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E-Auto-Test mit ID.3 endet auf Abschleppauto

Elektroautos haben viele Vorteile, doch sind sie alltagstauglich? Was eine Sächsische.de-Redakteurin beim Test eines E-VWs aus Zwickau erlebte.

Ladestation kaputt, Strom alle: Huckepack geht es vom Flughafen durch Berlin-Schönefeld zur nächsten Ladestation.
Ladestation kaputt, Strom alle: Huckepack geht es vom Flughafen durch Berlin-Schönefeld zur nächsten Ladestation. © Nora Miethke

Dresden. Der Abschied war dann doch etwas wehmütig, obwohl mich das neue Familienmitglied auf Zeit zwischenzeitlich zum Schreien gebracht hat. Denn von Anfang an bestimmte es, wo es langgehen sollte. Das neue Familienmitglied war ein türkisfarbener ID.3, gebaut in Zwickau, den mir Volkswagen für einen zweiwöchigen Alltagstest zur Verfügung stellte.

Ich bin eine typische Großstädterin: besitze kein Auto, fahre entweder mit dem Rad oder nutze mit meinem Jobticket den öffentlichen Nahverkehr. Längere Strecken lege ich bevorzugt mit der Bahn zurück und besitze dafür eine Bahncard 50. Gelegentlich miete ich ein Carsharing-Auto für Ausflüge oder einen Mietwagen für den Urlaub. Da dies selten ist, bin ich nicht Mitglied im ADAC oder einem anderen Autoklub. Ich wohne in einem Mehrfamilienhaus ohne eigene Garage mit Wallbox und verfüge nicht über Ladekarten für Elektroautos. So viel vorab zu meinem normalen Mobilitätsverhalten.

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Ende März wurde mir der Stromer vor die Haustür gestellt. Eine Ladekarte gab es nicht, nur den Hinweis, ich solle mir als erstes die EnBW-Mobility-App herunterladen und meine Kreditkarte dort hinterlegen. Das sei die beste App zum Laden und Bezahlen in Deutschland.

Der ID.3 und ich wurden schnell Freunde. Die direkte Beschleunigung, an der Ampel die anderen Autos stehen lassen, das lautlose Dahingleiten, all dies begeisterte mich. Die erste Woche unseres Kennenlernens war auch wirklich unkompliziert. Ich hatte mir vorgenommen, den ID.3 normal zu nutzen, wie mein Alltag es verlangte. Das bedeutete, die meiste Zeit stand er wartend vor der Tür. Ging ich bei meinen Abendspaziergängen vorbei, den Autoschlüssel in der Hosentasche, warf er seine Vorderleuchten an, wie ein breites, freundliches Grinsen. Und ich freute mich. Schon faszinierend, wie Licht zwischen Maschine und Mensch so eine Emotion wecken kann.

Frühes Nachladen scheitert

Noch mehr Bindung entsteht allerdings, weil man ständig an ihn denkt. Er bestimmt, in welchem Supermarkt man einkauft, wohin die Ausflüge und Spaziergänge am Wochenende führen und greift sogar in den Schlafrhythmus ein. Je zeitiger am Morgen oder später am Abend, desto freier die öffentlichen Ladepunkte. Zum Osterspaziergang geht es in den Großen Garten, wohlwissend, dass bei Sonnenschein dort auch Tausende andere sind. Das eigentliche Ziel ist Sachsens größter Schnellladepark auf dem Gelände der Gläsernen Manufaktur von VW. Bevor es am nächsten Tag mit der Familie nach Berlin geht, um nach einem halben Jahr Pause endlich die geimpfte Oma zu besuchen, sollte das Auto noch mal richtig aufgeladen werden. Als wir nach 90 Minuten vom Spaziergang zurückkehren, zeigt das Display eine Akkuleistung von 90 Prozent an. Der Strom soll für 267 Kilometer reichen.

16.30 Uhr am Ostermontag brechen wir auf nach Berlin – bei Schneeschauern. Kaum sind wir losgefahren, zeigt die Anzeige nur noch 237 Kilometer. Zur Sicherheit fahren wir das erste Mal schon in Schwarzheide von der A13 ab und suchen die in der App angezeigte Ladesäule von Envia-M. Zunächst muss das Gepäck ausgepackt werden, um unter der Kofferraumklappe die Ladekabel hervorzuholen. Doch ich kann in der App nicht den Lade- und damit den Bezahlvorgang bestätigen. Also weiter.

