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Radprofessorin will Tempo 30 in allen Städten

Jana Kühl, erste Radprofessorin Deutschlands, spricht im Interview über die Zukunft auf der Straße, E-Bike-Pendler und das Vorbild Holland.

Mehr Radverkehr braucht auch
mehr Platz. Das schmeckt vielen Autofahrern gar nicht – sie fühlen sich ausgebremst.
Mehr Radverkehr braucht auch mehr Platz. Das schmeckt vielen Autofahrern gar nicht – sie fühlen sich ausgebremst. © dpa/Robert Michael

Keine Staus, keine Parkplatzsuche – aus Sicht von Jana Kühl haben Berufspendler viele Vorteile, wenn sie vom Auto aufs Rad umsteigen. Wie Fahrräder als Verkehrsmittel an Bedeutung gewinnen können und welche Bedingungen dafür geschaffen werden müssen, erforscht die 36-jährige Mobilitätsexpertin in einer besonderen Position – sie hat seit 2020 die deutschlandweit erste Professur für Radverkehrsmanagement inne.

Frau Kühl, wie viele Feinde haben Sie sich schon gemacht, seit Sie die erste Radprofessur Deutschlands übernommen haben?

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Ich habe aufgehört, unsachliche Kommentare zu lesen, weil das auch an die Substanz geht. Allein die Radprofessur ist eine Provokation. Das Rad, auch der Fußverkehr, bekommen allmählich eine stärkere Position in der Verkehrsplanung – und in der Folge mehr Platz. Das ist für viele eine Erschütterung, weil sich bisher alles um Autos drehte, das Leitbild die autogerechte Stadt war. Jetzt wird daran gerüttelt.

Sie selbst fahren mit dem Rad neun Kilometer zum Büro. Was muten Sie Leuten zu?

Ich bin nicht übermäßig sportlich. Aber wenn man sich regelmäßig bewegt, sind neun Kilometer nicht schwer. Die Bewegung ist zudem gut für die eigene Gesundheit. Natürlich ist es unterschiedlich, was sich jeder zutraut und kann. Aber fünf Kilometer mit dem Fahrrad sind für eine gesunde Person eigentlich nie ein Problem. Wenn man Auto, Bahn, Rad vergleicht, dann ist das Rad gerade in der Stadt meist schneller. Bei einer Distanz von etwa zehn bis 15 Kilometern kann auch das E-Bike gut sein. Keine Staus, keine Parkplatzsuche. Am umweltverträglichsten ist es sowieso.

Jana Kühl (36) ist Geografin und Professorin für Radverkehrsmanagement an der Ostfalia-Hochschule in Salzgitter.
Jana Kühl (36) ist Geografin und Professorin für Radverkehrsmanagement an der Ostfalia-Hochschule in Salzgitter. © Ostfalia/M. Nickel

Noch bricht der Pkw-Bestand Rekord für Rekord, derzeit sind es 48 Millionen.

Das zeigt sehr gut, wo wir in der Verkehrswende stehen.

Wer macht es besser?

Große europäische Städte denken um. Barcelona hat sogenannte Superblocks eingerichtet. Der Slogan war: „Lasst uns die Straßen mit Leben erfüllen.“ Da geht es um vier bis neun Häuserblöcke. Die Autos dürfen zwar reinfahren, sind dort aber nur zu Gast. Eigentlich werden sie außenrum geleitet. Paris hat beide Uferstraßen an der Seine für Autos gesperrt und für Fußgänger und Radfahrer geöffnet. Aber natürlich muss man immer auch noch zur Arbeit kommen können. Mit ein bisschen Flexibilität funktioniert das auch. Manchmal sind es nur ein paar Schritte mehr, die zu gehen sind, weil der Parkplatz verlegt wurde. Konflikte darf man allerdings auch nicht ignorieren, da müssen Alternativen entwickelt werden, sonst fühlen sich die Leute vor den Kopf gestoßen.

Warum ist das alles so emotional?

Radfahrende haben wenig Schutz, kein Blech, keine Hülle rundherum. Gleichzeitig fehlen Radwege oder sie enden unverhofft. Radfahrende müssen von vornherein um ihren Platz auf der Straße kämpfen. Zumindest theoretisch. Das scheint aber schon zu reichen, um beim Gegenüber das Gleiche auszulösen: Ich muss meinen Platz verteidigen und möchte nicht durch lästige Fahrräder ausgebremst werden. Autofahrer fühlen sich angegriffen, die Radfahrenden kommen scheinbar von überall her, brauchen Aufmerksamkeit. Das sorgt für Stress. Es wird ruppig. Das wird sich nicht legen, solange Radfahrende nicht ihren geschützten Platz auf der Straße haben, möglichst abgetrennt von den Autos.

Wie lassen sich Konflikte sonst noch entschärfen?

Sie gleichen die Geschwindigkeit von Auto- und Radverkehr an.

Sie wollen in Städten Tempo 30?

In verdichteten Innenstadtgebieten ergibt das absolut Sinn. Es erhöht die Verkehrssicherheit für alle. Sie haben dann mehr Zeit, in heiklen Situationen zu reagieren. Alles spricht für Tempo 30. Außer dem allgemeinen Selbstverständnis, dass Autos überall freie Fahrt haben sollen. Die Autos haben weniger Stop-and-go-Phasen, der Verkehrsfluss ist besser, es staut sich seltener. Paris macht das jetzt. In Deutschland ist Tempo 30 nach der Straßenverkehrsordnung aber nur an sensiblen Orten möglich, etwa an Krankenhäusern, Schulen oder Kitas.

Wie lange dauert es, einen Radweg zu bauen?

Fünf bis zehn Jahre. Viel Zeit wird mit Grundsatzdebatten vergeudet, mit der Frage, ob es überhaupt notwendig ist, an dieser oder jener Straße einen Radweg zu bauen. Das kann man sich sparen. Bauen oder sanieren wir eine Straße, bauen wir einen Radweg. Das muss der Standard sein. Alles andere überlastet die Zuständigen in den Verwaltungen, die oft ganz viel machen müssen. Da läuft der Radverkehr oft nur nebenbei. Wer vorankommen will, braucht extra Personalstellen und Experten für Radverkehr, die sich explizit dem Radverkehr widmen können.

Die Niederlande geben für den Radverkehr etwa 30 Euro pro Kopf und Jahr aus, in Deutschland sind es elf Euro.

Das ist besser als nichts, aber man sieht in Holland auch, was möglich ist. Die Autoinfrastruktur war und ist zudem um ein Vielfaches teurer ...

... die Verlängerung der Stadtautobahn A 100 in Berlin – 3,2 Kilometer – kostet 700 Millionen Euro.

Das ist sehr grob überschlagen mehr als 200-mal so viel, wie für einen gut ausgebauten Radschnellweg gleicher Länge gezahlt werden müsste.

Und wenn erst einmal die Radwege saniert werden, die schon da sind?

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In den Niederlanden werden zum Beispiel Wurzelaufbrüche auf Radwegen regelmäßig repariert. Das ist dann nicht perfekt, aber es reduziert die Sturzgefahr. Reinigung und Winterdienst sind ebenfalls zentral. Damit wäre schon was getan. Die nächste Bundesregierung müsste aber auch für mehr Verbindlichkeit sorgen, dass sich auf der Straße wirklich etwas verändert. Es wäre ein Anfang, müssten alle Städte einen Plan vorlegen, wie sie den Radverkehr voranbringen.

  • Das Gespräch führte Hanna Gersmann.

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