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Der nervige Fisch

Die Schwarzmundgrundel wird zum Massenphänomen - in der Elbe und am Angelhaken. Immerhin hat sie einen Nutzen.

Bei Lorenzo Ruffani beißt die Schwarzmundgrundel fast im Minutentakt an. Der Bestand des eingewanderten Fisches in der sächsischen Elbe ist explodiert.
Bei Lorenzo Ruffani beißt die Schwarzmundgrundel fast im Minutentakt an. Der Bestand des eingewanderten Fisches in der sächsischen Elbe ist explodiert. © Marko Förster

Was funktioniert besser: eine fette Wachsmottenlarve oder ein süßes Maiskorn? Wer fängt, hat Recht, heißt es unter Anglern. Also macht man es am besten wie Lorenzo, der auf stinknormale Fleischmaden schwört. In wenigen Minuten hat er drei Fische an Land gezogen. Oder waren es schon vier? Auf jeden Fall immer die selbe Sorte: Schwarzmundgrundeln. Klar macht es Laune, wenn der Schwimmer ständig zappelt, sagt der Junge. "Aber ich würde auch gerne mal was anderes fangen."

Samstagvormittag am Elbufer in Copitz. Die Jugend vom Angelverein Stadt Pirna befindet sich auf Fischzug. Neben einem Haufen aus Wasserbausteinen stehen und hocken die Jungs und Mädels in Linie und haben ihre Ruten im Anschlag. Ein Bild, das Jugendwart Jens Langwisch gerne sieht. Raus aus den Kinderzimmern, rein in die Natur - das ist die Devise. Von den gut 140 Mitgliedern im Verein macht die Jugend mehr als ein Drittel aus. Darauf ist Langwisch stolz. "Das ist unser Alleinstellungsmerkmal."

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"Raus aus dem Kinderzimmer, rein in die Natur." Die Jugend des Angelvereins Stadt Pirna auf Fischzug an der Elbe.
"Raus aus dem Kinderzimmer, rein in die Natur." Die Jugend des Angelvereins Stadt Pirna auf Fischzug an der Elbe. © Marko Förster

Der elfjährige Lorenzo ist seit etwa zwei Jahren dabei. Sein dickster Fang bisher: ein 36 Zentimeter langer Barsch. Den hat er im Prossener Hafen rausgezogen. Hier, am Steinhaufen von Copitz, ist er vielleicht alle zwei Wochen mal. Man hat seine Ruhe. Das gefällt ihm. Manchmal holt er eine Ukelei aus dem Fluss. "Aber meistens sind es doch nur Grundeln." Auch heute wird er alleine bis Mittag gut zwanzig Stück geangelt haben.

Keine Mindestmaße, keine Schonzeit

Die Grundeln sehen hübsch aus. Spindelförmig und gedrungen ist der kaffeebraune, mit dunklen Tupfen übersäte Körper. Schwarzmundgrundeln können so groß werden wie eine Männerhand lang ist. Doch die meisten Tiere, die im Falteimer der Jungangler dümpeln, sind kaum größer als eine Ölsardine. Für Grundeln gibt es keine Mindestmaße, keine Schonung. Die Fischereibehörde hat ausnahmslose Entnahme verordnet. Stoppen lässt sich die Invasion damit nicht. Der Grundelbestand explodiert.

Wachsmottenlarven sind ein universell einsetzbarer Köder, zum Beispiel für den Forellenfang. Auch Grundeln beißen gern zu.
Wachsmottenlarven sind ein universell einsetzbarer Köder, zum Beispiel für den Forellenfang. Auch Grundeln beißen gern zu. © Marko Förster

Die Schwarzmundgrundel ist ein Einwanderer, ein Neozoon. Ihre Heimat liegt im Schwarzmeerraum. Im Herbst 2016 wurde bei einer routinemäßigen Befischung durch das Landesumweltamt nahe Schmilka das erste Exemplar in der sächsischen Elbe entdeckt. Grundeln sind schlechte Schwimmer. Es gilt als ausgemacht, dass die Art mit einem Schiff vom Hamburger Hafen bis nach Tschechien gelangte. Dort war sie bereits 2015 nahe Ústí aufgefallen. Durch Drift wanderten die Grundeln schnell stromab. Seit Ende 2018 gilt der Elbstrom in ganz Sachsen als lückenlos besiedelt.

Viele zusätzliche Esser am selben Buffet

Erfolgreiche Aliens stehen im Verdacht, heimische Arten zu verdrängen. Im Fall der Schwarzmundgrundel gibt es dafür laut Umweltamt bislang keine eindeutigen Belege. Eine direkte Gefahr durch das Räubern von Eiern und Jungfischen scheint weniger wahrscheinlich. Eher nimmt die Behörde Effekte durch Nahrungskonkurrenz an. Das tut auch Jens Langwisch von den Pirnaer Anglern. Die Elbe hat nun mal nur ein Buffet, sagt er. "Und mit den Grundeln gibt es jetzt viele zusätzliche Esser."

