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Rohr frei im Wismut-Stolln

In den alten Erzkohleschächten von Dresden-Gittersee steigt das Wasser - eine Bedrohung für Freital. Da hilft nur eins: den Abfluss putzen.

Dreck weg? Kumpel und Zaungäste verfolgen auf dem Monitor von Geophysiker Renee Ziegner, wie die Minikamera durch ein frisch gereinigtes Rohr des Freitaler Wismut-Stollns fährt.
Dreck weg? Kumpel und Zaungäste verfolgen auf dem Monitor von Geophysiker Renee Ziegner, wie die Minikamera durch ein frisch gereinigtes Rohr des Freitaler Wismut-Stollns fährt. © Karl-Ludwig Oberthür

Wenn Bergleute mit der Klobürste hantieren, geht es nicht um das, was man denken könnte. In den Berg nimmt man nichts mit, was man draußen lassen kann. Was die Bürste im Schein der Geleuchte bearbeitet, sind die Mundstücke von Freitals tiefster Wasserleitung. Sie liegt hier fast 130 Meter unterm Tageslicht. Aus den Stutzen lösen sich rostrote Brocken - Eisenoxid. Ließe man sie wachsen, würde die Leitung eines Tages dicht sein. Und an Freitals Hängen würden viele neue Quellen sprudeln.

Halb Freital ist unterkellert mit alten Bergwerken. Am östlichen Stadtrand liegen die Grubenfelder von Gittersee und Bannewitz. Hier suchte der Wismut-Betrieb "Willi Agatz" bis 1989 nach uranhaltiger Steinkohle. Heute liefern die verwahrten Schächte nur noch eins: Wasser. Um es abzuleiten, wurde noch einmal Bergbau betrieben. Fast drei Kilometer weit und sieben Jahre lang bohrten und sprengten sich die Wismuter unter Freital hindurch, für 24 Millionen Euro, bis der Wismut-Stolln fertig war.

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Verlauf des Wismut-Stollns. Er leitet das Grubenwasser aus Gittersee via Tiefer Elbstolln in die Elbe.
Verlauf des Wismut-Stollns. Er leitet das Grubenwasser aus Gittersee via Tiefer Elbstolln in die Elbe. © SZ Grafik

Seit dem 7. Oktober 2014 fließt nun das Grubenwasser aus Gittersee via Wismut-Stolln und Tiefer Elbstolln in die Elbe ab. Der Wismut-Stolln ist im Schnitt zehn Quadratmeter weit. Aber nur, weil die Baumaschinen so viel Platz brauchten. Dem Wasser reichen vier Röhren, Innendurchmesser 120 Millimeter, um in den Stollen einzufließen, und eine Rinne, einen Gummistiefelfuß tief, um weiterzulaufen.

Ablagerungen verengen den Flaschenhals

Die Röhren, die rund vierzig Meter nach schräg unten ins alte Grubenfeld getrieben wurden, sind der Flaschenhals des gigantischen Entwässerungskanals. Sie funktionieren wie ein artesischer Brunnen. Liegt der Wasserspiegel jenseits der Stollenwand über den Rohrmündungen, auf 121 Metern über Normalnull, fließt das Wasser von selbst daraus hervor. Zulauf gleich Ablauf. Wird der Flaschenhals jedoch enger, staut sich das Wasser im alten Bergwerk. Der Spiegel steigt.

Lage checken: Mithilfe dieser Minikamera sehen die Wismut-Kumpel vor ihrer Putzaktion, wie stark die Wasserrohre verschmutzt sind.
Lage checken: Mithilfe dieser Minikamera sehen die Wismut-Kumpel vor ihrer Putzaktion, wie stark die Wasserrohre verschmutzt sind. © SZ/Jörg Stock

Was ohne künstliche Ableitung passieren kann, hat Carsten Wedekind, Leiter des Bereichs Sanierung Aue/Königstein bei der Wismut, 2003 erlebt. Als man noch glaubte, die Grubenbaue auf natürliche Weise fluten zu können, wurde er in einen Hausgarten in Freital-Potschappel gerufen, in den sich plötzlich ein Bach ergoss. Die Hausbesitzer hatten Galgenhumor. "Die Frau sagte, dass sie schon immer mal Reis anbauen wollte." Schleunigst wurden die Pumpen in Gittersee angeschmissen, der Bach versiegte.

Wasserspiegel steigt neun Meter über die Norm

Carsten Wedekind kann über die Episode inzwischen schmunzeln. Er weiß, dass es läuft im Wismut-Stolln. Er selbst ist auch hin und wieder hier unten, einmal im Jahr jedenfalls. Die Grubenluft bringt dem gelernten Markscheider, Wismut-Mann seit 1976, etwas Abwechslung zum Schreibtisch. "Ich lebe nicht nur von Bildern und Erzählungen", sagt er, "ich gucke mir auch gerne noch was an."

