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Wie sich Sachsens Bäume selbst retten

Die größte Bedrohung für die Bäume ist derzeit der Wassermangel. Doch die Natur weiß sich zu helfen. Ein Parkspaziergang mit Forstforscher Andreas Roloff.

Nein, das ist keine Wohlfühlaktion eines Waldmenschen. Es ist die Vermessung einer wohl 260 Jahre alten Platane. Andreas Roloff ist im Park Siebeneichen in Meißen zu Messungen unterwegs.
Nein, das ist keine Wohlfühlaktion eines Waldmenschen. Es ist die Vermessung einer wohl 260 Jahre alten Platane. Andreas Roloff ist im Park Siebeneichen in Meißen zu Messungen unterwegs. © Jürgen Lösel

Den Zollstock hat er immer dabei. Andreas Roloff, Förster und Forscher. Waldmensch und Parksanierer. „Exakt acht Meter und fünf Zentimeter ist der Umfang.“ Diese Platane ist nicht nur dick, sie ist auch alt. Es ist der dickste Baum im ganzen Landkreis. „260 Jahre etwa steht diese Platane hier am Parkeingang.“ Es ist der Schlosspark Siebeneichen am Ortseingang von Meißen, den sich Andreas Roloff als Arbeitsplatz auserwählt hat. Als einen von vielen.

Roloff ist Forstbotaniker und Professor der Technischen Universität Dresden. Sein Institut befindet sich in Tharandt, ganz nah am Wald. Einen eigenen Forstbotanischen Garten hat sein Institut dort. Und Bäume eigentlich genügend gleich vor der Haustür. Doch für Roloff sind Bäume eben mehr als der Wald. Es geht ihm auch um diejenigen in den Städten, Alleen, Parks und Auen, Sie alle reagieren anders, aber empfindlich auf ihre größte Herausforderung der letzten Jahrhunderte: Es fehlt ihnen an Wasser. Mal mehr, mal weniger.

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260 Jahre steht diese Platane am Parkeingang von Siebeneichen in Meißen.
260 Jahre steht diese Platane am Parkeingang von Siebeneichen in Meißen. © Jürgen Lösel

Es ist ein schattiger Osthang, den Andreas Roloff im Park hinaufsteigt. Er blickt mehr in die Wipfel als auf den Waldboden. Im Wald nutzt Andreas Roloff nicht nur sein Wissen, sondern alle Sinne: Es ist sein Gespür für Holz, Borke und Blattwerk. Mit dem Blick des Botanikers und dem feinen Tastsinn der Fingerspitzen erkennt Roloff am Zustand der Blätter, wenn die Bäume leiden. Wenn sie Trockenstress bekommen. Aber sie berichten ihm auch davon, wie sie sich schützen vor Sonne und Hitze, vor Wassermangel und Verdunstung.

Die Platane hat eine mehr oder weniger haarige Blattunterseite, das ist ihr Verdunstungsschutz. Je mehr abgestorbene helle Härchen, desto besser wirkt es. Andere Bäume machen ihre Blätter dicker, auch das hilft. Sie rollen sie ein, oder falten sie bei Wassermangel und Hitzestress. Bäume können sich noch ganz anders vor Sonne schützen, berichtet der Forstbotaniker. „Sie richten ihre Blätter parallel zur Sonnenstrahlung aus.“ Und noch skurriler: „Bäume können durch Blattzittern oder Blattwedeln die Temperatur der Blätter senken.“ Spitz-Ahorn ist zum Beispiel dazu fähig. Buchen, Pappeln und Weiden werfen indes Triebe ab, andere Bäume verringern ihren Stammumfang.

Das, was im vergangenen Jahr gut für den Baum war, versucht er im darauf folgenden Jahr zu wiederholen. „Die Blätter entwickeln sich jedes Jahr neu aus den Knospen, und die werden im laufenden Jahr schon angelegt. Derzeit ist die Blattanlage für kommendes Jahr schon nahezu abgeschlossen.“ Der Ast merkt, was ihn am besten versorgt, welcher Bereich mit welchen Blättern besser funktioniert als andere. Der Ast beginnt sofort jene Bereiche zu verstärken. Selektion halt.

Über Jahrhunderte hinweg passiert dann etwas Überraschendes: Es entstehen genetisch unterschiedliche Blätter an ein und derselben Pflanze. Solche für die sonnige südliche Oberkrone, und andere für die kühlere, schattige Nordunterseite. An 1.000-jährigen Eichen im mecklenburgischen Ivenack wurde dieses Phänomen zuerst entdeckt. Ab welchem Alter Bäume dazu in der Lage sind, sich genetisch unterschiedlich anzupassen, und ob dies alle Baumarten können, das wird eben erst erforscht.

