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Sachsen: Krankenkassen decken Millionen-Betrug auf

Luftrezepte und überhöhte Rechnungen sorgen für enormen Schaden. Aber auch Versicherte sind nicht immer ehrlich.

Luftrezepte, überhöhte Abrechnungen, Therapien ohne Zulassung verursachten in 2020 einen Schaden von rund vier Millionen Euro.
Luftrezepte, überhöhte Abrechnungen, Therapien ohne Zulassung verursachten in 2020 einen Schaden von rund vier Millionen Euro. © Sebastian Gollnow/dpa

Dresden. Ein Orthopäde und eine Gruppe von Physiotherapeuten stehen unter Verdacht, die gesetzlichen Krankenkassen in Sachsen um über 2,5 Millionen Euro betrogen zu haben. Der Vorwurf: Der Mediziner soll über Jahre sogenannte Luftrezepte verschrieben haben. Die Therapeuten rechneten diese Leistungen dann bei den Kassen ab, ohne einen Finger gerührt zu haben. Die Staatsanwaltschaft Dresden hat inzwischen Anklage erhoben.

Luftrezepte, überhöhte Abrechnungen, Therapien ohne Zulassung: Auf rund vier Millionen Euro summiert sich der Schaden, den die gesetzlichen Krankenkassen im vergangenen Jahr dabei aufgedeckt haben. Das teilte der Verband der Ersatzkassen (vdek) auf Anfrage der Sächsischen Zeitung mit. „Abrechnungsbetrug ist kein Kavaliersdelikt, sondern geht zu Lasten der Versicherten und der ehrlichen Leistungserbringer“, sagt Silke Heinke, Leiterin der vdek-Landesvertretung.

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Gemeinsam gegen Betrug

Aufgeflogen ist auch ein Allgemeinmediziner, der nur eine kleine Menge Impfstoff eingekauft, den Kassen aber „mehrtausendfach“ das Verimpfen dieses Grippeimpfstoffs in Rechnung gestellt haben soll. Der Schaden: über 55.000 Euro. Etwa doppelt so viel kassierte ein professioneller Dienstleister ungerechtfertigt für Betreuungsleistungen von Alzheimerpatienten. Er rechnete hohe Pauschalbeträge ab, anstatt wie vorgeschrieben den zeitlichen Aufwand nachzuweisen.

Seit 2019 gehen die gesetzlichen Krankenkassen in Sachsen gemeinsam gegen Abrechnungsbetrug vor. Durch den Wissensaustausch erkenne man oft erst das ganze Ausmaß des Geschehens, sagte Heinke. Die gemeinsame Arbeitsgruppe habe vergangenes Jahr insgesamt 91 Fälle geprüft. Davon entfielen 46 Fälle auf Heil- und Hilfsmittelerbringer, 32 Fälle auf Pflegedienste und elf Fälle auf Ärzte und Zahnärzte. Bei Apotheken und Krankenhäusern ermittelte die Gruppe in je einem Fall.

Hohe Dunkelziffer

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC kommt in einer aktuellen Studie zu dem Ergebnis, dass „sowohl die Zahl der aufgedeckten Betrugsdelikte als auch die Schadenshöhe“ in den vergangenen Jahren enorm gestiegen ist. Dabei seien private Krankenversicherungen noch stärker betroffen. Die Dunkelziffer bewerteten sowohl gesetzliche als auch private Krankenversicherungen mit jeweils 84 Prozent als hoch oder sehr hoch.

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Während bei den gesetzlichen Krankenkassen die meisten Täter aus dem Umfeld der Pflege stammten, sind es bei den privaten laut PwC-Studie vor allem die Versicherten selbst. Die Allianz Deutschland teilte mit, dass man eine „strikte Nulltoleranz-Politik“ verfolge. Bei Betrug werde der Krankenversicherungsvertrag gekündigt.

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