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Weihnachtsmänner als Tagelöhner

Die Adventszeit offenbart Missstände bei den Paketzustellern. Trotz eines Schutzgesetzes liegt vieles im Argen.

Noch nie haben die Deutschen mehr Weihnachtspakete verschickt als 2020.
Noch nie haben die Deutschen mehr Weihnachtspakete verschickt als 2020. © dpa-Zentralbild

Alle Jahre wieder: Pünktlich zum Weihnachtsendspurt im Onlinehandel legen Hunderte Amazon-Beschäftigte in Leipzig und anderswo ihre Arbeit nieder – mittlerweile im achten Jahr. Genauso lange kämpfen sie dort um Übernahme des Flächentarifvertrags für den Einzel- und Versandhandel. Und ebenso lange verweigert der Onlineriese der Gewerkschaft Verdi Gespräche für eine solche bessere Bezahlung.

Amazon lehnt sich an niedrigere Löhne der Logistikbranche an, verweist auf „exzellente Löhne, exzellente Zusatzleistungen und exzellente Karrierechancen“ und darauf, auch ohne Tarifvertrag ein guter Arbeitgeber zu sein: so durch Boni und Mitarbeiteraktien, Beiträge zur Altersvorsorge, kostenlose Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung, Mitarbeiterrabatte, Zuschüsse für das Kantinenessen, das Fortbildungsprogramm „Career Choice“. Ein Beleg sei, dass nach fünf Jahren noch gut die Hälfte der 16.000 Beschäftigten in Deutschland bei dem Onlinehändler arbeiteten.

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Streik bis Heiligabend

Seit Montag 0.15 Uhr kursiert ein Flugblatt, auf dem der Weihnachtsmann Amazon-Boss Jeff Bezos, dem reichsten Mann der Welt, mit einer Rute den Hintern versohlt. Bis Heiligabend hat die Gewerkschaft Verdi zum Streik aufgerufen – in der Vergangenheit mit mäßigem Erfolg, weil die Kunden ihre Pakete meist dennoch pünktlich erhielten. Zusätzliches Personal auf Abruf und Sonderzahlungen an Streikverweigerer machten es möglich. Auch diesmal verspricht das Unternehmen, dass die Aktionen keine Auswirkungen hätten, die allermeisten Beschäftigten arbeiteten. Amazon mit Sitz in Seattle (USA) will nicht mit Verdi verhandeln und pflegt über Betriebsräte und Mitarbeiterforen lieber den direkten Draht zu seinen Leuten. Es ist ein Zermürbungskampf.

Dennoch könnte dieser Streik schmerzen, denn das Aufkommen ist wegen des coronabedingt stillgelegten Einzelhandels noch höher als ohnehin vor Weihnachten. Auch ist es in der Pandemie schwerer, Ersatz auf Zeit zu rekrutieren. Amazon hat in Leipzig noch rund 1.500 feste Mitarbeiter. Im Weihnachtsgeschäft kommen noch mal knapp 1.000 Saisonkräfte hinzu, darunter Studenten und Migranten.

Hunderte Infizierte bei Amazon

Wegen Hunderter Infizierter an mehreren Amazon-Standorten unterstellt Verdi laxen Umgang mit Hygienevorschriften und beklagt Unsicherheit an allen 15 Logistikzentren in Deutschland. Pandemie-Gewinner Amazon bestreitet das. Es gelte sogar ein Mindestabstand von zwei Metern, heißt es.

Am anderen Ende der Paketlieferkette, und nicht nur bei und wegen Amazon, ist die Lage ebenso brisant. Vor Weihnachten erinnern sich Öffentlichkeit und Politik der schlecht bezahlten, von Tür zu Tür hechelnden und selten Deutsch sprechenden Zusteller. Dabei sind die Missstände in der Branche seit Jahren bekannt: Selbstausbeutung, Überstunden für lau, Verstöße gegen das Arbeits- und Sozialrecht.

