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GDL: Wir haben überall die Mehrheit

Kurz vor dem Auslaufen der Friedenspflicht lässt Chef Claus Weselsky die Muskeln spielen.

Claus Weselsky (62) fuhr einst Diesel- und E-Loks in der Einsatzstelle Pirna. Der Sachse ist seit 2008 GDL-Chef.
Claus Weselsky (62) fuhr einst Diesel- und E-Loks in der Einsatzstelle Pirna. Der Sachse ist seit 2008 GDL-Chef. © dpa/Oliver Berg

„Was soll die Hektik“, entgegnet Claus Weselsky, Chef der Lokführergewerkschaft GDL der Deutschen Bahn (DB). „Ich habe alle Zeit der Welt.“

Das Tarifeinheitsgesetz sehe die Zählung für einen Tarifvertrag vor, der eine Kollision beinhaltet. Noch habe die GDL aber nicht mal ihre Forderungen aufgemacht, gelte der laufende Vertrag noch bis zum 28. Februar. „Und gezählt wird im Fall des Falles nicht durch eine Notarkanzlei von Gnaden der DB und der Gewerkschaft EVG, sondern durch ein Gericht“, sagt der gebürtige Dresdner zur SZ.

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Zwar hätten die Eisenbahner mehr verdient, als die von der konkurrierenden EVG im sogenannten Corona-Bündnis vereinbarten 1,5 Prozent. Aber aus der Aussage lasse sich noch keine Kollision ableiten. Die Forderungen der GDL gingen weiter – auch weil sie nicht mehr nur für Lokführer und Zugbegleiter verhandeln will, sondern auch für Fahrdienstleiter und Beschäftigte in Werkstätten und in der Infrastruktur. Nach Ankündigung der Bahn, künftig nur den Tarifvertrag der mitgliederstärksten Gewerkschaft anzuwenden, hatte die GDL im Herbst beschlossen, sich anderen Berufsgruppen zu öffnen und der – aus ihrer Sicht handzahmen – EVG Leute abzujagen.

Die GDL habe 34.000 Beitragszahler und vertrete 80 Prozent der Lokführer, sagt Weselsky. Bei den meist nicht organisierten Zugbegleitern seien es 40 Prozent, „also auch die Mehrheit“. Der Konkurrent habe 185.000 Mitglieder, „doch davon sind gut 60 Prozent Rentner“. Der Rest verteile sich auf 300 Betriebe. Die GDL mit 20 Prozent Inaktiven konzentriere sich auf Fernverkehr, Regio, Cargo – in Summe 65 Unternehmen. „Dort haben wir überall die Mehrheit“, ist er sich sicher. Im letzten Halbjahr habe es über 2.000 Eintritte gegeben.

„Bahn und EVG haben scheinbar angefangen zu zählen und merken, dass sie mit jedem Tag schlechter dastehen“, sagt Weselsky. „Daher die rückwirkende Datenerfassung zum 1. Januar“, schlussfolgert er.

Einen Solidarbeitrag lehnt der GDL-Chef ab: „Wir leisten keinen Sanierungsbeitrag, von dem das Management eine Hafenanlage in China oder eine Carsharingfirma kauft oder sich an einer Helikopterfirma beteiligt“, so der 62-Jährige. Er unterschreibe „keinen Tarifvertrag, in dem für den riesigen Wasserkopf Kündigungsschutz festgeschrieben wird“. Der Konzern habe mehr Schulden als 1994 und sei seit der Gründung ein Sanierungsfall. Die Pandemie decke die Missstände nur auf. 2019 habe es statt des ausgewiesenen Gewinns „eine halbe Milliarde Minus“ gegeben.

„Die Milchmädchenrechnung für Schäden aus Corona akzeptieren wir nicht“, sagt Weselsky. Der Öffentlichkeit würden „virtuelle Horrorverluste“ vorgegaukelt. Für die Berechnung habe die DB Umsätze ihrer Planung bis 2030 mit verdoppelten Fahrgastzahlen unterstellt. Andere Firmen bekämen Corona-Hilfe auf Basis ihrer Verluste gegenüber dem Vorjahresmonat.

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Und wie sieht der GDL-Fahrplan aus? „Wir werden erst mal Forderungen formulieren“, sagt der gelernte Lokführer und: „Je nach Verhandlungsverlauf entscheiden wir dann weitere Schritte.“ Da sei man „wahrscheinlich schon weit im Frühjahr“. Droht der streikerprobte GDL-Chef nach Auslaufen der Friedenspflicht am Sonntag mit Arbeitskampf? „Da würde man mich für bekloppt halten, und die Bahn könnte sagen: ,Der hat ja nicht mal verhandelt.‘“

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