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35-Stunden-Woche bei BMW

Autoland Sachsen: Nach Porsche und Volkswagen verkündet nun auch BMW die schrittweise Angleichung der Arbeitszeiten an die Verhältnisse im Westen.

Von Sven Heitkamp
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Mitarbeiter im BMW-Werk Leipzig arbeiten in der Montage des i8. Die Arbeitszeiten im BMW-Werk Leipzig werden an die der bayerischen Werke angeglichen.
Mitarbeiter im BMW-Werk Leipzig arbeiten in der Montage des i8. Die Arbeitszeiten im BMW-Werk Leipzig werden an die der bayerischen Werke angeglichen. © dpa/Jan Woitas

Mehr als 30 Jahre nach der deutschen Einheit stellen die Autofabriken in Ostdeutschland auf die 35-Stunden-Woche um. Nach dem Porsche-Konzern verkündete am Freitag auch BMW in Leipzig eine schrittweise Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit auf nur noch 35 Stunden bis 2026. Bislang müssen Beschäftigte bei BMW im Osten länger fürs gleiche Geld arbeiten als ihre Kollegen in Bayern – in Leipzig gilt aktuell noch eine 38-Stunden-Woche. Nun werde die Arbeitszeit in drei Schritten alle zwei Jahre um jeweils eine Stunde auf 35 Stunden reduziert.

„Im engen Schulterschluss mit dem Betriebsrat haben wir ein wichtiges Verhandlungsergebnis sowohl für das Unternehmen als auch die Belegschaft am Standort Leipzig erreicht“, sagte die BMW-Vorständin für Personal und Sozialwesen, Ilka Horstmeier. „Wir schaffen gleiche Verhältnisse.“ Der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates, Manfred Schoch, sprach von einem historischen Erfolg in der Angleichung der Arbeitsbedingungen zwischen Ost und West. „Endlich müssen unsere BMW-Group-Beschäftigten aus dem Osten nicht drei Stunden die Woche mehr arbeiten als ihre Kolleginnen und Kollegen im Westen.“ Umgerechnet bedeute der Schritt einen Monat weniger Arbeit im Jahr für die Kollegen.

Die Gewerkschaften kämpfen seit Jahrzehnten dafür, dass die Arbeitsbedingungen deutschlandweit angeglichen werden. „Mit der Betriebsvereinbarung endet ein langes Kapitel der Ungleichbehandlung“, sagte der Betriebsratsvorsitzender Jens Köhler. „Wir haben lange und hartnäckig für diesen Erfolg gekämpft. Die Angleichung ist mehr als überfällig.“ Die Kollegen bei BMW Leipzig arbeiteten schon seit vielen Jahren genauso flexibel und produktiv wie im Westen, die Produktion laufe überall gleich. Die Arbeitszeit wird zum 1. Januar 2022 auf 37 Stunden reduziert, zum 1. Januar 2024 auf 36 Stunden und zum 1. Januar 2026 auf 35 Stunden – ohne Lohnabzug. Um die Leipziger Produktionskapazitäten auf dem bisherigen Niveau zu halten, sollen bis 2026 zusätzlich 300 Mitarbeiter und weitere Auszubildende eingestellt werden. Zur Stammbelegschaft zählen heute 5.300 Beschäftigte. Sie bauen jeden Tag rund 1.100 Modelle der 1er- und 2er-Reihe sowie des vollelektrischen i3. Gestartet war das BMW-Werk 2005 mit 2.300 Kollegen.

Der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Leipzig, Bernd Kruppa, sagte der SZ, er gehe davon aus, dass bald auch in anderen Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie wie im Maschinenbau oder in Gießereien bessere Arbeitsbedingungen durchgesetzt werden können. „Wir führen bereits Gespräche und müssen im Interesse unseres Standortes vorwärtskommen“, so Kruppa. Anfang Oktober hatten bereits die Geschäftsführung und der Betriebsrat des Porsche-Werks Leipzig eine schrittweise Anpassung an die 35-Stunden-Woche bis 2025 angekündigt. Auch der VW-Konzern hatte im Mai angekündigt, die Tarifbedingungen der ostdeutschen Beschäftigten an die Verhältnisse in Westdeutschland anzugleichen und VW Sachsen mit seinen Werken in Chemnitz, Dresden und Zwickau in die Volkswagen AG tariflich einzubinden.

Auslöser der neuen Entscheidungen waren nicht zuletzt ganztägige Warnstreiks in den sächsischen Autowerken im Frühjahr. Im Juni sei dann vereinbart worden, dass es betriebliche Einzelregelungen geben dürfe, die vom Flächentarifvertrag abweichen, erklärte BMW-Betriebsrat Jens Köhler. Mit der Öffnungsklausel war der Weg für die 35-Stunden-Woche bei BMW und Porsche geebnet worden. Die Regelung gilt nur in Sachsen. Anderswo muss sie erst noch erkämpft werden. So gelten die neuen Arbeitszeitregeln nicht am BMW-Standort im thüringischen Eisenach.