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„Es spricht nicht viel gegen Tempo 30“

In vielen Städten, darunter Dresden und Leipzig, wird eine Herabsetzung der Regelgeschwindigkeit debattiert. Das sagen Verkehrsplaner dazu.

Pläne zur Einführung einer innerstädtischen Regelgeschwindigkeit von 30 km/h sind höchst umstritten.
Pläne zur Einführung einer innerstädtischen Regelgeschwindigkeit von 30 km/h sind höchst umstritten. © dpa/Arne Dedert

Der ADAC und das Bundesverkehrsministerium sind dagegen, der ADFC, die Fußgängerlobby und der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) dafür: Pläne zur Einführung einer innerstädtischen Regelgeschwindigkeit von 30 km/h sind höchst umstritten. Selbst Modellversuche stoßen auf Widerstand. Wie positionieren sich Verkehrsforscher bei diesem Thema? Sächsische.de fragte Professorin Dr. Regine Gerike von der Technischen Universität Dresden.

Frau Professorin Gerike, welche Position vertreten Sie als Verkehrsplanerin, wenn es um die Frage genereller Tempo-30-Regelungen in Städten geht?

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Aus meiner Sicht spricht nicht viel dagegen, hierzulande Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit einzuführen.

Was spricht dafür?

Zum einen würde ein Flickenteppich verschwinden, wie er durch die derzeitige Straßenverkehrsordnung und die zugehörige Verwaltungsvorschrift für Hauptverkehrsstraßen erzeugt wird. Dort kann Tempo 30 momentan nur unter bestimmten Rahmenbedingungen – etwa vor Schulen, Kindertagesstätten, Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen – eingeführt werden. Zum anderen ist es einfacher, im Hauptverkehrsstraßennetz Tempo 50 zu beschildern als Tempo 30 im viel umfangreicheren Wohnstraßennetz. Drittens würde es auch das Grundprinzip verdeutlichen, wonach es langsame Geschwindigkeiten viel leichter machen, in urbanen, dichter werdenden Räumen verschiedene Nutzeranforderungen in den begrenzten Straßenräumen zu berücksichtigen.

Zum Beispiel durch bessere Möglichkeiten zur gemeinsamen Nutzung von Flächen durch den Auto- und Radverkehr. Im selben Atemzug bin ich mir aber natürlich klar darüber, dass es ein leistungsfähiges Netz aus Hauptverkehrsstraßen geben muss. Dort muss dann auch Tempo 50 gefahren werden können. Das ist unter anderem wichtig für die Effizienz und Attraktivität des öffentlichen Verkehrs. Zu guter Letzt ist auch die Sicherheit ein Argument für Tempo 30. Es gibt schlicht und einfach kürzere Anhaltewege. Im Entwurf von Straßen könnten kürzere Sichtweiten vorgesehen werden.

Ein Vorstand des ADAC Sachsen hat kürzlich erklärt, in der Stadt Leipzig gelte bereits auf 70 Prozent aller Straßen Tempo 30. Wie sind die Quoten in Chemnitz und Dresden?

Genaue Zahlen kann ich Ihnen nicht nennen. Grundsätzlich würde ich aber sagen, dass auch in diesen beiden Städten der größte Teil der Wohnstraßen als Tempo-30-Zone gewidmet worden ist.

Welche Städte bemühen sich denn darum, Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit einzuführen?

Es gibt viele deutsche Städte, die Pilotprojekte und Feldversuche planen oder vorbereiten. Vielerorts gibt es den Wunsch, leichter als bisher Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen ausweisen zu können. Wir haben das zum Beispiel im Rahmen eines Forschungsprojekts festgestellt, in dem es um die Fortschreibung des Regelwerks für den Stadtstraßenentwurf ging und verschiedene Kommunen befragt wurden. Viele Städte wollen mehr Spielraum, um Lösungen zu ermöglichen, die alle Nutzerbedürfnisse befriedigen. Das ist bei höheren Geschwindigkeiten anspruchsvoller als bei Tempo 30.

Dr. Regine Gerike ist Professorin für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik an der TU Dresden und übernimmt demnächst den Vorstandsposten für Energie und Verkehr beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).
Dr. Regine Gerike ist Professorin für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik an der TU Dresden und übernimmt demnächst den Vorstandsposten für Energie und Verkehr beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). © IVST

Wie sieht es in anderen europäischen Ländern aus? Wer gilt da als Vorreiter?

Dort gibt es natürlich ganz andere straßenverkehrsrechtliche Rahmenbedingungen. Im schwedischen Malmö beispielsweise gilt im gesamten Stadtgebiet ein Tempolimit von 40 km/h. Länder wie Frankreich, Belgien, Österreich oder die Schweiz haben sogenannte Begegnungszonen: Hier dürfen alle Verkehrsteilnehmer die gesamte Straßenfläche nutzen und dabei maximal 20 oder 30 km/h schnell sein. In Österreich gilt, dass niemand einen anderen Verkehrsteilnehmer behindern darf, in der Schweiz haben die Fußgänger Vorrang.

