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Im Nachtzug durch Europa

Die EU-Staaten wollen ein transkontinentales Bahnnetz schaffen. Auch die Fahrt von Dresden nach Prag soll dadurch schneller werden.

Blick in einen Nachtzug: Mit der Bahn soll es sich künftig schneller durch Europa reisen lassen.
Blick in einen Nachtzug: Mit der Bahn soll es sich künftig schneller durch Europa reisen lassen. © Christian Beutler/KEYSTONE/dpa

Die Erwartungen an Bahngipfel sind naturgemäß groß – und oft auch die Enttäuschungen. Zu einem solchen virtuellen „Schienengipfel“ mit dem Untertitel „Zukunftskonferenz“ hatte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) am Montag geladen, und gleich zu Beginn Spektakuläres angekündigt: einen Europatakt und eine Hochgeschwindigkeitsverbindung von Berlin über Dresden und Prag nach Wien. Die Verkehrsminister von Deutschland, Tschechien und Österreich haben die Absichtserklärung für eine solche Hochgeschwindigkeitstrasse unterzeichnet. „Brandenburger Tor, Frauenkirche, Karlsbrücke und Stephansdom werden über die Schiene ganz dicht aneinanderrücken“, verspricht der Minister.

Mit dem von der EU ausgerufenen „Jahr der Schiene“ wolle man die Menschen in ganz Europa vom grenzenlosen Bahnreisen begeistern und vor allem die Klimaziele erreichen. „Der europäische Greendeal kann nur mit einer starken Schiene gelingen“, ist Scheuer überzeugt. „Schnell, direkt und ohne Umsteigen“ – so die Devise von 22 Staaten, die sich im Takt vernetzen wollen.

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Wegen seiner Mittellage sei Deutschland „das Herzstück transeuropäischer Verkehrsnetze“. Starke Schiene heißt Güterverkehrszüge, die mit der Straße konkurrieren können sowie Hochgeschwindigkeits- und Nachtzugverbindungen, die mit dem Flugzeug konkurrieren können. „Der Schlüssel dafür ist unser Konzept „Trans Europe Express TEE 2.0“.

Nachtverbindungen haben Entwicklungspotenzial

Jenes Konzept sei auch Grundlage für einen Europatakt, bei dem nationale Fahrpläne aufeinander abgestimmt würden. Ziel: bessere Anschlüsse und Nutzung der Infrastruktur. Bis 2030 in fünf statt in bislang acht Stunden von Berlin über Dresden und Prag nach Wien, so der Plan. Zehn Jahre später, nach Fertigstellung der Neubaustrecke mit dem Erzgebirgstunnel, soll die Fahrt in vier Stunden möglich sein.

„Den Schienenverkehr als Alternative zu Straße und Flug zu beleben, ist auch unsere Priorität“, sagt Tschechiens Verkehrsminister Karel Havlicek. Lange habe man sich nur auf Inlandsverkehr und nahe Grenzverbindungen konzentriert. Dabei seien Fahrgäste bereit, bei Tagesausflügen mit vier Stunden Reisezeit den Zug zu nehmen, bei Mehrtagestrips auch bei sieben Stunden. Nachtverbindungen hätten großes Entwicklungspotenzial. Er wünsche sich eine Zwei-Stunden-Anbindung von Prag in die Nachbarländer.

In weiterer Perspektive sei auch eine Verbindung Prag–Hamburg–Kopenhagen möglich – und eine neue Expressverbindung, mit der man von Prag über Dresden in viereinhalb Stunden in Frankfurt sein kann. Der Minister würdigt die Kooperation mit den Deutschen beim Erzgebirgstunnel als Teil der 370 Kilometer langen Via Vindobona mit Spitzentempo von 320 km/h. Mindestens 120 Kilometer gingen bis 2030 in Betrieb, der Rest abschnittsweise danach.

Tunnel durch das Erzgebirge

Die österreichische Klimaschutzministerin Leonore Gewessler nennt die Via Vindobona einen „Meilenstein für Europa“. Es sei „fast unvorstellbar, dass man mit der Bahn zwischen Wien und Berlin so schnell unterwegs sein kann, wie zwischen Wien und München“. Für die Via Vindobona werde die Nordbahn der Alpenrepublik als Hochgeschwindigkeitsstrecke für 200 km/h ausgebaut. Das Genehmigungsverfahren sei „voll im Laufen“, der Baubeginn nahe Wien bereits 2022 geplant.

Und in Deutschland? Derzeit werden mehrere Streckenführungen untersucht. Der rund 43 Kilometer lange Neubau zwischen Dresden und Prag mit einem rund 25 Kilometer langen Tunnel soll das Elbtal entlasten und die Fahrzeit Dresden–Prag von zweieinhalb auf etwa eine Stunde verkürzen. Voraussichtlich 2024 soll Vorzugsvariante stehen, sagt Enak Ferlemann, der Schienenbeauftragte der Bundesregierung. Dann ließen sich Zeitplan und Kosten beziffern. „Gleichwohl müssen wir in Deutschland noch die Dresdner Bahn ausbauen“, tritt der Staatssekretär auf die Euphoriebremse.

Die 16 Kilometer lange Ausbaustrecke im Süden Berlins könne Ende 2025 fertig sein. „Dann können wir die Verbindung Dresden–Berlin auf Hochgeschwindigkeit umstellen“, so der Staatssekretär. Der Tunnel durch das Erzgebirge „wird sicherlich bis Mitte der 2030er-Jahre brauchen“. Die Tschechen bauten auch noch zwei Strecken aus auf Tempo 250. Dann geht die Anbindung weiter nach Wien und von dort nach Bratislava oder Zagreb in Kroatien.

Hausaufgaben auf deutscher Seite

Nachtzüge sind ausdrücklich Bestandteil der Pläne. Trotz Kritik hatte die Deutsche Bahn vor fünf Jahren ihre Linien eingestellt und die Waggons an die österreichische ÖBB verkauft. Begründung: mangelnde Wirtschaftlichkeit. Das stellt Joachim Holstein, Sachverständiger bei Anhörungen des Verkehrsausschusses im Bundestag, infrage. Er spricht von „Tricks“ und einer „Desinformationskampagne“ der Bahn. Nach deren Angaben sei nur ein Prozent der Fernverkehrskunden in Nachtzügen unterwegs gewesen. Dabei habe die DB aber weder Reisende in den Sitzwagen mitgezählt noch die drei Mal längere Reiseweite im Vergleich mit ICE-Reisenden berücksichtigt, schreibt er an die SZ. Im Ausschuss habe die DB einräumen müssen, dass die Nachfrage der Nachtzüge stabil und die Buchungslage gut gewesen sei.

Der Fahrgastverband Pro Bahn begrüßt Kurswechsel, Vision und Absichtserklärung. „Eine Zielfahrzeit von fünf Stunden mit zusätzlichen Expresszügen in rund vier Stunden macht die Bahnverbindung wesentlich attraktiver und auch gegenüber dem Straßen- und Flugverkehr konkurrenzfähiger“, sagt Anja Schmotz, Verbandschefin für Mitteldeutschland.

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In Tschechien und Österreich kämen die Projekte gut voran und hätten „ambitionierte Zeitrahmen, so dass erste Schritte bereits in den 2020er-Jahren umgesetzt werden können“. Für den Erzgebirgstunnel fehlten noch glaubwürdige Zielzeiträume. „Die Hausaufgaben sehen wir also klar auf der deutschen Seite“, so Anja Schmotz.

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