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Wohin mit der Schwefelsäure unter Königstein?

Der Staatsbetrieb Wismut hat das letzte Uran aus sächsischer Produktion verkauft. Doch Umweltminister Günther findet nahe der Festung Königstein noch Altlasten.

Altlasten nahe der Festung Königstein: Das Luftbild von Juni 2020 zeigt die Wasserbehandlungsanlage in Leupoldishain. Die Silos dort werden nach und nach abgerissen.
Altlasten nahe der Festung Königstein: Das Luftbild von Juni 2020 zeigt die Wasserbehandlungsanlage in Leupoldishain. Die Silos dort werden nach und nach abgerissen. © Wismut GmbH

Königstein. Ein Rotmilan kreist über Leupoldishain, ein schöner Ausblick geht über Wiesen zur Festung Königstein. Doch im Untergrund, nur wenige Hundert Meter von der Elbe entfernt, löst Schwefelsäure noch immer Schwermetalle und Uran aus dem Elbsandsteingebirge.

Die Säure wurde dort von 1984 bis 1990 vom DDR-Staatsbetrieb Wismut in vorhandene Bergwerksstollen eingeleitet, um aus dem Gestein Uran für die Sowjetunion zu gewinnen. Heute versucht das Sanierungsunternehmen Wismut GmbH, diese Säure zu neutralisieren. Das wird noch Jahrzehnte dauern, sagte der Technische Wismut-Geschäftsführer Michael Paul am Montag, als Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (CDU) die Überbleibsel des Uranbergbaus besichtigte.

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Uran-Abbau per Säure war "fatale Entscheidung"

Vor drei Wochen hatte die Wismut zum letzten Mal Uran verkauft, das während der Sanierung bisher weiterhin anfiel. „Man kann den Prozess nicht einfach stoppen“, sagte Paul. Die Schwefelsäure löst zudem Schwermetalle aus dem Gestein. Immerhin sei die Konzentration im Wasser inzwischen gesunken, künftig würden die Reststoffe deponiert.

Laut Paul war es eine „fatale Entscheidung“, noch in den 1980er-Jahren den Bergbau in den übermannshohen Stollen auf Chemie umzustellen. Damit seien zwar kurzfristig die Kosten für die Urangewinnung in Königstein reduziert worden – aber es wurde „ein Riesen-Grundwasserschaden angerichtet“.

Nun solle die Wismut die Grube möglichst „in den vorbergbaulichen Zustand“ zurückversetzen. Doch das sage sich so leicht. Versuche, die im Labor und Technikum funktionierten, ließen sich nicht immer aufs Feld übertragen.

Alte Anlagen mit Rettungsring: Am Förderbohrloch A in Leupoldishain informiert sich Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Grüne, im Bild links), beim Technischen Wismut-Geschäftsführer Michael Paul über die Sanierung.
Alte Anlagen mit Rettungsring: Am Förderbohrloch A in Leupoldishain informiert sich Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Grüne, im Bild links), beim Technischen Wismut-Geschäftsführer Michael Paul über die Sanierung. © Georg Moeritz

Natronlauge gegen Schwefelsäure in die Erde

Laut Wismut muss das Wasser „auf unbestimmte Zeit“ behandelt werden. Dafür gibt es große Becken und eine Deponie in Leupoldishain, nicht weit vom Parkhaus der Festung Königstein. Außerdem versucht die Wismut laut Ulf Jenk, dem Leiter Wassermanagement, das Grubenwasser „mit Chemie zu impfen“. Natronlauge und Butanol werden stellenweise hineingeschüttet, um die Säure zu neutralisieren und Bestandteile auszufällen.

„Chemie in die Erde, das freut nicht jeden“, weiß Jenk. Doch sein „Reallabor“ sei keine Chemiefabrik. Es bestehe aus zeitweilig aufgestellten Containern, derzeit in der Nähe des Walderlebniszentrums am Nikolsdorfer Berg.

