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Bezwinger der Gelben Tonne

Übers Abholen des Leichtmülls wurde zuletzt viel gemeckert. Was leisten die Fahrer wirklich? Ein Praktikum.

Die Coolen von Kühl: Martin Fleck (r.) und Julian Hinzke (l.) auf Gelbe-Tonnen-Tour in Schlottwitz. Diesmal haben sie Reporter Jörg Stock als Lehrjungen dabei.
Die Coolen von Kühl: Martin Fleck (r.) und Julian Hinzke (l.) auf Gelbe-Tonnen-Tour in Schlottwitz. Diesmal haben sie Reporter Jörg Stock als Lehrjungen dabei. © Karl-Ludwig Oberthür

Rechts frei, sagt Julian, und Martin hinterm Steuer gibt Gas und schiebt den Sechzehntonner auf die Piste. Ich sitze in der Mitte. "Haste Lust?", fragt Martin. Was soll ich sagen: Ich bin um vier aufgestanden, es ist stockdunkel und Regen klatscht gegen die Frontscheibe. Ein leicht gammliger Hauch hängt in der Kabine, von der gestrigen Tour - Biomüll. Den Jungs ist es schnuppe. In diesem Job darf man nicht aus Watte sein, sagt Julian. "Wir sind immer motiviert."

Ich bin Praktikant bei Kühl in Heidenau. Die Firma holt in weiten Teilen des Landkreises Biotonnen und Restmüll ab, bislang auch den gelben Sack für Leichtverpackungen. Seit Ende vorigen Jahres wird von Säcken auf Tonnen umgestellt. Die Neuerung zog mit viel Frust ein: Tonne zu groß, Tonne zu klein, Tonne nicht geleert, gelbe Säcke liegen gelassen - zu Spitzenzeiten gab es 200 Beschwerde-Anrufe täglich, sagt Kühl-Niederlassungsleiter Heiko Scheffel. Viele seien gar nicht erst durchgekommen.

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Schmale Straßen, schlammige Bauernpisten, Eis und Schnee - Kraftfahrer Martin Fleck traut sich am Lenkrad einiges zu. "Ich bin durchaus risikobereit."
Schmale Straßen, schlammige Bauernpisten, Eis und Schnee - Kraftfahrer Martin Fleck traut sich am Lenkrad einiges zu. "Ich bin durchaus risikobereit." © Karl-Ludwig Oberthür

Heute ist wieder Gelbe-Tonnen-Tag. Es geht auf die Autobahn, Richtung Gebirge. Eine schöne Tour habe ich mir da ausgesucht, sagt Martin. In den Straßendörfern ist die Arbeit übersichtlich, ein, zwei Tonnen pro Haus, da kann man eher mal Luft holen als in der Stadt, zwischen den Wohnblocks von Freital-Zauckerode etwa, wo fünf oder zehn Tonnen an einem Fleck warten. "Da weißt du schon vorher, dass Du richtig rammeln musst."

"Rangeklotzt wie die Ochsen"

Dass die Gelbe Tonne da ist, gefällt den Jungs. Schluss mit dem ständigen Bücken nach den chronisch zerflederten Tüten, mit dem Ausbuddeln bei Schnee. Doch Tonnen leeren dauert länger. Konnte man die Säcke oft während der Fahrt einwerfen, muss der Wagen nun bei jeder Tonne stoppen. Die für Säcke üblichen Sammelplätz gibt es auch nicht mehr. In viele kleine Straßen muss sich das Müllauto nun hineinquetschen. "Die ersten Tage waren brutal", sagt Martin. "Alle haben rangeklotzt wie die Ochsen."

Absprung vom Trittbrett: Während der Reporter noch zögert, steuert Julian Hinzke schon auf die Arbeit zu.
Absprung vom Trittbrett: Während der Reporter noch zögert, steuert Julian Hinzke schon auf die Arbeit zu. © Karl-Ludwig Oberthür

Noch drei Minuten Fahrzeit bis zum ersten Einsatz. Ich denke an die Einweisung. Vor allem daran: Steh' nicht im Schwenkbereich der Tonne. Sonst kommt der Krankenwagen. Und auf die Autos achten. Fahrer werden schnell mal aggressiv, hat Martin gesagt, wenn wir zwangsläufig im Weg herumstehen. Stinkefinger und Vulgärsprache - Assi, Arschloch, Fickfehler - sind an der Tagesordnung. "Aber das soll uns nicht den Spaß an der Freude nehmen."

Der Greifer greift daneben

Börnchen. Die Arbeit geht los. Julian ist schon vom Sitz in die nasse Dämmerung hinaus geklettert. Ich streife die Handschuhe über. Letzter Tipp von Martin: Nur die Ruhe. "Wir sind tiefenentspannt." Und dann meine erste Tonne. Sie steht links am Straßenrand. Sie ist leicht und schnell zum Auto gerollt. Nun an den gezackten Greifer, den sie Kamm nennen, heranschieben, und die Automatik macht den Rest.