Bäume haben ein Gedächtnis

Die genetische Veränderung, die Anpassung vor allem über mehrere Baumgenerationen hinweg, macht hitzegestresste Bäume stärker. Das ist längst bekannt. Nahezu unerforscht ist indes ein anderes Phänomen: „Bäume haben ein Gedächtnis“, sagt Andreas Roloff. Seine Kollegin Doris Krabel, ebenfalls Professorin der Forstbotanik, forscht zu diesen Phänomenen der Epigenetik.

Diese vergleichsweise junge Forschungsrichtung ergründet, wie zum Beispiel Umweltbedingungen, also auch Hitze, Kälte und Trockenheit, Einfluss auf eine unterschiedliche Aktivierung von Genen hat. Es geht im Prinzip um gespeicherte Erfahrungen. Pflanzen, die einmal eine Dürre durchgemacht haben, können sich an ihre Überlebensstrategie über Jahre hinweg erinnern. „Lerneffekt des Waldes“ nennt Roloff das. Und setzt hinzu: „Was natürlich nichts mit Nachdenken und aktivem Reagieren zu tun hat, sondern es sind anatomische Veränderungen.“

Epigenetik wirkt als Abhärtung für Bäume. Roloff glaubt, dass das funktioniert. An jungen Bäumen wurde das untersucht mit dem Ergebnis: Bäume, die unerwartet und immer wieder mal die Trockenheit zu spüren bekamen, denen geht es selbst Jahre später in schlechten Zeiten besser als anderen. Es wäre also gut, wenn Bäume in der Baumschule statt optimaler Bewässerung schon mal Trockenstress erlebt hätten. Dann wären sie widerstandsfähiger gegen Trockenheit in den späteren Jahren. Das widerspricht natürlich dem Ziel, Bäume gut und vor allem schnell in Baumschulen heranzuziehen.

Zwei Jahre Trockenstress würden eine zwei Jahre längere Anzucht bedeuten. Das macht’s teurer. Und am Ende sehen die gestressten jungen Bäumchen noch nicht mal so gut gewachsen aus wie die wohlbehüteten. Und überhaupt, wie könnte man Bürgern und Stadtplanern den Mehrwert klarmachen. „Immer wieder bekomme ich die ironische Frage gestellt: Sollen wir die Bäume dann auch noch Trockenstress-zertifiziert nennen? – Ja klar. Genau das wär’s!“

Abgestorbene Bäume haben eine Kahlfläche im Park hinterlassen. Die alte Eibe nutzt dies und lässt waagerecht aus ihrem Stamm zusätzliche Zweige in die Sonne wachsen.
Abgestorbene Bäume haben eine Kahlfläche im Park hinterlassen. Die alte Eibe nutzt dies und lässt waagerecht aus ihrem Stamm zusätzliche Zweige in die Sonne wachsen. © Jürgen Lösel

Je mehr die Forschung über die Zusammenhänge auch auf molekularer Ebene weiß, desto mehr wird klar, das ist die Geschichte, wie der Wald sich selbst zu retten versucht. Und dies auch oftmals schafft. Bekommt er dabei genau die richtige Unterstützung, gelingt es noch besser. „Diese Fichte jedoch hat es nicht überlebt“, sagt Dendrochronologin Britt Kniesel vom Tharandter Forststandort der TU Dresden. Baumringe und deren Deutung sind ihr Fachgebiet.

Die Baumscheibe der Fichte zeigt, wie sehr der Baum in den drei Dürrejahren seit 2018 gelitten hat. Kaum Wachstum und viele Schäden im wasserführenden Gewebe sind zu sehen. Mehr noch: „Wir können deutlich erkennen, dass die Bäume ab den 90er-Jahren anders reagieren auf Trockenheit und Niederschlag. Wir erkennen, ob der Baum im Vorjahr genügend Reservestoffe einlagern konnte. Und wir können das anhand der Baumringe sogar für einzelne Vegetationsperioden unterscheiden“, sagt Britt Kniesel. Ein größeres Forschungsprojekt zu den Trockenjahren und den Folgen für Bäume beginnt derzeit. Wie stark reagieren sie auf die Witterung und wie unterschiedlich? Was passiert mit der Anatomie und der Biochemie? Das könnte helfen, künftige Baumgenerationen besser zu schützen.

