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Boom durch Corona: Fahrräder werden teurer

Kunden ärgern sich nicht nur über Ersatzteil- und Lieferprobleme. Doch auch Hersteller leiden.

Ist mein Rad bald fertig? Wenn der Liefertermin mehrfach verschoben wird, kann das an fehlenden Bauteilen liegen.
Ist mein Rad bald fertig? Wenn der Liefertermin mehrfach verschoben wird, kann das an fehlenden Bauteilen liegen. © Brose/pd-f.de

Ausufernde Lieferfristen für vorbestellte Modelle, fehlende Ersatzteile, wochenlanges Warten auf einen Werkstatttermin: In der Fahrradbranche läuft es derzeit nicht rund. Manche Teile könnten womöglich über Monate nicht erhältlich sein, fürchtet der Verband des deutschen Zweiradhandels (VDZ). „Kunden werden teilweise bis in den Sommer hinein ihre Räder nicht nutzen können, weil sie keine Ersatzteile dafür bekommen“, sagt VDZ-Vorstandsmitglied Tobias Hempelmann.

Lieferprobleme gibt es laut Hempelmann insbesondere bei Verschleißteilen wie Bremsbelägen, Ketten, Kettenblättern und Ritzeln für die Gangschaltung. Vieles davon wird in Fernost produziert. Manche Branchenkenner raten inzwischen dazu, sich passende Ketten des japanischen Zubehörherstellers Shimano zu bunkern, um für eigene Defekte gewappnet zu sein.

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Doch auch die Hersteller mit Geschäftsbeziehungen nach Asien sind in einer prekären Lage. Von Shimano komme inzwischen die Aufforderung, Bestellungen für das Jahr 2023 auszulösen, berichtet Alexander Kraft von der Liegeradmanufaktur HP Velotechnik. „Wir wissen nicht, was das kosten wird. Aber wir bestellen trotzdem.“

Preise werden angehoben

Aufgrund der gestiegenen Kosten für Komponenten und den Containertransport nach Deutschland erhöhen immer mehr Firmen ihre Preise. Die Premiummarke Riese & Müller etwa verlangt seit dem 1. März einen durchschnittlichen Zuschlag von sechs Prozent. Busch & Müller, ein Produzent von hochwertiger Fahrradbeleuchtung, hebt seine Preise zum Stichtag 1. August um sieben Prozent an.

Kunststoffgranulat, Kupferlitze für Kabel, Kartonagen – all das sei binnen weniger Monate deutlich teurer geworden, klagt Geschäftsführer Guido Müller. „Wir sind schon froh, wenn wir unsere Ware verpacken und verschicken können.“ Den Vorwurf, die Branche nutze die Situation zum Abkassieren, weist Uwe Wöll vom Verbund Service und Fahrrad (VSF) zurück. Im Gegenteil, zuletzt sei da „noch viel abgefedert“ worden. Aus manchen Firmen heißt es, wenn man jetzt nicht reagiere, sei das existenzbedrohend.

Unstrittig ist, dass das erste Coronajahr dem schon vorher prosperierenden Markt einen Extra-Schub gegeben hat. Laut Statistik des Zweirad-Industrieverbands (ZIV) sind 2020 mehr als fünf Millionen Fahrräder verkauft worden. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg von knapp 17 Prozent. Inzwischen haben zwei von fünf neuen Rädern einen Elektroantrieb.

Trendumkehr ist nicht in Sicht

Die Unterstützung beim Treten lassen sich die Deutschen einiges kosten: Für ein durchschnittliches Pedelec vom Fachhändler blätterten Kunden zuletzt 2.975 Euro hin. Unter Einbeziehung der Angebote von Händlern „auf der grünen Wiese“ liege der Preis immer noch bei stolzen 2.500 bis 2.600 Euro, schätzt Thomas Geisler vom Pressedienst Fahrrad, einem Zusammenschluss von dreißig Vereinen, Institutionen, Firmen und Organisationen. Sein Tipp an Interessenten: „Haben Sie beim Kauf auch mögliche Alternativen zum Wunschbike im Blick – und gehen Sie Kompromisse ein, wenn Sie schnell zuschlagen möchten.“

Ähnlich sieht es Markus Krill von der Firma Croozer. Der mittelständische Hersteller von Fahrradanhängern rechnet mit weiter steigenden Kosten innerhalb der Lieferkette, die an die Kunden weitergereicht werden könnten. Kein Lieferant sei derzeit bereit, längerfristige Preisgarantien zu geben, sagt Krill. Eine Trendumkehr? Nicht in Sicht.

