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Aus dem Schatten in den Zukunftswald

Weißtannen lieben das Zwielicht. Deshalb hat Sachsenforst eine Schattenhalle angeschafft. Aber wo sind die Bäume?

Die neue Schattenhalle von Sachsenforst in Pirna-Graupa, hier mit Gärtnerin Petra Rosendahl, soll das Zwielicht in einem alten Wald simulieren.
Die neue Schattenhalle von Sachsenforst in Pirna-Graupa, hier mit Gärtnerin Petra Rosendahl, soll das Zwielicht in einem alten Wald simulieren. © Daniel Schäfer

Heidekraut und Chrysanthemen, Gräser, Ilex, Purpurglöckchen – das wollen die Leute jetzt, sagt Martin Förster. Und Weißtannen? Immerhin hat er dreißigtausend in seiner Gärtnerei auf Lager. Nein, sagt er, die pflanzt sich wohl kaum einer in den Garten. Die Weißtanne ist ein denkbar schlechter Weihnachtsbaum. Zu große Abstände zwischen den Quirlen. „Da müsste man riesige Kugeln dranhängen, damit das nach was aussieht.“

Die Weißtannen, die der Gärtnermeister Martin Förster in seinem Betrieb in Pirna-Jessen aufpäppelt, sollen keine Weihnachtsdeko werden, sondern der Wald der Zukunft. Im Auftrag des Staatsbetriebs Sachsenforst hat Förster Samen aus der Slowakei zum Keimen gebracht. Jetzt stehen die Tännchen, rund fünf Zentimeter groß und extra umzäunt, damit kein Getier sich darüber hermacht, in der hinteren Ecke des Betriebes und warten, bis sie zu den 800.000 Weißtannen stoßen dürfen, die der Staatsforst jährlich auspflanzt.

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Dämmerlicht hält Konkurrenz in Schach

Försters Tannenbabys stehen unter freiem Himmel. Noch. Denn die Weißtanne ist ein Meister des Schattens. Unterm Schirm der Altbäume, wo das Licht zu schwach ist, um die Konkurrenz ins Kraut schießen zu lassen, wächst diese Art heran, langsam, aber stetig. Um die Tannen schon in der Anzucht auf diese Bedingungen vorzubereiten, hat der Sachsenforst in seiner Graupaer Baumschule eine neue Halle bauen lassen. Sie soll den Schatten des Waldes imitieren und die Chancen steigern, dass die Jungpflanzen auch wirklich anwachsen.

Weißtannenanzucht in der Gärtnerei Lohse in Pirna-Jessen. Diese Pflanze ist etwa ein halbes Jahr alt.
Weißtannenanzucht in der Gärtnerei Lohse in Pirna-Jessen. Diese Pflanze ist etwa ein halbes Jahr alt. © Daniel Schäfer

Die Halle, sechzig Meter lang, zwanzig Meter breit und drei Meter sechzig hoch, wirkt eher wie ein Zelt. Sie besteht aus einem Gestänge, das mit grünen Kunststoffnetzen umspannt ist. Diese Netze machen aus praller Sonne das Zwielicht, das die Weißtanne so liebt. Integriert ist auch ein Bewässerungssystem, für die gleichmäßige Beregnung der Fläche. Kostenpunkt für den Bau insgesamt: gute 100.000 Euro.

Ebbe beim Saatgut bringt Versorgungslücke

Die Halle wurde im Frühling fertig und ist auch schon gut gefüllt – allerdings mit kleinen Kiefern und Lärchen. Diese Bäume lieben die Sonne. Deshalb sind die Dachnetze auch weit zurückgeschlagen. Warum es keine Weißtannen gibt? Dafür hat Ulrich Frenzel, der bei Sachsenforst das Referat Forstbetriebliche Dienstleistungen und somit auch die Baumschulen führt, keine Erklärung. „Da müssen Sie den lieben Gott fragen“, sagt er.

Was er damit meint, ist, dass die Weißtanne ihre Zapfen und damit Samen in unregelmäßigen und kaum vorhersehbaren Abständen wachsen lässt. Andere Baumarten wie Buche und Eiche tun Ähnliches. Das ist, gewissermaßen, Absicht, sagt der Forstmann, damit sich Schädlinge nicht auf den gedeckten Tisch einstellen können. Auch braucht der Baum nach Jahren mit vielen Früchten Pausen, um die verbrauchten Reservestoffe wieder aufzufüllen.

