozent des neuen Ausbildungsjahrgangs sind Frauen.

Nadine, die am Wald aufwuchs, sagt, dass sie schon immer ein "Draußen-Typ" war. Einen Bürojob hätte sie nicht gewollt. Carolin hat zuerst Bäckerin gelernt, war damit aber nicht glücklich. "Ich dachte: Jetzt musst du mal was Neues anfangen." Der Bruder ihres Freundes hatte Forstwirt gelernt. So kam sie auf die Idee. Und es war eine gute Idee, wie sie heute weiß. "Ich bin jetzt wesentlich zufriedener."

"Wir können mit den Jungs mithalten." Die frisch ausgelernten Forstwirtinnen Nadine Klaus (vorn) und Carolin Hunger arbeiten im Revier Naundorf im Tharandter Wald.
"Wir können mit den Jungs mithalten." Die frisch ausgelernten Forstwirtinnen Nadine Klaus (vorn) und Carolin Hunger arbeiten im Revier Naundorf im Tharandter Wald. © Daniel Schäfer

Den beiden gefällt die Vielseitigkeit des Jobs. "Du machst jeden Tag was anderes, musst dich auf neue Situationen einstellen", sagt Nadine. Dazu gehört auch die Tortur, zarte Bäumchen in steinharte Böden zu pflanzen, oder sich mal nass regnen zu lassen bis auf die Haut. Was die Mädels nicht wollen: gehätschelt werden, nicht vom Lehrmeister, nicht von den Kollegen. "Wir wollen mit den Jungs mithalten", sagt Nadine. "Und das können wir auch. Definitiv."

Viele Wege führen zum Forstwirt

Die beiden haben den Beruf von sich aus entdeckt. Den Jungs auf dem Holzplatz ging es genauso: Holzbildhauer in der Familie gehabt, als Kind mit im Brennholzwald gewesen, frustriert gewesen von der Lehre im Kuhstall, oder einfach "richtig arbeiten" wollen - die Wege sind divers. Nur in der Berufsberatung hat niemand etwas von Waldarbeit gehört. "Das müsste sich extrem ändern", findet Nadine.

Der Sägenlärm ist erstorben, das Brettstück vom Stamm getrennt. Meister Streller legt die Wasserwaage an. Die Libelle bleibt weitgehende in der Waage. "Perfekt", lobt er die Jungs. Sie sind im dritten Jahr. Nächsten Sommer ist die Lehre aus. Was dann? Sie schweigen. "Gute Frage." Sie würden gern bei Sachsenforst bleiben. Ihr Ausbilder kann ihnen das nicht versprechen. Aber eins kann er: Mut machen. "Die Chancen steigen."

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