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Neue Vergütung soll unnötige OPs verhindern

Krankenkassen fordern eine Reform der Krankenhaus-Finanzierung. Qualität soll eine größere Rolle spielen.

Der Patient und nicht die Fallpauschale muss zählen.
Der Patient und nicht die Fallpauschale muss zählen. © dpa/Sven Hoppe

Diese verfluchten Rückenschmerzen – kaum zum Aushalten! Am Ende des Leidensweges steht dann meist die Frage: Operieren oder nicht? Ärzte raten hierzulande in der Regel zum Eingriff, und das spiegelt sich auch in der Statistik wider: „Immer mehr Patienten mit Rückenbeschwerden kommen ins Krankenhaus“, stellte die Bertelsmann Stiftung in ihrem Faktencheck Gesundheit bereits 2017 fest. Der Münchner Orthopäde und Buchautor Dr. Martin Marianowicz spricht sogar von einer „Operationswut“.

Gesundheitsexperten sind sich seit Langem einig, dass viele dieser Eingriffe überflüssig sind. Krankenkassen bestärken daher ihre Versicherten zunehmend, sich vor der Entscheidung zu größeren Operationen eine Zweitmeinung einzuholen. Zum Beispiel die Techniker Krankenkasse (TK): Hier können Versicherte mit einer Krankenhauseinweisung für eine Rücken-OP bei spezialisierten Schmerzzentren überprüfen lassen, ob der Eingriff wirklich notwendig ist. In der Mehrzahl führe dies zu einem Umdenken, sagt Thomas Ballast, Vize-Vorstand der TK: „Unsere Auswertungen zeigen, dass acht von zehn Rückenoperationen dauerhaft unnötig sind.“

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Zwei Ärzte, zwei Meinungen – wie kann das sein? Die Wurzel des Übels liegt offenbar im Geld. Die TK stellte am Dienstag eine Studie vor, die sich mit der Finanzierung der Krankenhäuser beschäftigt. Wesentlicher Bestandteil ist dabei die Vergütung in Form von Fallpauschalen. Das Prinzip: „Gleiche Leistung zum gleichen Preis.“ Damit würden die spezifischen Vorhaltekosten oder strukturbedingten Aufwende einer Klinik aber nur unzureichend finanziert, konstatierte Ballast.

Die Folge: Krankenhäuser sind praktisch gezwungen, ihre Strukturen aus anderen Quellen zu finanzieren. Und das passiert mit der Steigerung der OP-Zahlen. Eingriffe am Bewegungsapparat sind dabei keine Ausnahme. Auch bei Mandel-, Blinddarm- und Gebärmutterentfernungen sowie beim Setzen von Herz-Stents liegen die deutschen Zahlen im europäischen Vergleich an der Spitze. Und nicht nur da. 

Zu viele Krankenhäuser?

Auch bei der Krankenhausdichte liegt Deutschland im internationalen Vergleich weit vorn. In der Bundesrepublik gibt es gut 1.900 Krankenhäuser – zu viele, insbesondere in den alten Bundesländern, wie immer wieder moniert wird. Was auf den ersten Blick schön für den Patienten ist, kann sich aber auch zu seinem Nachteil wandeln. Denn Vergleiche weisen immer wieder nach, dass eine größere Zahl an Eingriffen und damit an Erfahrungen mit einer höheren Qualität einhergeht. Im Zweifel lohnt sich also der Weg zu einem Zentrum, auch wenn er weiter als bis zum örtlichen Krankenhaus ist.

Studienautor Professor Jonas Schreyögg von der Uni Hamburg, der auch Mitglied im Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen ist, stellt das Fallpauschalensystem nicht grundsätzlich infrage. Die Notwendigkeit einer Reform sei aber Konsens, heißt es. Schreyögg schlägt ein Vergütungssystem vor, das sich aus verschiedenen Modulen zusammensetzt und in ein Gesamtbudget pro Krankenhaus mündet. Neben den Fallpauschalen solle es auch ein Budget für Vorhaltekosten geben, also für jene Kosten, die mit der Bereitstellung von Kapazitäten, Personal und Material in Verbindung stehen. Nach Ansicht von Ballast müsse der Gesetzgeber verbindlich festlegen, welche Ausstattung ein Krankenhaus für eine bestimmte Leistung haben muss.

Krankenhaustag Sachsen verschoben

Außerdem bemängelt die Studie, dass die Qualität derzeit nicht ausreichend relevant für die Vergütung von Krankenhausleistungen sei. „Damit werden solche Krankenhäuser im Wettbewerb benachteiligt, die höhere Ressourcen aufwenden, um eine qualitativ hochwertige Leistungserbringung sicherzustellen.“ Zwar hatte der Bundestag bereits vor fünf Jahren die Einführung von Zu- und Abschlägen für bestimmte Qualitätsmerkmale beschlossen. Bis heute sei man aber davon weit entfernt.

Auch die Krankenhausgesellschaft Sachsen spricht sich für eine Reform der Krankenhausfinanzierung aus – und dabei insbesondere „für eine stärkere Berücksichtigung der Vorhaltung in sinnvoller Verbindung mit einem Leistungs- und Qualitätsbezug“, sagt Geschäftsführer Stephan Helm.

Auch in einem anderen Punkt sind sich Wissenschaftler, Kasse und Krankenhäuser offenbar einig: Die Bundesländer müssen mehr Geld für Krankenhausinvestitionen bereitstellen. Sachsen hat seine Förderung inzwischen zwar aufgestockt, ist aber noch weit von der Summe entfernt, die die Krankenhausgesellschaft fordert.

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Von der Politik haben die Krankenhäuser in Deutschland zuletzt viel Lob für die Bewältigung der Corona-Pandemie erhalten. Hier widerspricht Schreyögg: „Der deutsche Krankenhaussektor wäre mit einer hohen Patientenzahl aufgrund des Personalmangels an seine Grenzen gestoßen.“

Dass Deutschland bisher so glimpflich davongekommen sei, habe man vor allem der Teststrategie und dem „ambulanten Schutzwall“ zu verdanken. Die Erfahrungen mit der Pandemie bestätigten die Dringlichkeit eines neuen Vergütungssystems im stationären Sektor.

Die Vertreter der sächsischen Kliniken wollten auf ihrem Krankenhaustag in der kommenden Woche über die Erfahrungen und Konsequenzen aus der Pandemie beraten. Daraus wird nun nichts: Wegen Corona wurde der Kongress abgesagt. „In Verantwortung für die weitere Arbeits- und Leistungsfähigkeit der sächsischen Krankenhäuser“ wolle man deren Führungskräfte keinem unnötigen Risiko aussetzen.

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