Die Tonne fährt automatisch in die Höhe. Aber nur, wenn man sie passgenau auf den "Kamm" schiebt.
Die Tonne fährt automatisch in die Höhe. Aber nur, wenn man sie passgenau auf den "Kamm" schiebt. © Karl-Ludwig Oberthür

Aber denkste! Ich hab' schlecht gezielt mit dem Tonnenrand. Der Greifer greift den Kübel nur zur Hälfte. Auf halb acht baumelt er in der Luft herum, muss wieder runter. Zweiter Versuch. Doch nichts bewegt sich. Julian schreitet ein: Tonne noch mal weg, Tonne wieder ran. Jetzt klappt's. Der Kamm rastet ein, die Tonne vollführt einen halben Salto und entleert sich rasselnd, es klingt nach Bierkappen, in den Fahrzeugbauch.

Geknietschter Müll blockiert Leerung

Wieder am Boden wird der Deckel des Behälters gelupft. Alles raus? Oft ist der Müll reingeknietscht und steckt fest. Aber reinlangen dürfen die Müllmänner in die Kübel nicht. Verletzungsgefahr. Da hilft nur nochmal kippen. Und, wenn gar nichts geht, stehen lassen, auch wenn es dann Beschwerden gibt. So findet man beim nächsten Termin "nette" Zettel, erzählt Julian: Gefälligst ordentlich leeren! "Da sind die Leute kreativ."

Der Kraftfahrer muss seine Augen überall haben, auch bei den Kollegen am Heck. Dabei hilft ihm die Kamera.
Der Kraftfahrer muss seine Augen überall haben, auch bei den Kollegen am Heck. Dabei hilft ihm die Kamera. © Karl-Ludwig Oberthür

Weiter geht es. Wir machen "rechtslinks", so heißt die Arbeitsteilung. Ich habe links, und bald wieder einen Hänger. Bin zu hastig beim Ranschieben der Tonne, aus Angst, sie verpasst mir einen Tritt. Weil wir bergauf arbeiten, rollt sie ein wenig zurück, der Kamm fasst ins Leere. Die Kollegen reden mir gut zu. Keine Angst haben, sagt Martin. "Nur Respekt."

Cooler Trip auf dem Tritt

Das kleine Börnchen ist bald erledigt. Pinkelpause am Trafohäuschen. Notgedrungen, denn ein Klo gibt es auf der Runde übers Land nicht, nicht mal eine Tankstelle, wo man ranfahren könnte. Das ist das Los der Pressmüllfahrzeugfahrer. Große Geschäfte sollte man zu Hause lassen.

Wieder mal eng: Weil auf den Straßen zu viele Autos parken, fehlt es den Müllmännern oft an Platz zum Arbeiten.
Wieder mal eng: Weil auf den Straßen zu viele Autos parken, fehlt es den Müllmännern oft an Platz zum Arbeiten. © Karl-Ludwig Oberthür

In Dittersdorf geht das Kippen weiter. Langsam freunde ich mich an mit der Automatik. Die Tonnen heben planmäßig ab. Schon steht der Tonnenzähler bei 139. Gewöhnungsbedürftig ist die Mitfahrt auf dem Tritt. Macht aber Laune und besitzt tatsächlich einen gewissen Coolness-Faktor. Er wäre noch größer, könnte ich so geschmeidig abspringen wie Julian. Während ich warte, bis der Laster einigermaßen zum Stehen kommt, ist er schon auf der Straße und langt nach der nächsten Tonne.

Beobachtet durch die "Gardinenwackler"

Johnsbach, eins der Lieblingsdörfer von den Jungs. Es geht bergab, gut für die Technik und für uns Lader. Geleerte Tonnen: 266. Ran ziehen, kippen, wegstellen, immer schön in Reihe, und mit den Griffen zum Grundstück. Es ist Lockdown, viele sind daheim, wie die "Gardinenwackler" bestätigen. "Wir wollen ein ordentliches Bild hinterlassen", sagt Martin.

Ende des Arbeitstages: Die Müllfuhre, knapp dreieinhalb Tonnen, wird bei einem Umweltservice in Dresden abgekippt.
Ende des Arbeitstages: Die Müllfuhre, knapp dreieinhalb Tonnen, wird bei einem Umweltservice in Dresden abgekippt. © SZ/Jörg Stock

In den Tonnen ist das Bild mitunter gruselig, anscheinend mehr Restmüll, als Verpackung. Tatsächlich stoßen die Männer auf allen möglichen Unrat von der Windel bis zum Staubsauger. Ein ganzes Wildschwein wurde auch mal gefunden. Was mit den transparenten Säcken kaum ging, nämlich Müll verstecken, wird jetzt fleißig praktiziert. Falschbefüllung ist nicht nur lästig, auch gefährlich. Martin hat schon dreimal gebrannt mit seinem Auto, weil sich Gefahrstoffe entzündeten.

Oberfrauendorf ist erreicht, der Regen versiegt. Der Tonnenzähler ist auf 414 geklettert und die Laune wird auch immer besser. Jeden Tag sitzen Martin und Julian zusammen auf den Truck. Sie sehen sich mehr als ihre Frauen, sagen sie. Da muss es klappen miteinander. Und das tut es. "Es hat vom ersten Tag an gefetzt", sagt Julian. Martin sagt, dass es in jedem Job mal "Hudeleien" gibt, so auch in diesem. Aber was er tut, das tut er gern. "Ich könnte mir nichts anderes vorstellen."

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