merken
PLUS Leben und Stil

Wie oft hat dieser Blitzer falsch gemessen?

Das Gerät Leivtec XV3 wurde jetzt vielerorts in Sachsen aus dem Verkehr gezogen. Geblitzte Autofahrer können hoffen.

Corpus Delicti: Am 12. März hat Hersteller Leivtec Kunden auf „auffällige Messwerte“ hingewiesen.
Corpus Delicti: Am 12. März hat Hersteller Leivtec Kunden auf „auffällige Messwerte“ hingewiesen. © Eibner Pressefoto/Picture Alliance

Zweifel an der Messgenauigkeit des mobilen Blitzers XV3 gab es schon länger, jetzt kommt es zu einer spektakulären Wendung. In einer Mail hat die deutsche Firma Leivtec ihre Kunden gebeten, „von weiteren amtlichen Messungen vorerst Abstand zu nehmen“. Der Fall ist deshalb brisant, weil die besagte Anlage hierzulande über Jahre als eine der beweissichersten galt. In Sachsen gehört das Modell XV3 in zahlreichen Städten und Landkreisen zum Bestand, wird aber auch von mehreren Polizeidirektionen eingesetzt. Wie viele geblitzte Autofahrer in Deutschland durch abweichende Werte benachteiligt oder gar zu Unrecht bestraft worden sind, lässt sich derzeit nicht abschätzen.

Dass die Messwerte der Leivtec-Anlage unter besonderen Konstellationen fehlerhaft sein können, sei unter anderem bei Versuchsreihen des Instituts für Qualitätssicherung in der Verkehrsmesstechnik im August und Oktober 2020 gezeigt worden, sagt Dieter Rachel aus Riesa. Der öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige arbeitet für ein Ingenieurbüro, das an den Versuchen beteiligt gewesen ist. Laienhaft ausgedrückt sind die dubiosen Werte durch einen sogenannten Stufensprung zustande gekommen. Dabei springt der Laserstrahl von einer Reflektorfläche am Auto zur anderen – „beispielsweise vom Scheinwerfer zum Kennzeichen“, erklärt Rachel. Je nachdem, wie sich die erfasste Wegstrecke verkürzt oder verlängert, ergeben sich andere Geschwindigkeitswerte. Im Prüfszenario seien Messabweichungen von bis zu 16 Stundenkilometer dokumentiert worden, so Rachel.

TOP Reisen
TOP Reisen
TOP Reisen

Auf ins Weite, ab in die Erholung! Unsere Top Reisen der Woche auf sächsische.de!

Auch durch eine zwischenzeitliche Ergänzung der Betriebsanleitung konnte Leivtec die Probleme nicht komplett aus der Welt schaffen. Inzwischen hat die Zulassungsbehörde, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig, eigene Versuche an der an der nationalen Referenzanlage angekündigt. Wann die Ergebnisse veröffentlicht werden, ist bisher nicht bekannt. Man arbeite mit Hochdruck, sagt Robert Wynands, Leiter des Fachbereiches Geschwindigkeit der PTB.

Wichtig sei, in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass das Gerät nicht grundsätzlich falsch messe, sagt Rachel. „Auch die Zulassung durch die PTB wurde nicht entzogen.“ Theoretisch könnten die Verkehrsüberwacher die XV3 also auch weiterhin benutzen.

Tagsüber wird meist ohne Blitzlicht gemessen

Was aber in der Praxis kaum jemand tun dürfte. Eine Nachfrage der SZ bei Kommunen und Landkreisen ergab, dass die meisten der Herstellerempfehlung zu folgen scheinen und den mobilen Blitzer in die Ecke gestellt haben. Die Landeshauptstadt Dresden etwa verzichtet seit 15. März auf Geschwindigkeitsmessungen mit diesem Gerätetyp. „Laufende Bußgeldverfahren, bei denen mit der Leivtec XV3 gemessen worden ist, ruhen derzeit“, sagt eine Rathaussprecherin. „Es werden keine Verwarnungen oder Anhörungsbögen verschickt und keine Bußgeldbescheide erlassen.“ Auch die Landkreise, Görlitz, Sächsische-Schweiz-Osterzgebirge und der Erzgebirgskreis bestätigen den Blitzer-Stopp seit Mitte März.

In den Polizeidirektionen seien zwölf Systeme des betroffenen Typs im Bestand, momentan jedoch keines davon in Benutzung, sagt Pascal Ziehm von der Stabsstelle Kommunikation im Innenministerium. Das Landratsamt Mittelsachsen erklärt, die Thematik sei bekannt und werde „bei der Auswahl und dem Einsatz unserer mobilen Messtechnik berücksichtigt“. In Döbeln setzt die Stadtverwaltung die XV3 laut eigener Auskunft vorerst nur zur Überwachung von Fahr- und Einfahrverboten im fließenden Verkehr ein. Damit scheint die Mehrheit der sächsischen Gebietskörperschaften einer Forderung des ADAC zu folgen, keine weiteren Messungen durchzuführen und alle offenen Verfahren von Amts wegen ruhend zu stellen, bis die PTB ihre Ergebnisse vorgelegt hat.

Bundesweit seien etwa 550 Infrarot-Laser-Anlagen des fraglichen Typs im Einsatz, sagt Leivtec-Chef Manfred Borsch. Er hoffe auf ein baldiges Ende der behördlichen Tests und ein entlastendes Ergebnis.

Unter Experten unstrittig ist, dass das mehrere zehntausend Euro teure Gerät anwenderfreundlich und dank der kompakten Bauweise für Kraftfahrer kaum zu entdecken ist. Auch den berühmt-berüchtigten VW Caddy am Straßenrand brauche es nicht mehr. „Die Verantwortlichen können das Ding mit einer Klemme an einem Baum befestigen“, sagt Rachel. Oft ist nicht mal Blitzlicht für die hochauflösenden Aufnahmen nötig. Als Beweismittel gespeichert werden zwei Aufnahmen, eine am Anfang und eine am Ende des Messvorgangs. An Autobahnen komme andere Technik zum Einsatz, sagt der Görlitzer Verkehrsrechtsanwalt Robby Marek.

Weiterführende Artikel

„Verfahren sollten eingestellt werden“

„Verfahren sollten eingestellt werden“

Der Dresdner Verkehrsrechtsanwalt Christian Janeczek über die Chancen geblitzter Autofahrer, gegen Bußgeldbescheide vorzugehen.

Wer momentan in einem Bußgeldverfahren steckt, dem eine Messung mit einer XV3 zugrunde liegt, sollte sich anwaltliche Hilfe organisieren, empfiehlt der ADAC. Selbst bei schon abgeschlossenen Verfahren bestehe noch ein wenig Hoffnung. „Die rechtlichen Hürden für ein Wiederaufnahmeverfahren sind allerdings recht hoch“, sagt Marek. „Letztlich ist es immer eine Einzelfallentscheidung.“

Mehr zum Thema Leben und Stil