Es gibt aber auch Gegenargumente für Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit. Etwa der Hinweis von Verkehrsbetrieben, sie müssten mehr Fahrzeuge einsetzen, was wiederum die Kosten steigen ließe. Was sagen Sie dazu?

Ja, das stimmt. Aber die Kommunen können in diesem Szenario ja trotzdem Tempo 50 auf dem Hauptstraßennetz anordnen. Dabei können sie sogar gezielt Prioritäten setzen für Strecken mit hochrangigem öffentlichen Verkehr wie Straßenbahnen – und diesen damit Vorteile gegenüber dem Autoverkehr verschaffen.

Eine weitere Befürchtung: Autofahrer würden nach Abkürzungen suchen, damit entstünde unerwünschter Schleichverkehr durch Wohngebiete.

Um das zu verhindern, gibt es die klassischen verkehrsplanerischen Instrumente: Durchgehende Straßen können beispielsweise mit Pollern oder Einbahnstraßenregelungen unterbrochen werden. Aufpflasterungen, Versätze oder engere Straßenquerschnitte sind weitere Mittel, um das Abkürzen durch Wohngebiete unattraktiv zu machen.

In welcher Größenordnung verlängern sich Fahrzeiten, wenn das Tempolimit von 50 auf 30 abgesenkt wird?

Die Nadelöhre im innerörtlichen Straßennetz sind Kreuzungen. Durch sie werden die Geschwindigkeiten maßgeblich bestimmt. Wie schnell man auf der Strecke fährt, ist weniger relevant als das Durchkommen an diesen Knotenpunkten. Der ADAC hat 2015 bei Testfahrten auf einer 3,5 Kilometer langen innerstädtischen Versuchsstrecke rund zwei Minuten längere Reisezeiten bei Tempo 30 als bei Tempo 50 festgestellt. Grundsätzlich gilt, dass der motorisierte Individualverkehr von Stadt zu Stadt sehr unterschiedliche Durchschnittsgeschwindigkeiten erreicht.

Stimmt es, dass Autofahrer in Dresden vergleichsweise flott unterwegs sind?

Ja, das ist richtig. Was unter anderem daran liegt, dass die urbane Dichte hier nicht so hoch ist wie anderswo. Auch der sehr gute öffentliche Verkehr hat einen Einfluss.

Was sagen Sie zum Kritikpunkt, der Schadstoffausstoß bei Tempo 30 sei höher als bei Tempo 50?

Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Die Zusammenhänge sind komplex und führen dadurch von Fall zu Fall zu abweichenden Ergebnissen. Unter anderem deshalb, weil auch externe Faktoren wie die Hintergrundbelastung der Luftqualität wirken. Vorhandene belastbare Studien zeigen im Mittel eine leichte Abnahme der Schadstoffbelastung in der Luft, nachdem Tempo 30 eingeführt wurde. Hinzuweisen ist jedoch auf die hohe Bedeutung der genannten externen Faktoren sowie die Qualität des Verkehrsflusses.

Lange hieß es, die Hürden für eine Tempo-30-Anordnung seien zu hoch. Wenn nun irgendwann der Paradigmenwechsel kommen sollte, droht dann womöglich das Gleiche unter umgekehrten Vorzeichen? Also das Problem, Ausnahmen mit Tempo 50 zu erlauben?

Es liegt in der Hand des Gesetzgebers, es so zu gestalten, dass es nicht schwierig ist. Vierstreifige Ausfallstraßen sollen ja so leistungsfähig bleiben, wie sie es jetzt auch sind. Denn dort findet ja der Hauptanteil des Verkehrs statt.

Gibt es eigentlich auch die Möglichkeit, bei einer Regelgeschwindigkeit von 30 Stundenkilometern zumindest nachts Tempo 50 zu erlauben?

Ja. Aber dann müsste die Lösung eine Tempo-50-Lösung sein, die tagsüber verkehrsberuhigt wird. Die Einheit von Bau und Betrieb ist auch hier unbedingt zu gewährleisten. Das heißt, die Straße sollte so gestaltet sein, dass sie zum richtigen Verkehrsverhalten führt.

Das Gespräch führte Andreas Rentsch.

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  • Innerorts gilt laut StVO eine generelle Geschwindigkeitsbeschränkung von 50 km/h. In besonderen Fällen kann ein davon abweichendes Tempolimit festgelegt werden. Für Tempo 30 gibt es dabei zwei verschiedene Optionen. Variante eins ist die die Beschränkung eines Streckenabschnitts auf 30 km/h, Variante zwei die Tempo-30-Zone.
  • Die Einrichtung von Tempo-30-Zonen ist nur für weniger befahrene Straßen zulässig. Die Zone darf sich nicht auf Straßen des überörtlichen Verkehrs (Bundes-, Landes- und Kreisstraßen) erstrecken.
  • Die Anordnung von Tempo 30 auf Strecken (Variante eins) kann aus Gründen der Verkehrssicherheit geschehen, oder um Anwohner vor Lärm oder Abgasen zu schützen. (Quelle: ADAC)

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