Bereit für den Wald: Sachsenforst-Sprecher Renke Coordes mit einer Batterie etwa dreijähriger Weißtannen.
Bereit für den Wald: Sachsenforst-Sprecher Renke Coordes mit einer Batterie etwa dreijähriger Weißtannen. © Daniel Schäfer

Gute Ernten gibt es bei der Weißtanne etwa alle fünf bis zehn Jahre. 2019 war ein schlechtes Erntejahr. Es wurde kein Saatgut geliefert, sagt Ulrich Frenzel. Kein Saatgut, das 2020 ausgesät werden konnte und somit auch keine Pflanzen, die im Jahr darauf, also dieses Jahr, in die Forstbaumschule von Graupa hätten kommen können, um hier umgetopft und für ein weiteres Jahr in der neuen Schattenhalle gehegt und akklimatisiert zu werden. Darüber ärgert sich der Referatsleiter. „Wir haben eine Versorgungslücke.“

Das Saatgut für Weißtannen ist ohnehin rar. Sachsenforst bezieht seine Samen vornehmlich aus der Slowakei. Die Bäume dort gelten als verwandt mit denen, die einst in Sachsen standen, und die durch Raubbau, Kahlschlagswirtschaft, Wildverbiss und Umweltverschmutzung bis auf wenige Relikte verschwanden. Vertraglich vereinbart sei die Lieferung von 800 Kilo Saatgut pro Jahr, sagt Ulrich Frenzel. Tatsächlich sei dieses Ziel in den letzten fünfzehn Jahren nur ein einziges Mal erreicht worden. In der Regel kämen zwischen zweihundert und vierhundert Kilo an.

In Sachsen gibt es noch 27 Weißtannenbestände, wo Zapfen geerntet werden, unter anderem diesen im Pöbeltal bei Schmiedeberg.
In Sachsen gibt es noch 27 Weißtannenbestände, wo Zapfen geerntet werden, unter anderem diesen im Pöbeltal bei Schmiedeberg. © Egbert Kamprath

In Sachsen war die Weißtanne bis ins 17. Jahrhundert hinein weit verbreitet und eine typische Erscheinung in den Bergmischwäldern, gemeinsam mit Fichten und Buchen. Untersuchungen aus den 1990ern gingen von lediglich 2.000 verbliebenen alten Tannen aus. Im Vergleich zu den 1950er-Jahren, sagt Sachsenforst-Sprecher Renke Coordes, habe das noch einmal einen Rückgang der Baumart um etwa 96 Prozent bedeutet.

Die Graupaer Forstbaumschule liefert etwa 70.000 getopfte Weißtannen im Jahr. Sachsenforst-Sprecher Coordes geht davon aus, dass die Versorgungslücke mithilfe anderer Quellen geschlossen werden kann, und dass das Jahresziel von 800.000 neuen Weißtannen für den Landeswald dieses und in den nächsten Jahren erreichbar ist. In den sächsischen Erntebeständen der Weißtanne sei die Zapfenausbeute seit langem wieder recht gut gewesen.

Rekordernte auf den Tannen im Pöbeltal

Das trifft auch auf den Forstbezirk Bärenfels zu, wo im Pöbelbachtal bei Schmiedeberg 155 Jahre alte Weißtannen stehen. Hier rückten Anfang September die Zapfenpflücker an, bekletterten 35 Bäume und bargen mehr als zwei Tonnen Zapfen aus den Wipfeln. „Das beste Ergebnis in diesem Saatgutbestand überhaupt“, sagt Sachsenforst-Sprecher Coordes. Erste Kontrollen hätten ergeben, dass der Hohlkorn-Anteil, also der Anteil nicht keimfähiger Samen, recht gering sein könnte.

Zapfenpflücker Jacob Walther auf einer Pöbeltal-Tanne. Anfang des Monats wurden hier so viele Zapfen geerntet wie noch nie.
Zapfenpflücker Jacob Walther auf einer Pöbeltal-Tanne. Anfang des Monats wurden hier so viele Zapfen geerntet wie noch nie. © Egbert Kamprath

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Stimmt diese Annahme, könnte man mit etwa 180 Kilo Saatgut von diesem Standort rechnen, schätzt Coordes. „Das sind gute Nachrichten für die Versorgung mit jungen Weißtannenpflanzen in den kommenden Jahren.“ Die Tannen von Gärtnermeister Förster sind da schon aus dem Gröbsten raus. Sie werden wohl die ersten sein, die ins neue Baumlager von Graupa einziehen, um dort an ihre Rolle gewöhnt zu werden, als Meister des Schattens.

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