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Was Sachsens Firmen schneller macht

Bei wirtschaftlichen Innovationen kommt es auf Tempo an. Wie das beschleunigt werden kann, wurde auf dem Futuresax-Innovationsforum diskutiert.

Christoph Scholze, Innovationsmanager bei Siemens in Görlitz, gab Einblick in sein Innovationsverständnis.
Christoph Scholze, Innovationsmanager bei Siemens in Görlitz, gab Einblick in sein Innovationsverständnis. © Sächsische Landesausstellung

Das Chaos bei der Impfterminvergabe ist nur ein weiteres Beispiel für die Defizite, die Deutschland hat bei digitalen Lösungen, die jetzt das Leben leichter machen könnten. Sicherlich verhindern staatliche Verwaltungsprozesse den Durchbruch so manch neuer Angebote. Doch Teil der Wahrheit ist auch: Der Corona-Effekt auf die Innovationstätigkeit und Digitalisierung im Mittelstand ist negativ. Nur jedes zehnte Unternehmen gab vergangenes Jahr in einer Umfrage der Förderbank KfW an, seine Innovationstätigkeit gesteigert zu haben, jedes zweite gab an, gar keine zu haben.

Holger Schmidt, Senior Partner der Ecodynamics GmbH und Hauptredner auf dem diesjährigen Futuresax-Innovationsforum, ängstigt das. „Wir ruhen uns zu sehr auf den Pfründen der Vergangenheit aus und müssen deutlich die Schlagzahl erhöhen“, sagte Schmidt am Mittwoch zur Eröffnung der Konferenz. Im Fokus der Online-Veranstaltung stand in diesem Jahr das Thema Innovationsmanagement für Sachsens junge und etablierte Unternehmen.

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In der Liste der 20 innovativsten Unternehmen der Welt 2020 steht kein einziger deutscher Konzern. Im Jahr zuvor tauchten noch Siemens und BASF auf. Angeführt wird die Liste von den vier amerikanischen Digitalriesen Apple, Alphabet (Google), Amazon und Microsoft. Woran das liegt, erklärte Schmidt in seinem Vortrag mit dem unterschiedlichen Commitment zwischen Amerika und Deutschland, sich für neue Ideen, Produkte und Lösungen zu engagieren und dafür Geld in Forschung und Entwicklung zu stecken. Auch bei der Anzahl der Patente als Indikator für Innovationen geht die Kurve in den USA steil nach oben, in Deutschland ist der Verlauf eher konstant. „In Deutschland steigt die Zahl der Patente, aber in anderen Ländern steigt sie schneller“, so Schmidt. Der Experte für Digitalwirtschaft machte einen weiteren Unterschied bei der Innovationspolitik fest. Viele klassische deutsche Unternehmen tüftelten im eigenen Kämmerlein, dagegen grasten die Digitalkonzerne systematisch den Startup-Markt für gemeinsame Projekte ab. „Kooperationen mit Startups sind ein wertvolles Instrument für jeden Mittelständler, schneller zu werden“, so seine Empfehlung. Entscheidend für den langfristigen Erfolg seien Innovationen am Geschäftsmodell, nicht so sehr am Produkt. Mit Prozessautomatisierungen kann man die Effizienz steigern, aber nicht die Wettbewerbsfähigkeit, wenn andere mit neuen Produkten um die Ecke kommen. Schmidts Bitte an die rund 100 Teilnehmer und Teilnehmerinnen: „Denken Sie über den Tag hinaus, wie sie ihr Produkt in einer digitalen Welt besser an die Kunden bringen können und arbeiten sie mit Startups“.

In den anschließenden Gesprächsrunden wurde es dann regionaler. Norbert Eder von GK Software aus Plauen, Ronny Reinhardt, Innovationsmanager bei Cloud & Heat in Dresden und Jens-Uwe Meyer, Vorstandschef der Innolytics AG aus Leipzig und Christoph Scholze, Innovationsmanager bei Siemens in Görlitz, berichteten über Erfahrungen, Strategien und Ansätze in ihren Unternehmen. Norbert Eder, der auch Vorstand im Netzwerk Südwestsachsen Digital ist, betonte die Vorteile regionaler Netzwerke. In vielen kleinen und mittelständischen Firmen im Freistaat sei vor allem eines knapp: Zeit für Innovationen. Hier könne die Mitgliedschaft in einem Netzwerk helfen, auf neue Ideen und Partner zur Umsetzung aufmerksam zu werden.

Bei Cloud & Heat wiederum ist es wichtig, den Mitarbeitern einen Rahmen an Werten und Zielen mitzugeben, in derem Umriss Lösungen entwickelt werden sollen. Und diese Werte sind Nachhaltigkeit, Datensicherheit und digitale Souveränität. Das vor zehn Jahren gegründete Dresdner Unternehmen bietet grüne, dezentrale Rechenzentren an und macht mit eigenen Cloud Computing-Angeboten Amazon und Microsoft immerhin etwas Konkurrenz. Innovationsberater Jens-Uwe Meyer, der in seinem früheren Leben Polizeikommissar war, machte auf das falsche Verständnis von Innovationen aufmerksam. Es geht nicht nur darum, coole Ideen in Workshops zu entwickeln, sondern diese vor allem in sehr viel Kleinarbeit umzusetzen und dabei auch Ideen und Projekte gegen die Wand zu setzen. „Das erfordert Frustrationstoleranz und Durchhaltevermögen“, so Meyer.

„Die Lausitz als Unternehmen sehen“, das hat sich Christoph Scholze vorgenommen. Die Region habe großes Potenzial im Maschinenbau oder im Kunststoff- und Leichtbau, das nicht ausreichend genutzt werde. Jetzt gehe es darum, Schlüsselkompetenzen, die in der Zukunft wichtiger werden, wie Künstliche Intelligenz, alternative Antriebe und Wasserstofftechnologien aufzubauen und vor allem miteinander zu vernetzen. Wir befinden uns im Lernprozess“, so der Siemens-Innovationsmanager. Man sollte gar nicht den Anspruch haben, bei einem Innovationsprozess unbedingt alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mitzunehmen. Vielmehr komme es darauf an, jene, die wollen und können, zu fördern und ihnen Freiraum und Zeit zu geben. „Sonderaufgaben, die neben dem Tagesgeschäft erledigt werden müssen, können manche auch als Strafe empfinden“, sagt Scholze.

Am Ende der Veranstaltung kristallisierte sich als Erkenntnis heraus: Es braucht keine eigene Innovationskultur, sondern es geht um eine „Unternehmenskultur des Aufbruchs, um Mut, Fragen zu stellen und Neues zu denken“, so Innolytics-Chef Meyer. Und diese sei in allen Bereichen eines Unternehmens notwendig.

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