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Können Brombeeren böse sein?

Sebastian Dittrich forscht an der Uni in Tharandt zu Pflanzen mit Migrationshintergrund. Er warnt vor Schwarz-Weiß-Malerei.

Wissenschaftler Sebastian Dittrich forscht darüber, wie sich Pflanzen mit Migrationshintergrund auf die heimische Flora und Fauna auswirken.
Wissenschaftler Sebastian Dittrich forscht darüber, wie sich Pflanzen mit Migrationshintergrund auf die heimische Flora und Fauna auswirken. © Daniel Schäfer

Die meisten verlieren keinen Gedanken daran, wenn sie an ihr vorbeigehen. Dass ihre Dornen weh tun und die süßen Beeren im Spätsommer zum Naschen einladen, weiß jedes Kind. Dass die Brombeere aber eine viel diskutierte Pflanze ist, weiß meist nur, wer genauer hinschaut. 

Der Biologe Sebastian Dittrich erforscht deshalb das dornige Gestrüpp, dass auf Brachflächen oder Bahndämmen wuchert. Denn die Brombeere ist eine Pflanze mit Migrationshintergrund. 

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Pflanzen mit Migrationshintergrund

Sie nennen sich Armenische Brombeere, Telekie oder Drüsiges Springkraut. Gemeint sind damit gebietsfremde Pflanzen. Also nicht-einheimische Arten, die meist viele Tausende Kilometer über Meere und Gebirge gereist sind und sich hier niedergelassen haben. 

Durch die Globalisierung gibt es mehr exotische Pflanzen

"Eigentlich gehören sehr viele Pflanzen nicht hierher. Schon allein die vielen Ackerwildkräuter, wie der Klatschmohn, sind vor Jahrtausenden zu uns gekommen", erklärt der Forscher Sebastian Dittrich. Mit der Ausbreitung der Landwirtschaft haben sich viele exotische Pflanzen in Mitteleuropa angesiedelt. Doch mit der zunehmenden Globalisierung nahmen auch mehr und mehr Pflanzen an der Reise teil.

800 Arten nach Deutschland eingeschleppt

Laut Bundesamt für Naturschutz (Stand 2018) wurden in den in den vergangenen 500 Jahren rund 800 gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten von Menschen nach Deutschland eingeschleppt. Die Mehrzahl breite sich ohne negative Folgen für die heimische Flora aus, so Wissenschaftler Dittrich. Richtet eine Art aber Schaden an, gilt sie als invasiv.  Der Forscher warnt aber auch vor Schwarz-Weiß-Malerei.

Die Armenische Brombeere breitet sich immer weiter aus.
Die Armenische Brombeere breitet sich immer weiter aus. © Sebastian Dittrich

Können Brombeeren böse sein?

Der Wissenschaftler in Tharandt widmet sich den Pflanzen mit Migrationshintergrund. Gemeinsam mit Studierenden hat er sich verschiedene Arten genauer angeschaut. Eine davon ist die Armenische Brombeere. Eine Brombeerart, die ganz nach ihrem Namen aus Armenien stammt. Was sie von den einheimischen Brombeerarten unterscheidet?  "Ich kenne keine andere Brombeerart, die geschmacklich so gut ist. Sie ist fantastisch für Marmelade und Grütze", sagt Sebastian Dittrich. Und  genau das war der Grund, warum die Europäer die Pflanze nach Deutschland brachten.

So lieben Kleingärtner, aber auch Bienen und Vögel die Armenische Brombeere. Doch sie gilt als invasiv, weil sie Offenlandflächen sowie Streuobstwiesen überwuchert und somit alteingesessene Arten verdrängt.

"Wir haben einen Querschnitt durch Dresden gemacht. Dort wo die Armenische Brombeere wächst, gedeiht nichts anderes mehr", erklärt der Wissenschaftler. Denn die Brombeere weiß sich rasant auszubreiten. Blätter, Triebe, Dornen, Früchte - die Armenische Brombeere schlägt in der Größe all ihre Verwandten. Doch etwas dagegen zu tun, sei sinnlos, meint Sebastian Dittrich.

