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Wenn sich Radfahrer und Autofahrer zu nah kommen

Die Regel ist klar: Wer mit dem Auto einen Radfahrer überholt, muss ausreichend Abstand halten. Doch die Realität ist oft anders. Wie sich das ändern soll.

Mit Radweg sollte der Abstand zum Radfahrer klar sein - eigentlich. An Straßen ohne Markierung kommen Autofahrer meist noch näher.
Mit Radweg sollte der Abstand zum Radfahrer klar sein - eigentlich. An Straßen ohne Markierung kommen Autofahrer meist noch näher. © Christian Juppe

Dresden. Es ist eine knappe Sache. Ein Auto überholt einen Radfahrer – und es wird eng. Ganz dicht fährt das Fahrzeug am Rad vorbei. Solche Szenen lassen sich tagtäglich beobachten. Daran ändert auch die erst im Jahr 2020 überarbeitete Straßenverkehrsordnung nichts. Demnach müssten Autofahrer innerorts beim Überholen eigentlich mindestens anderthalb Meter Abstand halten. Außerorts sind es sogar zwei Meter. Doch wie sieht es in der Realität aus? Ein neues Forschungsprojekt will genau das nun herausfinden. Koordiniert wird es in Dresden, radeln lassen die Wissenschaftler allerdings in Leipzig.

Werden Radfahrer so knapp überholt, ist das für viele im Sattel sehr belastend. Ihr subjektives Sicherheitsgefühl wird dadurch stark eingeschränkt, argumentieren die Forscher der Professur für Verkehrsökologie der Fakultät Verkehrswissenschaften „Friedrich List“ an der TU Dresden. Für manche sei das sogar ein wichtiger Grund, das Fahrrad im Alltag weniger zu nutzen als eigentlich gewollt. Verkehrsplaner schauen deshalb individuell in den Kommunen, wo durch bauliche Eingriffe in die Infrastruktur solch enger Kontakt zwischen Radfahrern und Kraftfahrzeugen vermieden werden kann.

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Sensor misst den Abstand

Doch dafür gilt es zunächst, die Stellen in einer Stadt zu identifizieren, an denen sich motorisierte und radfahrende Verkehrsteilnehmer zu nahe kommen. Gerade gestartet ist in diesem Zusammenhang das Verbundprojekt „Space2Ride“. Im Rahmen des Forschungsvorhabens kommen an Fahrrädern angebaute Kameras mit integriertem Sensor zur Seitenabstandsmessung zum Einsatz. Sie schaffen eine Datenbasis zur seitlichen Überholentfernung von Fahrrädern und Autos. Finanziert wird das Projekt durch das Bundesverkehrsministerium mit insgesamt 100.000 Euro. In einem Jahr sollen die Ergebnisse der Arbeit vorliegen.

Über die Auswertung der Sensor-Daten lassen sich später relevante Einflussfaktoren identifizieren und in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Leipzig die Sicherheit der Radfahrer verbessern. „Das Projekt soll dazu beitragen, kritische Infrastruktursituationen automatisiert sichtbar und damit den Radverkehr sicherer zu machen“, sagt Sven Lißner, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektkoordinator an der Professur für Verkehrsökologie der TU Dresden. „Space2Ride“ ist ein Verbundprojekt mit der Dashfactory GmbH aus Jena. Die Thüringer haben ein Gerät entwickelt, das – installiert am Fahrradsattel – vollautomatisch den Überholabstand misst und datenschutzkonforme Videosequenzen inklusive aller wichtigen Daten aufzeichnet. Im Schadensfall könnten sie als Beweismittel verwendet werden.

Problemstellen erkennen

In einem ersten Schritt werden nun Probanden im Untersuchungsgebiet Leipzig über eine Onlineumfrage ausgewählt. Die Projektpartner streben eine bevölkerungsrepräsentative Test-Gruppe von mindestens 200 Radfahrern an. Anschließend werden die Sensoren in Form eines Rücklichts an die Teilnehmer verteilt.
Mehrere Wochen lang wird dann getestet und werden Daten gesammelt. „In der Feldphase führt jede Testperson den Sensor auf den alltäglichen Radfahrwegen mit und zeichnet dabei automatisch die seitlichen Überholabstände der vorbeifahrenden Kraftfahrzeuge auf“, erklärt Lelia König, CEO der Dashfactory GmbH.

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Die aufgezeichneten Daten werden im Anschluss mit Raumstrukturmerkmalen Leipzigs zusammengebracht und mit Feldbeobachtungen verglichen. „Damit wollen wir Parameter identifizieren, die ein zu enges Überholen begünstigen“, ergänzt Sven Lißner. Die Ergebnisdaten werden auf der Urban-Data-Plattform der Stadt Leipzig veröffentlicht. In Zukunft könnte die Stadt Leipzig somit erkennen, wo in ihrem Gebiet Problemstellen für Radfahrer bestehen und wie sich diese entschärfen lassen. Denn, so machen die Forscher deutlich, Kollisionen beim Überholen sind derzeit eine der Hauptursachen von Radverkehrsunfällen mit Personenschaden. (jam)

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