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Wir schauen, was hinter der Werbung steckt

Ob Haarfarben, Pizzen, Apps: Die Stiftung Warentest ruft Jugendliche wieder zum Test-Wettbewerb auf. Die Kreativität überrascht.

Welches Blau hält am besten? Das wollten Benjamin, Sofie, Jana und Rona (v.l.) aus Karlsruhe wissen. Mit ihrem Haartönungstest gewannen sie 2019 den Wettbewerb „Jugend testet“
Welches Blau hält am besten? Das wollten Benjamin, Sofie, Jana und Rona (v.l.) aus Karlsruhe wissen. Mit ihrem Haartönungstest gewannen sie 2019 den Wettbewerb „Jugend testet“ © Stiftung Warentest

Mit guten Textmarkern lassen sich mehr als zehn DIN-A4-Seiten bemalen, mit schlechten gerade mal eine. Nicht alle Papiertaschentücher zerfallen in zig Fussel, wenn sie unabsichtlich in der Hosentasche mitgewaschen werden. Manche behalten ihre Form – und Eltern die Nerven, wenn sie die Waschmaschine ausleeren. Das sind nur zwei der vielen Tausend Ergebnisse von „Jugend testet“, einem Schüler-Wettbewerb, den die Stiftung Warentest seit über 40 Jahren auslobt. 

Bis Ende November können sich Jugendliche von zwölf bis 19 Jahren wieder dafür anmelden. Sie untersuchen dafür Produkte oder Dienstleistungen, die sie interessieren oder häufig nutzen. Warum und wie sie das machen, darüber sprach die SZ mit Jurymitglied Heike van Laak.

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Frau van Laak, die dritte Palette Lidschatten hier, die fünfte Jeans da: Das Einkaufsverhalten vieler Jugendlicher scheint eher auf Masse statt Klasse ausgelegt zu sein. Täuscht der Eindruck?

Ganz bestimmt. Viele hinterfragen kritisch, was sie kaufen, glauben der Werbung nicht alles, schauen, was dahintersteckt. Sie wissen, dass die Hersteller es auf ihr Taschengeld abgesehen haben und überlegen sich, wofür sie es ausgeben. Und das geht schon zeitig los. Unser Wettbewerb beginnt für Jugendliche im Alter von zwölf Jahren. Man würde vielleicht denken, dass die 19-Jährigen kritischer oder elaborierter an solche Dinge herangehen. Aber das haben wir nicht festgestellt. Die Jüngeren sind häufig noch kreativer. Zwölf Jahre ist ein sehr gutes Alter. Da gibt es ein hohes Bewusstsein für kritischen Konsum.

Welche Kriterien sind für junge Leute beim Shoppen wichtig?

Natürlich spielt für sie das Aussehen eine große Rolle. Wichtig ist ihnen aber auch das, was wir unter Preis-Leistung-Verhältnis verstehen. Junge Leute haben in der Regel nicht so viel Geld und wollen, wenn sie etwas kaufen, auch möglichst lange etwas davon haben. Sachen, die noch während der Garantiezeit ihren Geist aufgeben, machen niemandem Spaß.

Welche Produktgruppen sind bislang für den Wettbewerb getestet worden?

Alles, was die Jugendlichen interessiert, zum Beispiel alkoholfreies Bier, Antistressbälle, Buchstabensuppen oder Backmischungen, Trockenshampoos und Thermotassen, Schuhsprays oder Spielekonsolen. Die Themen spiegeln immer auch ihren Alltag wider. Die Themenhitlisten führen mittlerweile Tests zu Apps, Streamingdiensten, Schokolade, Tiefkühlpizzen, Haargummis und Nagellacken an. In der vergangenen Wettbewerbsrunde war das Thema „Alternativen zu Plastikhalmen“ sehr beliebt und wurde von 14 verschiedenen Gruppen bearbeitet. Aber auch Bienenwachstücher, Alternativen zu Plastikzahnbürsten und Haarbürsten sind getestet worden. Fridays for Future lässt grüßen.

Spielen Dienstleistungen keine Rolle?

Sie sind leider schwer unterrepräsentiert und machen nur etwa 20 Prozent aus. Das heißt natürlich im Umkehrschluss, wenn man sich mit einer Dienstleistung am Wettbewerb beteiligt, erhöht das die Wahrscheinlichkeit für einen Gewinn.

Wie gehen die Jugendlichen vor? Sie können ja keine komplexen Testvorrichtungen bauen.