Lehrstunde am Strand: Jugendwart Jens Langwisch zeigt den Kindern, wie man Futterklopse zum Anlocken der Fische zubereitet.
Lehrstunde am Strand: Jugendwart Jens Langwisch zeigt den Kindern, wie man Futterklopse zum Anlocken der Fische zubereitet. © Marko Förster

Im Pirnaer Raum führt die Flussbarbe die Gemeinschaft der heimischen Fische an. Jens Langwisch spricht von Nahrungsspezialisten. Die Schwarzmundgrundel hingegen frisst opportunistisch. Ist ihr Lieblingsessen alle, wird sie andere Sachen vom Buffet nehmen. Das macht Langwisch Sorgen. Er sorgt sich aber auch um die Attraktivität der Angelei. Er selbst hat am liebsten Barben am Haken. Sie halten sich vorzugsweise am Gewässerboden auf. Genau wie die Grundeln. Barben und Grundeln mögen auch die gleichen Köder. Doch durch die schiere Masse schnappen die Grundeln fast immer als erste zu. "Es gibt keine Möglichkeit, an den Grundeln vorbei zu angeln."

Steinschüttungen sind "sozialer Wohnungsbau"

Warum ist der kleine Fisch so stark geworden? Weil der Mensch ihm die Lizenz zum Wachsen gegeben hat. Das sagt Christian Wolter, Fischökologe am Leibnitz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin. Die Schwarzmundgrundel legt ihre Eier am liebsten in Höhlen ab. Durch den Ausbau der Wasserstraßen mit großen, grob geschichteten Steinblöcken sind solche Bruthöhlen massenhaft entstanden. "Das ist sozialer Wohnungsbau für die Schwarzmundgrundeln."

Willi Zeibig (12) und sein Fang. Wieder eine Schwarzmundgrundel. Am Ende des Tages werden die Kinder 86 Stück erbeutet haben.
Willi Zeibig (12) und sein Fang. Wieder eine Schwarzmundgrundel. Am Ende des Tages werden die Kinder 86 Stück erbeutet haben. © Marko Förster

Dass die Grundel der Fressfeind heimischer Fische sei, nennt Christian Wolter ein Märchen. Bei Nahrungsuntersuchungen habe man mehr als tausend Tiere geschlachtet und den Mageninhalt überprüft. Ergebnis: Die erwachsene Grundel ist ein Muschelfresser. Mit dieser Kost konkurriere sie mit keiner in der Elbe ansässigen Art. Der Wissenschaftler wirbt daher für einen entspannteren Umgang mit dem Einwanderer. "Von der Schwarzmundgrundel geht keine unmittelbare Gefahr aus."

Raubfische nehmen Grundeln schnell ins Visier

Tatsache ist, dass die Fische den Anglern die Nerven rauben. Das kennt Christian Wolter schon vom Rhein, wo die Grundeln bereits 2008 eingefallen waren. "Da wollte auch keiner mehr eine Angelkarte kaufen." Doch die Lage dort hat sich bereits gebessert, sagt er. Raubfische hätten die Grundeln als Beute identifiziert. Die Barsche würden zahlreicher und größer, ebenso die Zander und die Aale. "In der Elbe wird das auch passieren." Selbst auf dem Speiseplan der Menschen macht sich die Grundel gut. Die Filets sind absolut grätenfrei, sagt der Fachmann. "Das ist gutes Fleisch."

Endlich Abwechslung: Die Nase gehört zur natürlichen Fischgesellschaft in der oberen Elbe.
Endlich Abwechslung: Die Nase gehört zur natürlichen Fischgesellschaft in der oberen Elbe. © Marko Förster

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Eine Stunde hat es gedauert. Am Ende mussten sogar Zuschauer mithelfen. Denn der Fisch war zu sperrig.

Bis die Grundeln derart dezimiert sind, dass sie nicht mehr an jedem Haken hängen, kann es etwas länger dauern. Für den Rhein schätzt Christian Wolter die Zeitspanne, bis die Angler "wieder happy" waren, auf etwa fünf Jahre. Am Copitzer Elbstrand hat Pirnas Angeljugend bis zum frühen Nachmittag 86 Schwarzmundgrundeln gefangen, dagegen nur elf einheimische Tiere - Ukelei, Barsch und Plötze. Der Tag hat sich trotzdem gelohnt, findet Jens Langwisch. "Jedes Kind hatte einen Fisch an der Angel." Leider war sein Lieblingsfisch, die Barbe, nicht dabei. "Aber bestimmt beim nächsten Mal."

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