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Deutschland & Welt

Satellit misst Anstieg des Meeresspiegels

Sentinel 6 soll die sich ändernden Pegelstände der Ozeane auf einen Millimeter genau kartieren. Die Daten sind nicht nur für Klimaforscher extrem wichtig.

So soll der Erdbeobachtungssatellit „Sentinel 6 Michael Freilich“ demnächst mit ausgefahrenen Solarpaneelen im Orbit über der Erde schweben. Der Satellit scannt innerhalb von zehn Tagen 95 Prozent der globalen Meeresoberfläche.
So soll der Erdbeobachtungssatellit „Sentinel 6 Michael Freilich“ demnächst mit ausgefahrenen Solarpaneelen im Orbit über der Erde schweben. Der Satellit scannt innerhalb von zehn Tagen 95 Prozent der globalen Meeresoberfläche. © Nasa/dpa

Von Oliver Pietschmann

Küstenstädte könnten regelmäßig unter Wasser stehen, Hurrikane und Sturmfluten an vernichtender Kraft gewinnen und Inselparadiese im Meer versinken. Der Anstieg des Meeresspiegels zählt zu den größten Bedrohungen, die der Klimawandel mit sich bringt. Der Weltklimarat IPCC geht davon aus, dass er bei einem ungebremsten Klimawandel schon bis Ende des Jahrhunderts mehr als einen Meter betragen könnte. Das dürfte dann nicht nur für die Malediven im Indischen Ozean zum Problem werden, deren höchste Erhebung gerade einmal gut zwei Meter misst. Auch die Küsten Europas sind in Gefahr.

Um den Anstieg des Meeresspiegels zu vermessen und zu kartieren, wollen Wissenschaftler mit einem neuen Erdbeobachtungssatelliten aus dem Weltraum auf die Ozeane schauen – präziser als je zuvor. „Sentinel 6 Michael Freilich“ scannt den Angaben zufolge innerhalb von zehn Tagen 95 Prozent der globalen Meeresoberfläche – aus einer Höhe von mehr als 1.300 Kilometern mit einer Genauigkeit unter einem Millimeter.

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Erdbeobachtungssatelliten gibt es schon seit Jahrzehnten. „Aber Sentinel 6 hat ein neues Radar an Bord, mit einer höheren Präzision, das noch genauer einen Anstieg des Meeresspiegels wird messen können“, sagt der Direktor für Erdbeobachtungsprogramme bei der europäischen Raumfahrtagentur Esa, Josef Aschbacher. Im Rahmen des Erdbeobachtungsprogramms Copernicus wird der Satellit von einem neuen, hochmodernen Kontrollzentrum der meteorologischen Satellitenagentur Europas, Eumetsat, von Darmstadt aus gesteuert, wie der Leiter des Programms bei den Darmstädter Satelliten-Spezialisten, Manfred Lugert, erklärt.

Für die Verwirklichung des Hightechgeräts mit der Form einer überdimensionalen Puppenstube zogen viele Experten an einem Strang. Die Mission ist eine Kooperation der Esa, der US-Raumfahrtbehörde Nasa, von Eumetsat und der US-Wetter- und Ozeanografie-Behörde NOAA. Der Satellit ist der erste von zwei identischen Satelliten, die ins All geschossen werden. Er ist nach dem kürzlich verstorbenen Michael H. Freilich, dem ehemaligen Direktor der Nasa-Erdbeobachtungsabteilung, benannt.

Wellen und Atmosphäre

Der Satellit sollte zunächst am 10. November von der Vandenberg Air Force Base in Kalifornien ins All starten. Weil Motoren an der Rakete überprüft und ausgetauscht werden mussten, wurde der Start aber auf den kommenden Samstag verschoben. Der zweite, baugleiche Satellit soll in fünfeinhalb Jahren folgen. Das gesamte Projekt hat Aschbacher zufolge die Beteiligten in den USA und Europa jeweils rund 400 Millionen Euro gekostet.

Die Radarimpulse des Satelliten werden ausgesandt, von der Meeresoberfläche reflektiert und wieder empfangen. „Mit den Daten kann erst einmal niemand etwas anfangen. Das muss umgesetzt werden in eine hochpräzise Entfernungsmessung“, sagt Lugert. „Die genaue Ortsbestimmung in der Umlaufbahn ist die große Herausforderung der Mission.“ Es müssten Wellenhöhen aufgelöst werden und auch atmosphärische Einflüsse bei Entfernungsmessungen herausgerechnet werden. An Bord seien zwei unabhängige Navigationssysteme für die Standortbestimmung, und die Satellitenbahn werde regelmäßig mit einem Laser vermessen. Laut Aschbacher können im Zusammenspiel mit anderen Satelliten auch Rückschlüsse auf Dichte und Dicke von Eis gezogen werden. Dies sei wichtig – so habe sich zum Beispiel das Abschmelzen des Grönlandeises seit den 90er-Jahren verdreifacht.

„Wir bekommen jetzt alle zehn Tage eine globale Abmessung, also ein Bild, wie die Lage ist“, sagt Aschbacher. „Der Satellit liefert Daten, die es so genau bisher nicht gibt.“ Als hochpräziser Baustein wird er die Überwachung des Planeten vom All aus ergänzen. „Da sind sicher einige Hundert Satelliten, die derzeit im Orbit sind und die Erde überwachen.“ Die Europäer seien hierbei führend, weil das System alles abdecke – von der Wissenschaft über Wettervorhersagen bis zum Katastrophenschutz.

Es gebe immer noch Parameter, die man genauer messen müsse, sagt der Esa-Erdbeobachtungschef. „Eine der größten Herausforderungen ist die genauere Messung des Treibhausgases Kohlendioxid.“ Die sei immer noch nicht präzise und flächendeckend genug.

Für die Zukunft wünscht sich Aschbacher ein Satellitensystem, das all diese Parameter misst. Die Daten könnten dann verbunden und mit künstlicher Intelligenz gekoppelt werden. Das erlaube es, wirkliche Vorhersagen und Simulationen zum System Erde zu machen, zum Beispiel dazu, wie hoch der Meeresspiegelanstieg bei unterschiedlichen Temperaturszenarien ausfallen würde. (dpa)

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