Das ist auch gar nicht nötig! Bis zum 30. November melden sie sich mit einem vorläufigen Thema an, das sich danach noch ändern darf. Dann gehen sie eigentlich genau so vor wie wir. Sie überlegen sich, woher sie die Produkte bekommen, wie die Marktauswahl aussieht und erstellen ein Prüfprogramm: Wie kann man das, was wir herausfinden wollen, testen? Wie wären die Kriterien – zum Beispiel bei Chips? Das könnten Geschmack, Inhaltsstoffe, Verpackung, Preis-Leistung-Verhältnis, Knackigkeit sein. Und dann geht es los. Es wird getestet, dokumentiert, Ergebnisse ausgewertet, aufgeschrieben und eingeschickt bzw. hochgeladen. Über Filme freuen wir uns besonders. Auf ihnen sieht man, wie viel Spaß die Meisten dabei haben.

Das klingt spannend, macht aber auch eine Menge Arbeit zusätzlich zum normalen Schulpensum. Was treibt sie an?

Neugier. Sie wollen etwas herausfinden, eine Frage klären, die sich ihnen im Alltag stellt. Ich erinnere mich an einen Jungen, dessen Hund oft Zecken hatte. Er hat dafür Testszenarien und verschiedene Apparaturen aufgebaut, um herauszufinden, was am besten dagegen hilft. Eine Inklusionsklasse mit Kindern im Rollstuhl hat die Frage untersucht, welche örtlichen Supermärkte behindertengerecht sind. Eine andere Gruppe wollte eine Klassenfahrt machen und hat im Vorfeld die Jugendherbergen in der Zielgegend getestet. In sehr vielen Fällen ist da eine persönliche Betroffenheit. Natürlich spielt dabei der Preis eine Rolle, denn die Jugendlichen müssen die Produkte selber kaufen.

Das klingt so, als würden viele Schüler in Gruppen arbeiten.

Ja, die meisten Beiträge entstehen in Gruppenarbeit. Manche Lehrer integrieren den Wettbewerb als Projekt in ihren Unterricht. Das geht von Physik oder Mathematik bis zur Sozial- oder Wirtschaftskunde. Wir stellen dafür auch Unterrichtsmaterialien bereit, weil wir festgestellt haben, dass die jungen Leute zwar sehr viele wichtige Sachen lernen, aber das alltägliche Wissen über Konsum, Verbraucherrechte, Reklamation, Vertragsabschlüsse zu kurz kommt. Das sehen viele Lehrer auch, daher stoßen wir auf große Resonanz. Dazu kommt, dass die Schüler selber etwas herausfinden, sich selber etwas überlegen müssen. Das motiviert sie und hat natürlich eine ganz andere Wirkung als Frontalunterricht.

Was hat Sie als Jurorin überrascht?

Das ist immer wieder die Kreativität. Im letzten Jahr zum Beispiel hat eine Gruppe eine Apparatur mit Computerarm gebaut, mit der sie Haarfärbemittel getestet haben.

Verpuffen die Ergebnisse oder greifen die „echten“ Warentester die Ideen auch mal auf?

Das ist gar nicht so selten. Manches ist so clever gemacht oder spannend, dass es uns angeregt hat, die Produkte oder Dienstleistungen auch zu testen. Angefangen von Geldanlageprodukten für Kinder über Fahrschulen oder besondere Apps. Manche Jugendliche stellen ihre Ergebnisse explizit auch den Herstellern zur Verfügung. Zum Beispiel den Supermärkten: Dort wurde tatsächlich auch etwas geändert und breitere Gänge angelegt, sodass man mit dem Rollstuhl gut durchkommt. Der Markt hat sie sogar eingeladen, bei der Entwicklung eines behindertengerechten Einkaufswagens mitzuwirken.

Das Gespräch führte Susanne Plecher.

Jugend testet - weitere Informationen

Den Wettbewerb gibt es seit 1979. 2.000 bis 2.500 Jugendliche beteiligen sich jedes Jahr daran.

Über die Hälfte der Teilnehmer sind Gymnasiasten. Aber auch Gesamt-, Ober- und Berufsschüler sind dabei.

Mitmachen kann jeder Schüler zwischen zwölf und 19 – entweder allein, mit Freunden oder der ganzen Klasse.

Anmeldung bis 30. November, Einsendeschluss der Testergebnisse ist der 28. Januar 2021. Vor den Sommerferien werden die Preise verliehen: Insgesamt 12.000 Euro, Reisen nach Berlin und Sonderpreise. www.jugend-testet.de

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