An der Raststätte Freienhufener Eck geht es auf der Suche nach einer Eon-Schnellladestation wieder raus. Wir finden sie nach Nachfragen versteckt zwischen den Lkw-Parkplätzen. Ich kann den QR-Code einscannen, aber der Bezahlvorgang kann nicht bestätigt werden. Es geht nur mit Ladekarte, die ich nicht habe. Erst blinkt es grün, dann plötzlich rot. Der Ladestecker lässt sich nicht entfernen.

Ich rufe die Hotline von Eon an. Bei dieser Gelegenheit lernen wir, wo die Notfallentriegelung ist – unter der Kofferraumklappe. Zum zweiten Mal wird das ganze Gepäck ausgepackt. Ab da fahren wir mit Tempo 100 weiter. Die Anspannung im Auto wächst. Radio, Navi, Sitzheizung – alles bleibt aus, um Strom zu sparen. Auch die nächste Eon-Schnellladestation an der Raststätte Am Kahlberg ist außer Betrieb. Und die anfänglichen 237 Kilometer Reichweite schnurren unheimlich schnell zusammen. Es ist kalt, dunkel und schneit. Licht, Scheibenwischer, das Vorheizen der Batterie zu Beginn – alles frisst Strom und Reichweite. Kurz vor Berlin-Schönefeld erscheint das erste Mal der Befehl: Bitte laden, Akku noch 30 Prozent. Ich entscheide, mit dem letzten Strom zum Flughafen zu fahren. Dort an der Total-Tankstelle soll es eine Ladestation geben. Im absoluten Notfall können wir das Auto dort ins Parkhaus stellen und den Rest der Strecke mit Bahn oder Taxi zurücklegen.

Und so kommt es. Die Ladestation an der Total-Tankstelle ist kaputt. „Seit Dezember“, wie mir ein Mercedes-Fahrer zuruft. Mit den letzten zehn Prozent landen wir im ersten Parkhaus für Besucher, Parkhaus acht. Mein siebenjähriger Sohn weint: „Mama ich will nach Hause.“ 21.30 Uhr kommen wir mit dem Taxi an unserem Ziel an. Zum dritten Mal laden wir unser Gepäck aus. Beim Einschlafen sagt mein Sohn: „Mama, das war die schrecklichste Autofahrt meines Lebens. Wir waren die ganze Zeit angespannt, und es war so kalt.“

Am nächsten Tag fahre ich gegen Mittag allein zum Flughafen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Terminals in Parkhaus drei soll es fünf Ladesäulen mit zehn Ladepunkten geben. Nach dem Starten des ID.3 tauchen auf der Anzeige eine kleine rote Schildkröte und ein Warnhinweis auf: „Sie dürfen nur noch rangieren.“ Wie eine Schildkröte schleiche ich mit sieben Stundenkilometern vom Parkhaus acht ins Parkhaus drei. Immer in der Angst, dass das Auto stehen bleibt. Bei einer Akkuleistung von vier Prozent erreiche ich die Ladesäule und – kann nicht laden.

SZ-Redakteurin Nora Miethke am Steuer des VW ID.3: „Wenn Mama schreit, hast du einen Wunsch frei.“
SZ-Redakteurin Nora Miethke am Steuer des VW ID.3: „Wenn Mama schreit, hast du einen Wunsch frei.“ © Jürgen Lösel

Obwohl es im Internet hieß, dass sie mit dem Viellader-Tarif der EnBW-Mobility-App funktionieren würde. Der Betreiber ist „beEnergised“. Ich rufe bei der im Internet hinterlegten Nummer an und komme bei der Haustechnik des Flughafens heraus. Dort kann man mir nicht helfen. So bleibt nur der Weg, Hilfe vom Testwagenmanagement von VW zu holen. Der Autobauer schickt einen Transporter, der den ID.3 zur nächsten Ladesäule oder in eine VW-Werkstatt abschleppen soll. Ich entscheide mich für die nächste verfügbare Schnellladestation, die mir die App anzeigt, in der Kirchstraße in Schönefeld.

