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Männer, die auf Autos starren

Es sieht aus wie der ödeste Job der Welt. Aber Ralf und Olaf sind gern Verkehrszähler, auch auf der Pirnaer Sachsenbrücke.

Am Drücker: Ralf Grahl (vorn) und Olaf Sietschka sind zwei der bis zu 600 pro Tag im Freistaat eingesetzten Verkehrszähler. Hier ist ihr Arbeitsort die Sachsenbrücke in Pirna.
Am Drücker: Ralf Grahl (vorn) und Olaf Sietschka sind zwei der bis zu 600 pro Tag im Freistaat eingesetzten Verkehrszähler. Hier ist ihr Arbeitsort die Sachsenbrücke in Pirna. © Daniel Schäfer

Noch einen Zug aus der Elektrozigarette, dann greift Olaf seine sieben Sachen und beginnt, die schmalen Betonstufen zu erklimmen. "Wir machen es uns jetzt gemütlich", erklärt er. Der Krautwuchs auf der Stiege zeigt an: Hier geht nur selten jemand. Über Pirnas Sachsenbrücke wird in der Regel nicht gelaufen, sondern gefahren. Genau deshalb muss Olaf jetzt da hoch, und er wird drei Stunden lang nicht wieder runterkommen.

Es ist Verkehrszählung im Land. Seit April wird bundesweit an etwa 40.000 Punkten erfasst, wie viele Kraftfahrzeuge und Fahrräder dort vorbeikommen. Aus den Zahlen werden die DTVs berechnet, die durchschnittlichen täglichen Verkehrsstärken. Sie sind das Brot aller Fachleute, die am deutschen Straßennetz stricken.

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Das Profil: pünktlich, akkurat, flexibel

Gezählt wird einerseits automatisch, durch elektronische Dauerzählstellen, andererseits manuell. Mit gut 100 Dauerzählern sind die Automaten in Sachsen deutlich in der Unterzahl. 1.660 Zählstellen werden von Menschen besetzt. Olaf Sietschka ist heute mit seinem Kollegen Ralf Grahl für Zählstelle 5049 1210 eingeteilt. Das ist das Nordende der Sachsenbrücke. Ein gelbes Kreuz, auf den Boden unter der Leitplanke gesprüht, zeigt an, wo sie ihre Klappstühle aufstellen sollen.

Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge wird an etwa 120 Stellen der Verkehr gezählt. Sie sind mit solchen gelben Kreuzen markiert.
Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge wird an etwa 120 Stellen der Verkehr gezählt. Sie sind mit solchen gelben Kreuzen markiert. © Daniel Schäfer

Verkehrszähler müssen pünktlich sein, akkurat, und vor allem flexibel. Einsätze gibt es am Morgen und am Nachmittag, werktags, sonntags, auch in den Ferien, so wie heute. An einer Zählstelle der A-Kategorie, die mehr als 7.000 Kraftfahrzeuge täglich passieren, und zu der auch die Sachsenbrücke gehört, sind an acht verschiedenen Tagen 28 Zählstunden zu leisten.

Kaffee, Limo und Erdnussbutterbrötchen

Für die zwei Männer ist flexibel sein kein Problem. Olaf hat bei den Dresdner Verkehrsbetrieben ein Arbeitsleben lang Busse und Bahnen gelenkt, auf allen Linien. Jetzt ist er "Frischrentner", wie er sagt. Ralf, gelernter Anlagenmonteur und Bankkaufmann, dann Makler, ist selbstständiger Berater. Durch Corona wurden die Kunden rar. So hat er sich gern zum Verkehr zählen anheuern lassen. Er war schon 2015 dabei. "Es ist leicht verdientes Geld."

Olaf Sietschka (l.) und Ralf Grahl im Zähleinsatz. Zur letzten Erhebung 2015 passierten über 18.000 Fahrzeuge täglich die Sachsenbrücke.
Olaf Sietschka (l.) und Ralf Grahl im Zähleinsatz. Zur letzten Erhebung 2015 passierten über 18.000 Fahrzeuge täglich die Sachsenbrücke. © Daniel Schäfer

Die Zählung hat der Bundesverkehrsminister in Auftrag gegeben. Gesteuert wird die Aktion von der Bundesanstalt für Straßenwesen mithilfe der Länderbehörden, in Sachsen das Landesamt für Straßenbau und Verkehr, kurz Lasuv. Das Lasuv wiederum hat eine Verkehrsplanungsfirma, die Dresdner PTV Transport Consult, mit der Ausführung betraut. Ein Personaldienstleister besorgt die Manpower. An Tagen wie diesen kommen rund 300 sächsische Zähler zum Einsatz. Zu Spitzenzeiten sind es fast 700.

Olaf und Ralf richten sich in ihren Klappsesseln ein. Limo, Kaffee und Brötchen mit Erdnussbutter sind in Reichweite. Das Wichtigste: die Klemmbretter und die Handzählgeräte. Und die Stifte. Olaf hat sich extra einen Kuli mit Drucklufttechnik beschafft. Outdoortauglich. Schreibt auch bei Staub und Nässe, sogar über Kopf. "Der fetzt."