Gleiches gilt beim Thema Teilemangel. „In den nächsten vier bis sechs Wochen wird das noch so richtig kommen. Denn bisher haben wir noch kein gutes Wetter gehabt, sodass die Saison verspätet startet“, sagt Tobias Hempelmann vom Verband des deutschen Zweiradhandels. Mit einer Entspannung rechne er erst im Herbst.

Keine pauschalen Fristen für Kaufverträge

In einer vertrackten Lage stecken Kunden, die bereits vor Monaten ihr Wunschmodell bestellt haben und nun immer wieder vertröstet werden. „Wenn beim Abschluss des Kaufvertrags eine genaue Frist vereinbart worden ist, kann man vom Vertrag zurücktreten, sobald diese verstrichen ist“, sagt Thomas Geisler. Möglich sei aber auch, eine Preisminderung für sich auszuhandeln. „Ist jedoch keine genaue Lieferfrist vereinbart, wird es schwierig. Denn es gibt keine pauschalen Fristen für Kaufverträge.“ Denkbar sei dann noch, mit dem Händler oder Hersteller eine Nachfrist zu verhandeln. „Sollte diese auch nicht eingehalten werden, kann der Kaufvertrag gekündigt werden“, so Geisler.

Doch es gibt auch positive Nachrichten für Menschen, die in ihrem Alltag überwiegend mit dem Rad meistern. So fehle es derzeit nicht an staatlichen Zuschüssen für Fahrradbügel, Unterstände oder Garagen, sagt Andreas Hombach von der Metalltechnikfirma WSM. „Die Mittel müssen allerdings auch abgerufen werden.“

Insgesamt gibt es nach Schätzung der Industrie mittlerweile 79 Millionen Fahrräder und Pedelecs in Deutschland. Statistisch kommt damit auf fast jeden Einwohner ein pedalgetriebenes Zweirad.

Eine Übersicht zu staatlichen Fördermöglichkeiten für Radabstellanlagen finden Sie hier.


Jeder dritte Sachse wünscht sich neue Radwege

Sachsens Einwohner sind im Bundesvergleich besonders stark an neuen und besseren Fahrradwegen interessiert. Laut einer YouGov-Umfrage im Auftrag des Versicherungsunternehmens Huk-Coburg liegt der Anteil der Befragten, die sich mehr Investitionen in die Radwegenetze und andere Infrastruktur wünschen, im Freistaat bei 33 Prozent. Nur Mecklenburg-Vorpommern (38 Prozent) und Sachsen-Anhalt (34 Prozent) verzeichnen höhere Quoten.

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Mehrere Mitarbeiter von Nico Fahrzeugteile aus dem Großweitzschener Gewerbegebiet sind nun umgestiegen – auf Kosten der Firma.

Bei der Begeisterung für diese Art der Fortbewegung gibt es sowohl regionale als auch geschlechtsspezifische Unterschiede. Demnach ist die Liebe zum Fahrrad im flachen Norden der Republik größer als im hügeligen Süden. Laut Umfrage sagten bundesweit 29 Prozent, dass für sie das Fahrrad ein ideales Verkehrsmittel sei – 30 Prozent Männer und 28 Prozent Frauen. Beide Geschlechter betrachtet, lag Bremen mit 45 Prozent an der Spitze, an letzter Stelle das Saarland mit 19 Prozent. Abgesehen von Bremen ist das Fahrrad auch in mehreren anderen norddeutschen Ländern überdurchschnittlich populär. Auf den Plätzen zwei bis vier lagen Niedersachsen mit 38 Prozent sowie Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern mit jeweils 37 Prozent. Aus dem Rahmen fällt Berlin, wo Fahrräder nur für durchschnittliche 29 Prozent ein ideales Verkehrsmittel sind. Als erstes süddeutsches Bundesland liegt Bayern auf Platz neun mit 29 Prozent exakt im Bundesdurchschnitt.

Nach den Gründen für die regional unterschiedlichen Präferenzen fragten die Demoskopen nicht. So bleibt unklar, welche Rolle flaches oder hügeliges Gelände oder unterschiedlich gute Fahrradinfrastruktur spielt. (mit dpa)

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