Rettung für die Parklandschaften

In Siebeneichen allerdings beginnt die Rettung des Parks erst einmal mit Zerstörung. Etwas höher oben am Hang, dort wo es schon deutlich trockener ist, da standen bis vor Kurzem noch 40 Fichten. Sie waren abgestorben wegen Trockenheit. Jetzt befindet sich dort eine große Lichtung. „Katastrophenfläche“, nennt es Roloff. Doch schneller als erwartet nutzen all die Pflanzen ringsherum diese Chance auf mehr Licht. Der junge Bergahorn ist erst drei Jahre alt und schon drei Meter hoch. Er will sich das Licht nicht noch einmal von der Konkurrenz nehmen lassen.

Die kleine Buche ebenso wenig. Erst tags zuvor hatte Andreas Roloff sie bei seinem wissenschaftlichen Parkgang entdeckt. 20 Jahre ist die wohl alt und gerade mal erst einen Meter hoch. „Buchen können 50 bis 100 Jahre so im Ein-Meter-Bereich dahinwachsen und auf ihre Chance warten.“ Der Tod der Fichten nebenan brachte genau diese Chance.

Die mächtige Eibe daneben macht’s auf ihre Weise. Mitten am Stamm, einfach so waagerecht heraus, treibt sie neue Äste. „Schlafende Knospen waren das.“ Sie sitzen in der Borke und warten dort zum Teil jahrzehntelang aufs Licht. Die neue Lichtung hat es ihnen urplötzlich beschert. Nicht mehr lange, dann ist’s vorbei damit. Andreas Roloff hat diesmal etwas anderes vor, als der Natur beim Wachsen zuzuschauen und zu sehen, wie sie sich selbst erholt. Die Katastrophenfläche der abgestorbenen Fichten, so kündigt Roloff an, wird zum Versuchsfeld, zum „Klima-Baumhain“. Und „Ada-Park“ nennt er das wissenschaftliche Projekt. Ada-Park für Adaption und Zukunft der Parkanlagen. Die TU hat es gemeinsam mit der Stadt Meißen und dem Sächsischen Schlösserland geplant.

Das Baumsterben in Parkanlagen ist nicht allein ein Meißner Problem, es existiert deutschlandweit und nimmt zu. „Das Projekt Ada-Park erhält somit Vorbildfunktion für viele weitere Parkanlagen.“

Die Dürre ist an den schmalen Baumringen dieser Fichte erkennbar. Lufthaltige Embolien (markiert) in den wasserführenden Schichten sind Folge der Trockenheit.
Die Dürre ist an den schmalen Baumringen dieser Fichte erkennbar. Lufthaltige Embolien (markiert) in den wasserführenden Schichten sind Folge der Trockenheit. © SZ / Stephan Schön

Die Zeit drängt. Viele Parks leiden nach den drei Dürrejahren. Entscheidungen müssen her: Was ist für solche Parkareale das Beste? In drei Jahren hofft Roloff, schon erste Antworten geben zu können. Sein Parkprojekt plant Pflanzungen in Siebeneichen bereits in diesem, spätestens aber im kommenden Jahr. Zwölf Baumarten kommen dann hierher, mit jeweils zwölf Exemplaren, so sieht es der Forschungsantrag vor. Zwei weitere Parks in Meißen werden in das Projekt mit einbezogen. Nochmals drei im restlichen Sachsen sollen folgen.

Die entscheidende Frage, was wächst selbst in Zeiten von Wetterextremen bedingt durch den Klimawandel am besten? Eine für die Parks andere entscheidende Frage ist: Wie können neue Bäume am besten die wertvollen alten im Park schützen?35 Baumarten gibt es im Schlosspark Siebeneichen: „Eigentlich bräuchten wir eine eigene Baumaufzucht, eine Art Baumhochschule“, sagt Roloff. „Dann hätten wir die Entwicklung der Pflanzen in den ersten und ziemlich entscheidenden Jahren selbst unter Kontrolle.“ Und die Bäume würden ihren späteren Standort schon kennen. Auch das macht sie später stark und resistent. Sie wären an das Mikroklima angepasst.

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Für das Versuchsfeld von Siebeneichen kommen solche Ideen jedoch zu spät, für den Erhalt des Parks über künftige dürre Zeiten hinweg aber gerade noch richtig. Der Forstforscher schaut schon mal bei seinen wissenschaftlichen Spaziergängen, welch junger Pflanzenspross sich da vielleicht so eignen könnte.

  • Das Buch zum Thema: „Trockenstress bei Bäumen – Ursachen, Strategien, Praxis“, herausgegeben von Andreas Roloff, Verlag Quelle & Meyer, 288 S., 29,95 €.

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