So sieht das Zählprotokoll aus. An größeren Zählstellen sprechen sich die Zähler ab, wer welchen Fahrzeugtyp erfasst.
So sieht das Zählprotokoll aus. An größeren Zählstellen sprechen sich die Zähler ab, wer welchen Fahrzeugtyp erfasst. © Daniel Schäfer

Das Protokoll mit einem knappen Dutzend Fahrzeugsilhouetten wirkt kompliziert. Doch es herrscht Arbeitsteilung. Der eine zählt die Autos und die Motorräder, der andere die Laster und die Busse. Was am häufigsten kommt - Autos und Lastzüge - wird elektronisch, per Drücker am Finger, erfasst. Was übrig bleibt, bildet auf der Strichliste die "Gartenzäune".

Verkehrslast: Sachsenbrücke unter den Top 10

Drei Stunden sitzen, vielleicht auch mal stehen, jedenfalls hier sein, in den Verkehr schauen. Ist das nicht sterbenslangweilig? Nein, sagt Ralf, jedenfalls nicht, wenn der Verkehr rollt. Letztes Mal hat er hier um die 800 Autos je Stunde gezählt. Da vergeht die Zeit schnell. Schlimm ist es auf einsamen Landstraßen, wie neulich, irgendwo bei Dipps, als bloß zwanzig Wagen in der Stunde vorbeifuhren. "Da hast du zu tun, dass du nicht einschläfst."

Die häufigsten Fahrzeugarten werden mit diesen digitalen Zählgeräten erfasst, die Zahlen dann stundenweise ins Protokoll übertragen.
Die häufigsten Fahrzeugarten werden mit diesen digitalen Zählgeräten erfasst, die Zahlen dann stundenweise ins Protokoll übertragen. © Daniel Schäfer

15 Uhr. Start der Zählung. Konzentriert schauen Ralf und Olaf in den Verkehrsstrom auf Sachsens längster Straßenbrücke. Sie trägt die Staatsstraße S177, Ost-Bypass Dresdens, außerdem Bindeglied zwischen den Autobahnen A4 und A17. Die Verkehrszählung 2015 ergab hier eine durchschnittliche tägliche Verkehrsstärke von gut 18.000 Fahrzeugen. Damit schaffte es dieser Punkt unter die Top 10 der etwa 120 Zählstellen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

Der Verkehr ist heute mäßig. Typisch Ferienzeit. 800 Autos die Stunde, das sieht Ralf jetzt schon, werden nicht zusammen kommen. Der Lärm ist trotzdem enorm. Genau vor den Campingstühlen des Duos teilt eine Dehnungsfuge die Fahrbahn. Immer wenn ein Wagen über die Lamellen rauscht, rattert es, als würde ein Maschinengewehr abgefeuert.

Auftraggeber und Dienstleister: Franz Grossmann vom Landesamt für Straßenbau und Verkehr berät sich mit Birgit Uhlig von PTV Transport Consult.
Auftraggeber und Dienstleister: Franz Grossmann vom Landesamt für Straßenbau und Verkehr berät sich mit Birgit Uhlig von PTV Transport Consult. © Daniel Schäfer

Auf die Frage, wie er den Krawall aushält, grinst Olaf. Er nestelt ein Hörgerät aus dem Ohr. Das kann er ja einfach leise drehen, sagt er. Ralf findet die Lautstärke erträglich. Immerhin sind ein paar Meter Platz zum Verkehr. Drüben, in Pirnas Altstadt, an der Auffahrt zum Sonnenstein, da sind ihm die Autos genau vor der Nase vorbeigefahren, an einem Sonntag voller Ausflügler. Nach Feierabend sei er kaum noch ansprechbar gewesen. Hat jedenfalls seine Frau gesagt. "Das war extrem."

Warum nicht an allen Stellen Automaten einsetzen? Gesprochen wird darüber schon länger, sagt Birgit Uhlig, Verkehrsplanerin beim Dienstleister PTV. Doch offenbar stünde noch nicht genug geeignete und zertifizierte Technik dafür zur Verfügung. Am effektivsten und genausten sei immer noch der Mensch. "Und auf die Genauigkeit kommt es an."

Hier war bei den letzten beiden Zählungen am meisten Verkehr im Landkreis.
Hier war bei den letzten beiden Zählungen am meisten Verkehr im Landkreis. © SZ Grafik

Ob akkurat gezählt wird, prüfen die Fachleute von PTV, indem sie die ankommenden Protokolle unter die Lupe nehmen, die Art und Weise des Ausfüllens bewerten. Sind die Daten ins Web-Portal eingegeben, folgt eine Plausibilitätskontrolle durch Vergleich mit früheren Daten, auch was die Relationen zwischen den einzelnen Verkehrsarten betrifft. Wer Fantasie-Ergebnisse in seine Listen schreibt, kommt damit nicht durch, sagt Ingenieurin Uhlig.

Die zwei auf der Sachsenbrücke haben schummeln nicht nötig. Sie machen den Job gern. Es sei noch nie vorgekommen, sagt Ralf, dass er mal keine Lust auf die Arbeit gehabt hätte. Nur eins ist ihm wichtig. "Bitte, bitte kein Regen." Da muss er auf den Allerhöchsten vertrauen. Denn gezählt, so ist die Regel, wird bei jedem Wetter.

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