Idealerweise komme schließlich neutrales Wasser heraus, sagt Jenk. Ob das gut gelingen wird? Der Chemiker sagt es selbst mit einem Fragezeichen. Das sei jedenfalls „die Vision“, sagt Geschäftsführer Paul, „der Weg ist richtig.“ Ob er sich in zwei oder drei Jahrzehnten zu Ende gehen lasse, werde man sehen und dabei lernen.

In Königstein habe der Uranbergbau eine „späte Sünde begangen“. Nun müsse der Staatsbetrieb Wismut einen „weitgehend nachsorgefreien Zustand“ erreichen. In Königstein sei das immerhin leichter als etwa in Bad Schlema, wo der Bergbaubetrieb unmittelbar an der Zwickauer Mulde lag.

Eine schematische Darstellung der Grube Königstein auf einer Infotafel der Wismut GmbH. Bis 140 Meter Höhe ist das Bergwerk mit Wasser gefüllt, darüber sind die Sanierer vorsichtig.
Eine schematische Darstellung der Grube Königstein auf einer Infotafel der Wismut GmbH. Bis 140 Meter Höhe ist das Bergwerk mit Wasser gefüllt, darüber sind die Sanierer vorsichtig. © Georg Moeritz

"Zeche für ein Strohfeuer der Vergangenheit"

Umweltminister Günther lässt sich die Vorhaben erklären, stellt nur gelegentlich eine Zwischenfrage: Wie schnell denn das Grundwasser in Richtung Elbe ströme? Etwa einen Meter pro Tag. Doch es gebe mehr als 600 Messstellen, noch einige seien geplant. „Wir fangen alles ein“, sagt Geschäftsführer Paul.

Die Flutung des alten Bergwerks müsse „sanft, langsam und gut überwacht passieren“. Gute Kommunikation gehöre dazu, denn Ängste um den Nationalpark seien vorhanden.

Der Umweltminister zieht das Fazit, die Wismut sei in Königstein „auf ganz gutem Weg“, dass keine Ewigkeitslasten entstehen. „Wir zahlen hier die Zeche für ein Strohfeuer der Vergangenheit“, sagt Günther und zieht den Vergleich zu anderen Umweltsünden. In vielen Fällen seien Ressourcen verbraucht worden nach dem Prinzip: Nach uns die Sintflut. Jetzt komme eine Phase, in der es „nur noch ums Aufräumen geht“, sagt Günther angesichts vieler Umsteuerungsaufgaben.

Der fünfstöckige Riegel ist menschenleer, aber Fledermäuse und Vögel verhinderten bisher den Abriss: Die ehemalige Verwaltungszentrale der Wismut in Leupoldishain ist zum Abriss vorgesehen. Es gibt längst einen Neubau, dort arbeiten noch rund 100 Menschen
Der fünfstöckige Riegel ist menschenleer, aber Fledermäuse und Vögel verhinderten bisher den Abriss: Die ehemalige Verwaltungszentrale der Wismut in Leupoldishain ist zum Abriss vorgesehen. Es gibt längst einen Neubau, dort arbeiten noch rund 100 Menschen © Georg Moeritz

Günther: Diskussion über Kernkraftwerke ist abgeschlossen

Als ein Reporter den Minister auf neue Überlegungen zu Atomkraftwerken anspricht, stellt er sie in eine Reihe mit anderen Umweltsünden. Atomkraft sei zudem „die teuerste Art, Strom zu erzeugen“. Sie habe riesige, nicht zu händelnde Risiken. Die Diskussion über Kernkraftwerke in Deutschland sei abgeschlossen.

In Leupoldishain will die Wismut laut Geschäftsführer Paul die meisten ihrer Gebäude und Rohre abreißen und „eine grüne Wiese hinterlassen“, mit Platz für neues Gewerbe. Es blieben nur die Wasserbehandlungsanlagen und die Halde dahinter. Schutt und kontaminierter Schrott kämen auf die Deponie, die sei oben und unten mit Folie abgedichtet, sodass „idealerweise kein Sickerwasser“ austrete. Die alte Halde darunter habe aber keine Basisabdichtung.

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