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Arbeit und Bildung

Was braucht die Jugend im Osten?

Der Strukturwandel in der Lausitz ändert die Arbeitswelt. Was das für junge Leute bedeutet, deren berufliche Laufbahn grad begonnen hat, hat eine Studie ermittelt.

Der Tagebau hat jahrzehntelang die Wirtschaft in Ostsachsen und Südbrandenburg geprägt. Nun braucht es neue Ansätze.
Der Tagebau hat jahrzehntelang die Wirtschaft in Ostsachsen und Südbrandenburg geprägt. Nun braucht es neue Ansätze. © Leag

Als Corona im Frühjahr auch Schulen und Ausbildungsbetriebe kalt erwischte, gehörte die Leag zu denen, die schnell von analog auf digital umschalteten. Mit der Plattform Moodle wurde die Ausbildung im Braunkohle-Unternehmen ins Internet verlegt. Wie fast überall klappte nicht alles von heute auf morgen, aber es lief und die angehenden Elektroniker und Mechatroniker konnten weiterlernen. Die Leag ist ein Beispiel für das, was geht in der gemeinhin als strukturschwach geltenden Lausitz. Der Konzern, der einerseits seit Jahren in der Kritik steht, weil nach wie vor Dörfer für den Kohleabbau weichen müssen, investiert andererseits kontinuierlich in den Nachwuchs. Fünf technische und eine kaufmännische Ausbildung bietet das Unternehmen an, dazu zwei duale Studiengänge.

Um die Leag kommt nicht herum, wer über Wirtschaft und Arbeitswelt in der Lausitz sprechen will. Ein Team des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) wollte und hat nun eine Studie vorgestellt, die Ansätze für die Ausgestaltung des Strukturwandels in Ostsachsen und Südbrandenburg geben will. Gemeinsam mit der Ausbildungsleitung des Braunkohleunternehmens haben die Mitarbeiter des Instituts eine Workshop-Reihe mit Auszubildenden in den Leag-Niederlassungen in Jänschwalde und Schwarze Pumpe durchgeführt. Im Mittelpunkt immer die Fragen: Was erwarten junge Leute in der Lausitz von Politik, Wirtschaft und Bildung? Aus welchen Gründen würden sie bleiben, aus welchen die Heimat verlassen?

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Eines der Ergebnisse: Junge Leute wollen Klarheit, sie wollen greifbare Themen und nahe Ziele - und sie wollen mit ihren Erfahrungen und Ideen einbezogen und ernstgenommen werden. Sie brauchen und wollen auch Zeit für die Entwicklung eigener Lebens- und Berufsziele und nicht zuletzt auch für regionales Engagement. Die Auszubildenden in Schwarze Pumpe äußerten sich grundsätzlich sehr zufrieden mit ihrem Lebensumfeld. Dass sie dank ihrer Ausbildung gute Voraussetzungen für den überregionalen Arbeitsmarkt mitbringen, werteten sie als großen Vorteil. Gleichzeitig treibt sie bereits jetzt die Sorge um, Heimat und Familie verlassen zu müssen, falls die wirtschaftlichen Perspektiven in der Region schlechter werden.

Ein wichtiges Ergebnis der Studie ist damit ein für die Lausitz durchaus ermutigendes: Viele der Jungen wollen bleiben. Auch, weil sie aktiv in das Leben und die Jugendkultur vor Ort eingebunden sind. In den Workshops ging es auch darum, „die Diskrepanz zwischen ihren abstrakten Sorgen einerseits und der großen Zufriedenheit und dem Engagement vor Ort andererseits zu reflektieren und in konkrete Bewältigungsschritte zu übersetzen“, heißt es in der Auswertung. Vor diesem Hintergrund ist die Umfrage entstanden, in deren Fokus die Sorgen und Hoffnungen von Auszubildenden, die mitten im Strukturwandel leben, stehen.

Regionale Wege für die Karriere

In Jänschwalde lag der Ansatz anders. Hier haben die Auszubildenden politische Empfehlungen an die Landesregierungen formuliert. Dazu zählt, dass sie ein gutes Leben in der Lausitz nicht nur mit einem neuen Industriearbeitgeber in Verbindung bringen, sondern ebenso mit einer starken lokalen Wertschöpfung. Die Qualität künftiger Arbeit lasse sich nicht nur an einem angemessenen Gehalt ablesen, sondern ebenso an einer erfüllenden und vielfältigen Arbeit.

Und wieder einmal wurde klar: der Nachwuchs will wissen, woran er ist. So ist den meisten die Verteilungsstrategie der Strukturfördergelder unklar. Sie wollen, dass die Politik neue Industrien und Impulse für lokale Firmen schafft. Und ganz praktisch: Wer möchte, dass junge Leute bleiben, muss dafür sorgen, dass sie auch ohne Auto von A nach B kommen können. Ein bedarfsgerechter ÖPNV steht deshalb ebenso auf der Wunschliste der Jänschwalder Azubis wie die Forderung, die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter auseinanderdriften zu lassen.

Was also braucht die Region? Den Empfehlungen der Studie nach zum Beispiel ein Kommunikationsangebot, mit dem „bisher nicht gehörte gesellschaftliche Gruppen ihre Meinungen und Haltungen artikulieren“ können. Während eines Strukturwandels sei es die Aufgabe regionaler Politik und der Bildungs- und Ausbildungsträger, die Bedürfnisse und Fähigkeiten der jungen Menschen in der Lausitz zu erkennen und zu strukturieren. Das Team des IASS empfiehlt die Einrichtung einer „Jugendkommission Strukturwandel in der Lausitz“ mit Vertreterinnen und Vertretern aus den Kommunen, Minderheiten-Gruppen, Religionsgemeinschaften, der Industrie, den Gewerkschaften und der Umweltbewegung. Sie soll Vorschläge einbringen, die von den Lausitzbeauftragten der Landesregierungen Sachsen und Brandenburg berücksichtigt werden. Außerdem sollten Bildungs- und Ausbildungsträger mit lokaler Politik in einer „regionalen Bildungslandschaft“ vernetzt werden. Klares Ziel dabei: regionale Ausbildungs- und Karrierepfade so konsolidieren, dass Jugendliche in der Region bleiben können.


Publikation: Victoria Luh, Julia Gabler, Jeremias Herberg: Sie wollen bleiben. IASS Workshops mit Auszubildenden in der Lausitzer Braunkohleindustrie, Potsdam 10/2020. DOI: 10.2312/iass.2020.037

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