Dick mit Rückständen gepanzert ist die Rohrwandung auf diesem Kamerabild. Es wurde vor der ersten Reinigung im Sommer 2019 aufgenommen.
Dick mit Rückständen gepanzert ist die Rohrwandung auf diesem Kamerabild. Es wurde vor der ersten Reinigung im Sommer 2019 aufgenommen. © Wismut GmbH

So ist er auch jetzt, beim Reinigen der Verbindungsrohre, dabei. Es ist die zweite Aktion dieser Art. 2019, fünf Jahre nach Inbetriebnahme, wurde zum ersten Mal geputzt. Damals war der Flutungspegel in den alten Grubenbauen auf 130 Meter über Normalnull gestiegen, also neun Meter über das Soll. "Aber vollkommen unkritisch", sagt Wedekind. Die einstigen wilden Quellen waren erst bei etwa 180 Metern aufgebrochen.

Inspektionskamera droht stecken zu bleiben

Vor anderthalb Jahren waren die Krusten in den Röhren bereits sehr stabil, die Reinigung entsprechend aufwendig. Daher hat die Wismut das Intervall verkürzt. Dass es schon wieder Zeit zum Putzen ist, ließen die Pegelmessungen vermuten: Der Wasserspiegel war erneut fünf Meter über seinen Idealzustand geklettert. Als die Geophysiker am Montag eine Minikamera in die Röhren schoben, kamen dicke Ablagerungen ins Bild. Bohrloch 3 war sogar derart eng geworden, dass der Kamerakopf, obwohl kaum sechs Zentimeter breit, nicht mehr weiterkam.

Gegen Verkrustung hilft Druck: Wismut-Ingenieur Thomas Lay zeigt die Düse, die mit rotierenden Wasserstrahlen das Rohrinnere putzt.
Gegen Verkrustung hilft Druck: Wismut-Ingenieur Thomas Lay zeigt die Düse, die mit rotierenden Wasserstrahlen das Rohrinnere putzt. © Karl-Ludwig Oberthür

Nach der Lage-Erkundung begann das Saubermachen, nicht nur mit der Bürste, sondern vor allem mit dem Hochdruckreiniger. Durch den Stollen schleppen mussten die Bergleute die Technik nicht. Sie kam von oben, durch die Klima-Anlage sozusagen. Das Wetterbohrloch 3 sorgt eigentlich dafür, dass Luft aus dem Bergwerk ausziehen kann. Aber es ermöglicht auch Gegenverkehr, etwa in Form eines Hochdruckschlauchs mit rotierender Düse, der von einem Spülfahrzeug abgelassen wird.

Rückzug mit dem Steigerfahrrad

Am Dienstag wurden die ersten beiden Bohrlöcher bearbeitet. Händisch vorangeschoben, sprengte die Düse den Dreckpanzer grob von der Rohrwandung ab. Ein zweiter Durchgang folgte für die Feinarbeit. Am Tag drei der Aktion waren die anderen beiden Röhren dran. Jetzt schaut die Kamera, wie es um den Erfolg steht: freie Fahrt, freie Sicht. Thomas Lay, Vermessungsingenieur und Leiter der Arbeiten, sieht zufrieden aus. "Der Erfolg ist da", sagt er, "das Ding ist erledigt."

Es geht voran: Während rechts noch der Spülkopf im Rohr steckt, wird links bereits das Kabel mit der Kamera zwecks Erfolgskontrolle eingeführt.
Es geht voran: Während rechts noch der Spülkopf im Rohr steckt, wird links bereits das Kabel mit der Kamera zwecks Erfolgskontrolle eingeführt. © Karl-Ludwig Oberthür

Die Bergleute bauen das Telefon ab, packen ihre Sachen ein, setzen sich in Marsch. Die Geophysiker, am schwersten belastet mit Kamerawagen und Campingstuhl, dürfen das Ausfahren wörtlich nehmen und die schienentauglichen Steigerfahrräder benutzen. Was zurückbleibt, ist der ockerfarbene Eisenschlamm. Er wird in einem kleinen See, den die Kumpel angestaut haben, gesammelt und in ein paar Tagen weggeschaufelt.

Nachsorge ist ein Job für die Ewigkeit

Ganz und gar zur Ruhe kommt der Wismut-Stolln danach nicht. Der Ventilator, der je Sekunde acht Kubikmeter Frischluft in das Bergwerk schaufelt, läuft weiter, um die Stollenwandung zu trocknen. Diesen Sommer will die Wismut hundert Meter Strecke nacharbeiten. Dort quellen Tonadern auf und sprengen das Gebirge. Mit Spritzbeton und Stahlmatten sollen diese Bereiche versiegelt werden. "Dann ist wirklich alles fertig", sagt Carsten Wedekind.

In Freital-Burgk, 130 Meter über dem Stollen, steht das Spülfahrzeug. Der Druckschlauch wird durch das Wetterbohrloch unter dem Türmchen abgelassen.
In Freital-Burgk, 130 Meter über dem Stollen, steht das Spülfahrzeug. Der Druckschlauch wird durch das Wetterbohrloch unter dem Türmchen abgelassen. © SZ/Jörg Stock

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Alles - das ist relativ. "Ein Bergwerk muss unterhalten werden", sagt Wedekind, "sonst verliert es seine Funktion." Es gibt weiter die Kontrollgänge, alle viertel Jahre, und in zwei, drei Jahren wohl auch wieder das Rohre putzen. Die Sorge ums Wasser wird nie aufhören, sondern wird, so steht es im jüngsten Rechenschaftsbericht der Wismut, "wohl auf ewig die jetzige und nachfolgende Generationen beschäftigen".

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