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Was der Lockdown für Bus und Bahn bedeutet

Drohen im ÖPNV in Sachsen erneut gestrichene Linien und ausgedünnte Fahrpläne? Was die Anbieter sagen.

Im Frühjahr blieben viele Busse und Bahnen im Depot – wie hier im Betriebshof Angerbrücke der Leipziger Verkehrsbetriebe. Mittlerweile hat sich das Fahrgastaufkommen im Vergleich zur Vor-Corona-Zeite sachsenweit bei 90 Prozent stabilisiert.
Im Frühjahr blieben viele Busse und Bahnen im Depot – wie hier im Betriebshof Angerbrücke der Leipziger Verkehrsbetriebe. Mittlerweile hat sich das Fahrgastaufkommen im Vergleich zur Vor-Corona-Zeite sachsenweit bei 90 Prozent stabilisiert. © dpa-Zentralbild

Trotz des neuen Lockdowns soll der öffentliche Nahverkehr (ÖPNV) in Sachsen im November weitestgehend rollen. Das ist der Tenor einer SZ-Umfrage unter den Anbietern. Anders als bei der ersten Corona-Welle im Frühjahr sind nur vereinzelt Einschränkungen geplant. Der Verkehr wird von den Landkreisen und kreisfreien Städten organisiert. Dafür gibt es fünf Verkehrsverbünde wie den VVO für die Region Oberelbe, den ZVON für Oberlausitz-Niederschlesien und den VMS für Mittelsachsen mit Döbeln.

„Wir reduzieren in den nächsten drei Wochen nichts und fahren planmäßig weiter“, sagt Christian Schlemper vom VVO. Abgesehen von Beschäftigten der Gastronomie seien Berufstätige unterwegs, und auch die Schule gehe weiter. „Da waren wir im März auf den Ferienfahrplan runtergefahren“, so der Sprecher. Nur Dresdens Nachtbusverkehr von Freitag bis Sonntag ins Umland sei auf dem Prüfstand. Konkret gehe es um Verbindungen mit Radeburg, Ottendorf-Okrilla, Radeberg, Heidenau und Pirna, Dippoldiswalde, Wilsdruff, Freital, Meißen. „Wenn die Kneipen zu sind, sitzen ja kaum noch Leute im Bus“, argumentiert Schlemper. „Wir schauen uns die Linien dieses Wochenende noch mal an und entscheiden dann.“ Weil viele das vergangene Wochenende als vorläufig letzte Chance für Treffs genutzt hätten, sei es keine Basis.

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Neben Berufspendlern fehlen auch Touristen

„Solange Schulen, Kitas und Geschäfte offen sind, behalten wir unser Angebot bei“, heißt es von den Dresdner Verkehrsbetrieben (DVB), einem Auftragnehmer des VVO. „Wir könnten es auch gar nicht von heute auf morgen runterfahren“, sagt Sprecherin Anja Ehrhardt. „Da müssen Fahr- und Dienstpläne umgestrickt werden, was etwa eine Woche dauert.“ Auch für sie ist die Situation nicht mit der im Frühjahr vergleichbar, der Aufwand für die überschaubare Lockdown-Zeit zu groß: „Wir müssten jetzt umstellen und Anfang Dezember wieder.“ Dann sei Advent – wegen der Weihnachtseinkäufe traditionell Hochsaison. „Da sind wir noch in der Findung, wie wir uns in diesem Jahr aufstellen“, sagt die Sprecherin. „Wir sind auch noch nicht voll auf Normalbetrieb hochgefahren“, räumt sie ein. Noch fehlten Teile des Abend- und Nachtangebots sowie die Verstärkerfahrten für Studenten. Auch deshalb seien keine weiteren Kürzungen geplant.

Die Pandemie hatte die Fahrgastzahlen im Nahverkehr einbrechen lassen. Nach Rekordjahren fehlten neben Berufspendlern auch Touristen und Gelegenheitskunden, weil kaum noch Konzerte, Messen, Sportevents stattfanden. Wegen gesunkener Nachfrage waren Verkehre teilweise ganz eingestellt worden. Die Unternehmen stehen finanziell unter Druck. Deshalb hatte auch Sachsen Mitte September Ausgleichszahlungen angekündigt. Der Branchenverband VDV schätzt den Netto-Erlösausfall im Freistaat auf 122 Millionen Euro.

Laut VVO, Deutscher Bahn (DB) und Mitteldeutscher Regiobahn (MRB) sind die Regionalzüge und S-Bahnen in Sachsen mittlerweile wieder zu rund 90 Prozent im Vergleich mit der Vor-Corona-Zeit besetzt, Busse im Verbundgebiet zu etwa 80 Prozent. Einige Züge seien auch übervoll, heißt es selbstkritisch. Die DB betreibt im Freistaat die Dresdner S-Bahn, die Strecke Dresden–Leipzig und die S-Bahn Mitteldeutschland um Leipzig. Die MRB verkehrt auch zwischen Dresden und Chemnitz.

Grenzüberschreitender Verkehr kommt zum Erliegen

Dort vergibt der VMS Leistungen. „Unser Verkehr läuft normal“, sagt Sprecher Falk Ester. Nur Zwickaus Nachtlinien seien eingestellt, weil durch die Pandemie abends nicht mehr viel los sei. Sonst sei ihm keine Kürzung bekannt. „Wir hatten letzte Woche Beiratssitzung mit den Partnern, da kam so was nicht zur Sprache.“

Entwarnung auch für die Lausitz. „Wir kürzen weder beim Bus noch auf der Schiene Leistungen“, versichert Sandra Trebesius vom ZVON. „Im Gegenteil: Zur Einhaltung der Abstandsregeln versuchen wir sogar, Kapazitäten zu erweitern.“ Das Angebot sei auf 100 Prozent des Vor-Corona-Niveaus, auch die Plus-Busse würden fahren. Einzig die neue Sommer-Ausflugslinie zwischen Zittau, dem tschechischen Frýdlant (Friedland) und Świeradów-Zdrój (Bad Flinsberg) im polnischen Isergebirge werde bereits am Wochenende beendet. Der Grund: Wegen Corona sei der grenzüberschreitende Verkehr zum Erliegen gekommen. „Wir fahren erst einmal alles komplett weiter und bereiten uns planerisch auf punktuelle Ausfälle vor, etwa wenn Kollegen in Quarantäne müssen“, sagt Jörg Puchmüller, Sprecher der Länderbahn, die mit der Marke Trilex auch für den ZVON und den VVO unterwegs ist. Die Tochter des deutschen Ablegers der italienischen Netinera-Gruppe hatte ihr Angebot im März um etwa ein Drittel gekürzt. Das Unternehmen fährt von Dresden nach Görlitz/Zgorzelec, Zittau und weiter nach Liberec (Reichenberg) sowie zwischen Liberec, Zittau und Seifhennersdorf/Rybniště.

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Das Fazit der SZ-Umfrage bringt VVO-Sprecher Schlemper auf den Punkt: „Verkehr ab- und wenig später neu zu bestellen, bringt nicht viel – außer großen Aufwand“, sagt er. Da fahre man lieber stabil weiter. „Im Zweifel ist mehr Platz in Bus und Bahn. Und das ist ja auch nicht schlecht.“

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