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Sachsen setzt Tannen gegen Klimawandel

Der Borkenkäfer hat dieses Jahr Rekordschäden angerichtet. Doch laut Landesforstpräsident Hempfling gelang es, einen Anstieg zu verhindern. Er hat Pläne.

Der Staatsbetrieb Sachsenforst will den Wald durch "aktiven Waldumbau" widerstandsfähiger gegen den Klimawandel machen.
Der Staatsbetrieb Sachsenforst will den Wald durch "aktiven Waldumbau" widerstandsfähiger gegen den Klimawandel machen. © Patrick Pleul/dpa

Dresden. Ein beliebter Wanderweg führt auf den Großen Picho, einen Bergrücken nördlich von Tautewalde im Kreis Bautzen. Doch die schöne Aussicht in die Oberlausitz ist getrübt, das weiß sogar der Landesforstpräsident. Utz Hempfling zeigte am Montag beim Pressegespräch zum Waldzustand Luftaufnahmen von kahlen Flächen, wo noch vor wenigen Jahren sattes Fichtengrün zu sehen war.

Der Wald auf dem Großen Picho leidet unter den Folgen des Klimawandels – wie die sächsischen Wälder insgesamt, sagte Hempfling. Der Borkenkäfer hat Fichten befallen, weil sie wegen der Trockenheit nicht einmal genügend Harz zur Abwehr bilden konnten. Den Forstarbeitern blieb nur, die befallenen Stämme möglichst rasch aus dem Wald zu holen – nicht einfach zu organisieren bei 149 Eigentümern schmaler Flurstücke am Hang.

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Das dritte Dürrejahr nacheinander hat in den sächsischen Wäldern zu Rekordschäden geführt. Nur noch jeder fünfte Baum sehe gesund aus, berichtete Umweltminister Wolfram Günther (Grüne). Doch laut Forstpräsident Hempfling gelang es den Forstarbeitern, zeitweilig unterstützt von Bundeswehr und Technischem Hilfswerk, einen weiteren Anstieg der Borkenkäferschäden zu verhindern. Der Staatsbetrieb Sachsenforst engagierte auch Unternehmen aus benachbarten Bundesländern samt ihren Rodegeräten.

Kronenkontrolle per Fernglas: Zu licht

Dennoch sind laut Minister Günther jetzt 35 Prozent der Bäume „deutlich geschädigt“. Nur bei 21 Prozent stellten die Förster keine sichtbaren Schäden fest. Die Kontrolle fand wie stets per Fernglas statt: Bei 6.720 ausgewählten Bäumen notierten die Experten, wie stark die Kronen mit Nadeln oder Blättern besetzt waren. „Noch nie waren gleichzeitig so viele Bäume deutlich geschädigt“, heißt es nun im Waldzustandsbericht 2020.

Bei den Fichten führte die Trockenheit der letzten drei Jahre zu weitaus größeren Waldschäden als der Schwefel zu Anfang der 1990er-Jahre. Selbst Kiefern, die besser als Fichten an Trockenheit angepasst sind, verloren Nadeln und wurden stark von Käfern befallen. Die Kiefer komme auch nicht mehr mit dem Klimawandel zurecht, sagte Günther. Die Dauerbelastung mache die Bäume anfällig für Pilze und Borkenkäfer.

Eine Sachsenforst-Karte zeigt die stärksten Schäden in den Revieren Cunewalde und Sebnitz, also in der südlichen Oberlausitz und in der Sächsischen Schweiz. Wasser fehlt: In der Lausitz ist seit 2018 so viel Niederschlag ausgeblieben, wie sonst in einem Jahr zusammenkommt. Etwas besser kamen in diesem Jahr Westerzgebirge und Vogtland weg, auch im Tiefland war der Borkenkäferbefall geringer als voriges Jahr.

Gute Nachricht: Diesmal weniger Sturmschäden

Schnee und Sturm ließen in diesem Jahr die Wälder weitgehend in Ruhe. Daher fiel insgesamt weniger „Schadholz“ an, sagte der Forstpräsident. Voriges Jahr mussten zwei Millionen Kubikmeter Holz nach Schäden aus dem Wald gebracht werden, für dieses Jahr rechnet Hempfling mit 1,7 bis 1,8 Millionen Kubikmetern. Doch auch für das nächste Jahr stellt er sich auf „intensiven Borkenkäferbefall“ ein.

Der Minister beklagte, „grundsätzlich instabile Forsten“ träfen auf „katastrophale Zustände“. Der Klimawandel müsse gebremst werden, denn er komme das Land teuer zu stehen. Gleichzeitig forciere die Landesregierung den Umbau des Waldes: „Wir streben einen stabilen, arten- und strukturreichen, leistungsfähigen Mischwald an“, sagte Günther.

Der Grünen-Politiker sagte einerseits, er wolle Waldökosysteme statt Nutzwald. Andererseits betonte auch Günther wie sein Vorgänger Thomas Schmidt (CDU), dass nutzbares Holz aus dem Wald gewonnen werden solle. „Hohe Wertschöpfung“ lasse sich aber auch mit Laubbäumen erreichen, sagte Günther. Dafür müssten nun die notwendigen Strukturen geschaffen werden.

Nächstes Jahr sechs Millionen Setzlinge

Forstpräsident Hempfling sagte, die kahlen Flächen böten die Chance, „klimastabile Mischwälder“ zu begründen. Für das kommende Jahr gab er als Ziel aus, sechs Millionen Bäume und Sträucher zu pflanzen. Wie in den vergangenen Jahren sollen die Forstarbeiter rund 1.300 Hektar Wald pro Jahr widerstandsfähiger gegen den Klimawandel machen.

Anstelle von Fichtenmonokulturen soll es laut Hempfling beispielsweise wieder mehr Weißtannen geben – die haben tiefere Wurzeln und kommen so an mehr Wasser. Im Mittelgebirge hätten früher mehr Weißtannen gestanden. Im Tiefland sollen mehr Eichen wachsen und Buchen „bis ins Mittelgebirge“ hinauf.

Laubwald solle künftig mindestens die Hälfte der Waldgebiete einnehmen. Das sei eine Generationenaufgabe. Allerdings kenne niemand das Klima in 100 Jahren, daher müsse das Ziel immer wieder überprüft werden. Spätfröste hätten in diesem Jahr Eichen entlaubt und Buchen geschädigt. Das habe auch der Johannistrieb nicht ausgeglichen.

Holzpreise stark gefallen

Minister Günther betonte, auch die natürliche Verjüngung des Waldes werde einen Beitrag zu stabilen Mischwäldern leisten. Zudem bekämen private Waldbesitzer seit diesem Jahr eine attraktivere Förderung, wenn sie mehr Vielfalt zuließen und Laubbäume pflanzten. Von den Sägewerken dagegen bekamen sie weniger Geld: Die Preise sind wegen des Überangebots nach den Stürmen der vergangenen Jahre um zwei Drittel eingebrochen.

Laut Hempfling konnte der Sachsenforst für das nächste Jahr aber leicht steigende Preise aushandeln. Die Holzindustrie habe eine „sehr gute Absatzsituation“ in der Baubranche.

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