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Was Zeiss mit neuen Krebstherapien zu tun hat

Im Frühjahr hat der Zeiss Innovation Hub in Dresden seine Arbeit aufgenommen. Leiter Kai Wicker erklärt Pläne und Aufgaben.

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Kai Wicker leitet den Innovation Hub von Zeiss und setzt unter anderem auf die Zusammenarbeit mit der TU Dresden. Überhaupt biete die sächsische Landeshauptstadt hervorragende Bedingungen für Innovationen, sagt er.
Kai Wicker leitet den Innovation Hub von Zeiss und setzt unter anderem auf die Zusammenarbeit mit der TU Dresden. Überhaupt biete die sächsische Landeshauptstadt hervorragende Bedingungen für Innovationen, sagt er. © Zeiss

Herr Wicker, inzwischen hat sich der Innovation Hub im Gebäude des Else Kröner Fresenius Zentrums für digitale Gesundheit auf dem Campus der Uniklinik Dresden eingerichtet. Ein Unternehmen, das die Nähe zu akademischen Partnern sucht, ist nicht außergewöhnlich. Was genau ist die Idee hinter dem Hub?

So einen Hub gibt es unter anderem auch am Karlsruher Institut für Technologie, sie gehören zur Innovationsstrategie von Zeiss. Unser Motto: Wir wollen Kompetenzlücken schließen und an den Problemen von morgen arbeiten, von denen wir heute noch gar nicht wissen, welche das sind. Wir wollen die frühen Entwicklungen nicht nur hautnah mitbekommen, sondern mitgestalten. Dafür suchen wir die Nähe zu Forschungsclustern und bauen ein enges Netzwerk mit der Wissenschaft auf.

Aber Sie stochern sicher nicht im Nebel, sondern haben eine konkrete Idee, wo die Trends zu finden sein könnten.

Unsere Forschung wird sich zunächst mit Organoid-Modellen beschäftigen. Organoide sind kleine Gewebestrukturen, die aus menschlichen Zellen gezüchtet werden. Sie werden revolutionieren, wie an neuen Pharmawirkstoffen geforscht wird. Denn wenn man an menschlichen Modellen forschen kann, ist die Aussagekraft viel höher und man kann hoffentlich auch eines Tages auf viele Tierversuche verzichten. Außerdem wird Medizin personalisierbar, weil man etwa mit Organoid-Modellen aus Tumoren testen kann, wie diese auf verschiedene Therapien ansprechen. Die Behandlung muss dann nicht mehr mühsam im Therapieverlauf angepasst werden.

Und welche Rolle spielt Zeiss dabei?

Auf jeden Fall wird es nicht nur darum gehen, Forschung zu finanzieren. Wir glauben, dass wir die Kompetenz in der Biotechnologie schon heute brauchen, um unsere Technologien von morgen zu entwickeln, beispielsweise bei der Bildgebung, bei Mikroskopen. Das ist ein schönes Beispiel für unsere Herangehensweise: Wir sehen diesen Umbruch, wir glauben, der wird uns beeinflussen, auch wenn das heute noch nicht unbedingt spürbar ist.

Ihr Unternehmen will sich also in die Forschung einbringen, um seine eigenen Produkte rechtzeitig an neue Entwicklungen anpassen zu können und neue Betätigungsfelder zu finden.

Genau.

Aber was haben die Partner davon?

Forschung findet ja nicht im luftleeren Raum statt. Ich habe selbst lange an einer Uni gearbeitet – ich weiß, wie wichtig die Zusammenarbeit mit Industriepartnern für das Einwerben von Drittmitteln ist. Außerdem braucht man die Partner aus der Wirtschaft an seiner Seite, sobald es darum geht, Dinge in Anwendung zu bringen. Es ist auch nicht so, dass Zeiss die Richtung der Forschung vorgibt und sagt: Hier geht‘s lang. Wissenschaft und Industrie arbeiten gemeinsam an einer Vision.

Produkte werden nicht der Outcome des Hubs sein. Wie finanzieren Sie sich, wenn Sie nichts verkaufen können?

Die Finanzierung ist aus Konzernmitteln sichergestellt.

Sie haben also Narrenfreiheit?

Nein, wir müssen trotzdem messbare Erfolge vorweisen: Können wir in den nächsten zwei, drei Jahren unsere Geschäftsbereiche davon überzeugen, Dinge zu übernehmen, die wir erarbeitet haben? Wir wollen nicht spielen, sondern explorieren. Das geht nur, wenn man eine Zielvorstellung hat.

In welchen Bereichen werden Sie sich künftig noch bewegen?

Das steht noch nicht konkret fest. Sicher wird es auch in Richtung Künstliche Intelligenz, Robotik, Automatisierung gehen. Perspektivisch wollen wir an drei Programmen parallel arbeiten, und unser Team soll von zweieinhalb auf bis zu zwanzig Stellen wachsen. Wir freuen uns auf Forscherinnen und Forscher, die den Sprung in die Industrie machen wollen.

Nun könnte man sagen: Exzellente Unis mit Uniklinikum, Forschungsinstitute: Das hätten Sie auch anderswo gefunden. Warum Dresden?

Für Dresden sprechen viele Gründe. Vor allem ist Dresden ein tolles Umfeld. Die TU Dresden ist auf Gebieten wie der Biotechnologie unterwegs, von denen wir glauben: Die werden wahnsinnig wichtig. Daneben ist hier die Halbleiter-Industrie stark, es gibt viele Start-ups und auch Vertreter der Automobilindustrie wie die Gläserne Manufaktur, die weit über die bloße Fertigung hinaus gehen wollen. Außerdem ist Zeiss in Dresden schon präsent.

Sie haben 2019 die Saxonia Systems GmbH erworben, einen Hersteller für Software-Lösungen. Außerdem gibt es hier ein Zeiss-Innovationszentrum für Messtechnik.

Genau, wir sind zwar unabhängig von den beiden Einrichtungen. Aber eine Zusammenarbeit ist gewünscht und geplant. Wir kommen hier nicht in einen leeren Raum.

Und wie ist der Standort für Sie?

Für mich ist das hier ein Traumjob, in dem ich Strategie, Innovations-Management und inhaltliche Arbeit verbinden kann. Das sind alles Aspekte, mit denen ich mich bisher bei Zeiss schon beschäftigt habe. Von daher war klar, dass ich das Angebot annehme. Als ich mich entschieden habe, hierher zu gehen, hat jeder gesagt: „Oh, Dresden, wie toll!“

Gespräch: Luise Anter