Die letzten Meter auf dem Weg dorthin rumpeln wir über Kopfsteinpflaster. Inmitten von Gewerbehöfen, auf dem Weg zum Friedhof, steht einsam eine öffentliche, magentafarbene Telekom-Ladestation, gefördert von der Bundesregierung. Sicherheitshalber lassen wir das Auto auf der Transporterladefläche stehen, während der Akku geladen wird. Genau nach 48 Minuten, in denen wir einen Fuchs im Gestrüpp am Straßenrand verschwinden sahen und einen Plausch über die Vor- und Nachteile der Elektromobilität hielten, ist der ID.3 wieder fahrbereit. Ladekosten: rund 18 Euro (46 Kilowattstunden zum Preis von jeweils 39 Cent). Auf die angegebenen Ladezeiten im Auto kann man sich gut verlassen und in der Zwischenzeit bequem Einkäufe erledigen. In der Kirchstraße in Schönefeld kann man nur warten. Wichtiger als Subventionen und Kaufprämien sind autobahnnahe Standorte für Schnellladesäulen und überdachte Ladeparks, organisiert wie normale Tankstellen.

Die Suche nach Lademöglichkeiten ist nicht ohne.
Die Suche nach Lademöglichkeiten ist nicht ohne. © Jürgen Lösel

Im ersten Impuls wollte ich den Test abbrechen. Doch mein Ehrgeiz ist geweckt. Ich will mit dem ID.3 die Rückfahrt nach Dresden wagen – besser vorbereitet und mit mehr Fahr- und Ladeerfahrungen gerüstet. „Nee Mama, das kannst du vergessen, da steige ich nicht mehr ein. Jedenfalls nicht, wenn wir Autobahn fahren“, sagt mein Sohn. Gott sei Dank sind Kinder käuflich. Ich biete ihm einen Deal an: „Wenn es Stress gibt und Mama schreit, hast du einen Wunsch frei.“ Er überlegt und sagt „Okay, dann hoffe ich, dass du schreist.“

Zur Sicherheit nur 100 km/h

Ich muss ihn enttäuschen. Die Hälfte der Strecke bis Lübbenau fahre ich stoisch 100 km/h, um es bis Dresden zu schaffen, falls es wieder Ladeprobleme geben sollte. Das fällt schwer, weil der ID.3 mit seinen 150 PS zum Schnellfahren verführt. Je höher das Tempo, desto rasanter schrumpft die Reichweite. Das habe ich gelernt. Laut App gibt es in Lübbenau fünf Schnellladepunkte gleich an der Abfahrt hinter dem McDonalds.

Am Schnellladepunkt in Lübbenau klappt das Stromtanken endlich ohne Probleme.
Am Schnellladepunkt in Lübbenau klappt das Stromtanken endlich ohne Probleme. © Nora Miethke

Tatsächlich klappt es dieses Mal mit dem Werbeversprechen der Autohersteller. 25 Minuten Ladezeit, in dieser Zeit holt sich meine Familie einen Hamburger. Dann geht es bei Sonnenschein und erlaubter Höchstgeschwindigkeit zurück nach Dresden.

Gestartet bin ich mit einer Lade-App auf meinem Smartphone, zurück komme ich mit vier Apps. Mein Nachbar, ein passionierter Elektroautofahrer, beruhigt mich. Er habe 19 Apps auf seinem Smartphone. Und der Schnelllader Kahlberg habe noch nie funktioniert.

Mein Fazit

Das Fahrgefühl im ID.3 ist super. Doch er ist ein Stromer für die Stadt. Für weitere Strecken gibt es zwei Probleme: die benutzerunfreundliche, chaotische Ladeinfrastruktur und den Akku. Die im Auto angezeigten Restkilometer stimmen nicht überein mit der tatsächlichen Reichweite. Wenn man den ID.3 fährt wie einen gewöhnlichen Golf, schafft man die Strecke Dresden-Berlin mit einem vollgeladenen Akku nicht.

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Und die Kosten? Die Nacht im Flughafen-Parkhaus war so teuer wie die Gesamtrechnung über 50 Euro, die mir die EnBW für den zweiwöchigen Testzeitraum schickte. Auch dank des gelegentlichen Gratis-Ladens dürfte ich letztlich elektrisch günstiger gefahren sein als mit einem Benziner oder Diesel.

Ich werde wieder E-Autos versuchen und mit jeder Fahrt dazu lernen.

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