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Wirtschaft

Von wegen gespalten

Vor 30 Jahren fand die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl statt. Was folgte, waren harte Jahre, doch der Glaube an die Einheit lebt. Ein Gastbeitrag.

Wahlkampf 1990 in Erfurt.
Wahlkampf 1990 in Erfurt. © dpa

Von Karl-Heinz Paqué

CDU/CSU 43,8 und FDP 11,0 Prozent – das Votum für die Bundesregierung und die Parteien, die sie trugen, fiel deutlich aus, und zwar gleichermaßen im Osten und im Westen. Es war auch ein klares Votum für eine Fortsetzung des Kurses in Richtung der Vollendung der Deutschen Einheit und eines zügigen Aufbaus Ost. SPD und Grüne, die daran Zweifel aufkommen ließen, wurden dafür bestraft.

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Was folgte, waren schwere Jahre. Die ostdeutsche Gesellschaft und Wirtschaft wurde radikal umgekrempelt: Neue Eliten übernahmen die Führung; Unternehmen und Betriebe wurden privatisiert; Verkehrs- und Kommunikationsnetze wurden erneuert; Verwaltung, Schulen und Universitäten wurden modernisiert; der Baubestand von Städten und Gemeinden wurde grundsaniert. Wie jede tiefe Transformation hinterließ auch dieser Prozess Gewinner und Verlierer.

Gewinner waren Millionen von vor allem jüngeren Menschen, die sehr schnell ihren neuen vielversprechenden Platz in der marktwirtschaftlichen Welt fanden – mit guten Löhnen und Berufsperspektiven, sei es im Osten oder im Westen; Verlierer waren vor allem Ältere, deren Arbeitsplätze verschwanden, ohne dass sie neue Jobs und Zukunftschancen fanden. Sie wurden zwar vom Sozialstaat aufgefangen oder mit auskömmlicher Rente frühpensioniert, aber ihr Selbstwertgefühl nahm zum Teil schweren Schaden. Es blieben Narben.

Waren diese Narben vermeidbar? Und haben sie langfristigen Schaden hinterlassen? Darüber wird heute noch intensiv gestritten. Klar ist allerdings nach 30 Jahren Deutscher Einheit, dass objektiv sehr viel erreicht wurde: 2019 lag die Wertschöpfung pro Erwerbstätigen im Osten bei 84 Prozent des Westens, das Lohnniveau sogar fast bei 90 Prozent. Die Abwanderung in den Westen ist seit 2012 praktisch gestoppt, der Grad der Unterbeschäftigung im Osten liegt nur noch leicht höher als im Westen, nachdem die Arbeitslosenquote 2005 noch 20 Prozent deutlich überschritt. Die ostdeutsche Industrie ist in die Weltmärkte integriert; sie arbeitet modern und effizient.

Karl-Heinz Paqué ist Vorstandsvorsitzender der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Er lehrt seit 1996 Volkswirtschaftslehre an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburgund ist Co-Autor des Buches „Gespaltene Nation? Einspruch! 30 Jahr
Karl-Heinz Paqué ist Vorstandsvorsitzender der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Er lehrt seit 1996 Volkswirtschaftslehre an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburgund ist Co-Autor des Buches „Gespaltene Nation? Einspruch! 30 Jahr © Claudia Hübschmann

All dies kann sich sehen lassen. Es ist eine große Leistung, auch im Vergleich zur Transformation von anderen mittel- und osteuropäischen Ländern, die gleichfalls eine sozialistische und planwirtschaftliche Vergangenheit haben. So liegen die Industrielöhne im benachbarten Tschechien, eine Industrieregion mit langer und starker Tradition, bei weniger als 45 Prozent des ostdeutschen Niveaus.

Also alles bestens und alle Ziele erreicht? Keineswegs. Strukturell verbleibt gegenüber dem Westen Deutschlands ein Rückstand in der industriellen Innovationskraft. Im Osten liegen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung als Anteil der Wertschöpfung nur etwa bei der Hälfte des Westniveaus; und was die Anmeldung von Patenten betrifft, klafft noch eine größere Lücke zwischen Ost und West. Das ist in einer Wissensgesellschaft gefährlich; daran muss auch politisch gearbeitet werden. Die Voraussetzungen dafür sind aber gut: eine dichte Hochschullandschaft, und mittendrin die junge Gründermetropole Berlin mit 3, 6 Millionen Einwohnern und drei großen Universitäten. Diese Landschaft muss gestärkt werden, vor allem mit Blick auf die Förderung der Gründerszene.

Ein wirtschaftliches Gefälle verbleibt auch zwischen städtischen und ländlichen Regionen: Während die meisten ostdeutschen Städte von Dresden, Leipzig und Chemnitz über Erfurt, Jena, Halle/Saale und Magdeburg bis nach Berlin, Potsdam und Rostock seit Jahren wieder wachsen, sieht es in entlegenen Landstrichen anders aus. Dieses Gefälle ist ein Problem, aber kein typisch ostdeutsches, denn es findet sich auch im Westen. Nur eine kluge Regionalpolitik, die sich um die Verkehrs- und Kommunikationsnetze auch in den Randgebieten kümmert, kann da helfen.

All dies sind lösbare Aufgaben und kein Grund zum Pessimismus. Tatsächlich ist die ostdeutsche Bevölkerung mit den Ergebnissen der Deutschen Einheit weit zufriedener, als manch kritischer Kommentar glauben lässt. Fragt man die Menschen in Ost und West nach ihrer subjektiven Lebenszufriedenheit – so geschehen im „Glücksatlas“ der Post von 2019 – so liegt der Osten nur ganz knapp hinter dem Westen. Und praktisch niemand sehnt sich nach der alten Welt der DDR zurück, auch wenn die Narben des Verlustes von Arbeitsplätzen durch die Privatisierung der frühen neunziger Jahre fortbestehen.

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