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Millionenspritze für Sachsens Flughäfen

Die Airports Dresden und Leipzig-Halle erhalten dieses Jahr gut 45 Millionen Euro – als Verlustausgleich von den Eignern und als Schadenersatz im ersten Lockdown.

Teures Stillleben: Im April zählte Dresdens Flughafen 25 Passagiere. Ein Jahr zuvor waren es 117.184.
Teures Stillleben: Im April zählte Dresdens Flughafen 25 Passagiere. Ein Jahr zuvor waren es 117.184. © Jürgen Lösel

Eine Impfung gegen das Virus ist die Millionenspritze für Sachsens Flughäfen nicht, eher eine Art Trostpflaster vom Steuerzahler. Nach SZ-Informationen bekommen die Airports Dresden und Leipzig-Halle in diesem Jahr mehr als 45 Millionen Euro von der öffentlichen Hand.

Demnach bewilligte der Aufsichtsrat der Mitteldeutschen Flughafen AG (MFAG) am Freitag in einer Videokonferenz 41,8 Millionen Euro als Verlustausgleich für beide Standorte – 15,5 Millionen Euro für Dresden-Klotzsche und 26,3 Millionen Euro für Leipzig, wo auch die Posttochter DHL ihr europäisches Drehkreuz hat. Die Gesamtsumme liegt weit über dem zuletzt üblichen Jahresminus von um die 30 Millionen Euro, das die Anteilseigner Sachsen, Sachsen-Anhalt, Leipzig, Dresden und Halle auszugleichen hatten. Wobei der Konzern betont, dass seine Kinder „operativ profitabel“ und die roten Zahlen nur Infrastruktur-Abschreibungen geschuldet seien.

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Außerdem erhalten die Airports einen Corona-Zuschuss: Leipzig 3,7 Millionen und Dresden 370.000 Euro. Die EU-Kommission hatte eine Beihilferegelung genehmigt, mit der Deutschland seine Flughäfen unterstützen darf – als Ausgleich für Schäden, die vom 4. März bis zum 30. Juni durch die Pandemie entstanden sind: Einnahmeausfälle bei Flugplatzentgelten, aus Mieten, Parken, Tanken und Werbung.

Wie die gesamte Branche sei auch die MFAG schwer durch Corona getroffen, heißt es auf SZ-Anfrage vom Konzern und: „Die durch die Pandemie bedingten Umsatzeinbußen werden sich in Gänze im Ergebnis des Jahres 2020 deutlich niederschlagen. Konkrete Zahlen können wir derzeit noch nicht nennen.“

„Natürlich werden wir die MFAG unterstützen, die Verluste zu verkraften, denn der Erhalt beider Flughäfen ist für den Freistaat allein schon aus volkswirtschaftlicher Sicht wichtig“, versprach Sachsens Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) im September. Tausende Jobs seien direkt oder indirekt betroffen. Für andere Branchen hatte er Zuschüsse vom Land ausgeschlossen.

In der ersten Corona-Welle war der Verkehr an den deutschen Flugplätzen im April um 98 Prozent eingebrochen, der Verkehr von und nach Sachsen zeitweise auf Transporte von Kranken und Erntehelfern, Fracht- und Rückholflüge reduziert. Die Einnahmen der Airports brachen ein, ihre Fixkosten für die Infrastruktur blieben.

Flugverkehr braucht Jahre für Erholung

Nur beim Frachtumschlag verzeichnet Leipzig-Halle, Europas fünftgrößtes Frachtkreuz und als einer der drei deutschen Flughäfen für den Umschlag des Corona-Impfstoffs zertifiziert, ein Plus. Der von Amazon & Co getriebene Onlinehandel pusht das Frachtgeschäft in der Luft und macht die Situation für die MFAG erträglich. Paderborn-Lippstadt meldete indes Insolvenz an. In Dresden wurden bis Ende November 381.500 Passagiere gezählt, ein Minus von 74 Prozent zur gleichen Vorjahreszeit. Leipzig beklagt mit 531.000 Reisenden gar einen Rückgang von 79 Prozent.

Luftfahrtexperten erwarten, dass es mindestens fünf Jahre braucht, bis sich der Passagierverkehr auf das Niveau von 2019 erholt. Nach der Finanzkrise 2008 hatte es bis 2015 gedauert, ehe in Europa wieder so viele Flieger unterwegs waren wie zuvor. Laut Branchenverband ADV müssen die deutschen Flughäfen in diesem und im nächsten Jahr einen Verlust von drei Milliarden Euro verkraften, ist rund ein Viertel der 180.000 unmittelbaren Jobs bedroht.

Frühestens im Sommer – eher im Tourismus- als im Businessgeschäft und auf der Mittelstrecke früher als auf der Langstrecke – könnte es eine leichte Erholung geben, heißt es. Vorausgesetzt, es wird schnell und massenhaft geimpft. Reisende müssen sich aber mit einem ausgedünnten Netz begnügen, und viele Ziele werden nur mit Umstieg erreichbar sein.

Umweltschützer kritisieren regionale Flughäfen

Laut ADV beträgt das Passagieraufkommen derzeit nur gut zehn Prozent des Vorjahreswerts. Die Lage verschärfe sich von Tag zu Tag. Die Flughäfen seien auf nicht rückzahlbare Zuschüsse angewiesen. Tatsächlich will der Bund dort, wo er Miteigentümer ist, nachlegen: in Berlin, München, Köln-Bonn. Eine Milliarde Euro sind im Gespräch, in die man sich mit den dortigen Ländern und Kommunen teilen wolle.

Umweltschützer kritisieren Staatshilfen als klimaschädliche Geldverschwendung. Gerade Regionalflughäfen zeigten „die Absurdität des Fliegens“, heißt es von der Umweltorganisation BUND. Von Dresden-Klotzsche, ab 2022 von Lotsen aus Leipzig ferngesteuert, hoben schon vor Corona weniger Passagiere ab als 25 Jahre zuvor vom alten Terminal. Laut BUND punkte der Airport nur dank guter Anbindung an große Drehkreuze. Adressen wie Erfurt oder Rostock müssten hingegen dichtmachen.

Auch das Leipziger Netzwerk gegen Fluglärm hält die Millionenspritze für „unbegründet“. Die Bürgerinitiative verweist auf das – dank Corona – gestiegene Frachtgeschäft von DHL und anderen. Dass der Freistaat nicht an deren Millionengewinnen partizipiere, liege an den Landeentgelten, die in Leipzig kaum ein Siebtel derer in Frankfurt betrügen – zulasten von Umwelt und Gesundheit der Anwohner.

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