Eine Flucht aus den Schrebergärten

Denn gegen die rasante Verbreitung helfe kein Zurückschneiden. Die deutsche Bahn setzt deshalb Herbizide an den Bahndämmen ein, um der Brombeere Herr zu werden. Auch an den Gleisen zwischen Hainsberg und Dresden gedeihe die Armenische Brombeere kräftig. Problem dabei sei, dass bei der Vernichtung des Kosmopoliten auch jedes andere lebendige Grün absterbe. Bleibt also die Frage: Einfach wachsen lassen und sich an die neue Pflanzen mit ihren leckeren Früchten sowie insektenfreundlichen Blüten gewöhnen?

Einfach wachsen lassen und willkommen heißen

Neben der Brombeere hat sich Sebastian Dittrich noch einer weiteren Pflanze gewidmet: die Telekie. Eine Zierpflanze mit gelb-orangen Blüten, die ebenfalls aus dem Kaukasus stammt. Sie wurde von den Europäern im 19. Jahrhundert in die Landschaftsgärten eingeführt. Von dort breitete sie sich aus. Meist durch am Wegesrand abgeladenen Gartenmüll, erklärt Dittrich. Denn genau da findet sich die Pflanze jetzt, an Wald- und Wegesrändern. Rund um die Talsperre Neunzehnhain im Erzgebirge wächst sie besonders gut.

Die Telekie verdrängt heimische Pflanzenarten, gilt aber als insektenfreundlich.
Die Telekie verdrängt heimische Pflanzenarten, gilt aber als insektenfreundlich. © Sebastian Dittrich

Forscher Dittrich wollte es aber genauer wissen. Werden heimische Gewächse durch die Telekie verdrängt? Gemeinsam mit Studierenden hat er Waldränder untersucht und herausbekommen: Dort, wo die Telekie wuchert, gibt es weniger einheimische Arten. 

Gut für Insekten, schlecht für Biodiversität

Dennoch gilt auch hier: Die vielen gelben Blüten im Spätsommer bieten Nahrung für zahlreiche Wildbienen und Schmetterlinge.  Sebastian Dittrich sieht den Kampf gegen die Telekie weitgehend als verloren an. Sie werde sich weiter ausbreiten, eine Maßnahme dagegen würde nur viel Geld und Zeit kosten. Heißen wir sie also willkommen?

An Naturveränderungen muss man sich gewöhnen

Es ist eine Folge unserer globalisierten Welt. Arten breiten sich aus, konkurrieren miteinander. Die meisten der 800 eingeschleppten Arten gefährden nicht die heimische Biodiversität. Und auch hier fragt Dittrich, inwiefern die sogenannte heimische Natur wirklich ursprünglich sei. Auch sie wurden schon vorher durch Menschen geprägt.

Gut oder böse - es kommt darauf an

Und wie gefährlich sind nun die gebietsfremden Arten? Dittrich sagt dazu: "In der Forstwissenschaft kennen wir einen wichtigen Satz: Es kommt darauf an." Natürlich sei es wichtig, präventiv zu handeln. So rät er Kleingärtnern, beim Kauf neuer Pflanzen genauer hinzuschauen, wo sie herkommen. Auch Gartenabfälle sollten ordnungsgemäß entsorgt werden. Und gesetzliche Regelungen zum Pflanzenhandel gehen oft nicht weit genug. Aber wenn sich eine Art wie das Drüsige Springkraut an der Weißeritz nun einmal etabliert habe, sei es schwierig, noch was dagegen zu tun.

Sein Resümee: "Wir als Wissenschaftler können nur den aktuellen Zustand beschreiben und fachliche Hinweise geben. Wie wir als Gesellschaft damit umgehen, ist auch eine politische Entscheidung." So sei es dennoch wichtig, ein differenzierte Bild auf jede Art zu werfen. Keine Pflanze ist komplett schlecht. 

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Der Artikel bildet den ersten Teil der Serie "Campus Tharandt - Wo Wald auf Wissenschaft trifft". Sie widmet sich den Forschungen der Fachrichtung Forstwissenschaften der TU Dresden in Tharandt.

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