DHL rechnet für die Tage vor Weihnachten mit einem neuen Rekord von Paketzahlen. Erwartet werden 11 Millionen Pakete am Tag, das Jahresmittel liegt bei 5 Millionen pro Tag.
DHL rechnet für die Tage vor Weihnachten mit einem neuen Rekord von Paketzahlen. Erwartet werden 11 Millionen Pakete am Tag, das Jahresmittel liegt bei 5 Millionen pro Tag. © dpa

Die Zahl der Beschäftigten im deutschen Versandhandel hat sich seit 2008 auf über 160.000 fast verdreifacht – meist befristet eingestellt und jede/r Dritte mit Niedriglohn, also ein Drittel unterm mittleren Entgelt der Gesamtwirtschaft. Der Monatsbruttoverdienst der Vollbeschäftigten betrug 2019 im Schnitt 2.663 Euro, das sind 738 Euro weniger als der Durchschnitt aller Branchen.

Laut Landesarbeitsagentur beschäftigten Sachsens Post-, Kurier- und Expressdienste im Mai fast 16.900 Menschen, etwa so viele wie 2019. Jedoch wurden dort im November 225 freie Jobs gemeldet, 70 Prozent mehr als im Vorjahr.

Riesiger Personalbedarf

Der Personalbedarf ist riesig. Kein Wunder: Nach vor dem Lockdown erfolgten Umfragen verschickt in diesem Jahr jeder dritte Bundesbürger Weihnachtspakete, zuvor war es jeder vierte. Die Verbraucher hatten allein im Oktober und November im Internet Waren für 17,4 Milliarden Euro Waren online bestellt, ein Plus von gut 17 Prozent binnen eines Jahres.

Längst geben Paketdienste mangels Kapazität Aufträge an Subunternehmer ab – oft ohne Tarifvertrag, aber inklusive Schwarzgeldzahlung, Sozialleistungs- und Sozialversicherungsbetrug. „Es gibt Beschäftigte, die bis zu 16 Stunden pro Tag arbeiten und im Ergebnis nur auf sechs Euro pro Stunde oder noch weniger kommen“, heißt es auf Verdis Website. Dabei gilt seit 13 Monaten das Paketboten-Schutz-Gesetz. Es soll für fairen Wettbewerb und bessere Arbeitsbedingungen sorgen, inklusive Nachunternehmerhaftung. Entrichten die Subunternehmen keine Sozialabgaben, müssen ihre Auftraggeber nachzahlen.

Amazon wehrt sich seit Jahren erfolgreich gegen Einfluss von Gewerkschaften.
Amazon wehrt sich seit Jahren erfolgreich gegen Einfluss von Gewerkschaften. © dpa

Marktführer DHL mit bundesweit 20.000, ausnahmslos sozialversicherten, Paketzustellern lagert nach eigenen Angaben nur zwei Prozent der Aufträge aus und sieht sich nicht unter den schwarzen Schafen. Schon im 1. Lockdown hatte die Posttochter doppelt so viele Pakete transportiert und den Jahresrekord von 2019 bereits vor drei Wochen getoppt. In ihrer Jahresbilanz werden wohl 1,8 Milliarden Sendungen stehen. Auch die Konkurrenz steuert dank Onlineboom auf neue Bestwerte zu.

Zusteller am Limit

„Die Beschäftigten der Paketdienste leisten momentan überall Extremes – egal ob bei TNT, Hermes, DPD, UPS oder der Deutschen Post“, sagt Normen Schulze von Verdi. In Internetkommentaren sähen sich viele „an der Kotzgrenze“, so der Landesfachbereichsleiter. Wegen Personalmangels leiste ein Großteil Überstunden und verzichte auf freie Tage, so der Gewerkschafter. Auf die Spitze treibe es Amazon mit „Amazon Flex“, das ausliefernden Privatfahrern Stundenverdienste von bis zu 25 Euro verspricht. Doch nach Abzug aller Kosten bleibe gerade mal der Mindestlohn.

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„Was unsere Mitarbeiter – ob im Paket-, Briefzentrum oder in der Zustellung leisten – das ist Wahnsinn“, sagt Marion Oppermann, Niederlassungsleiterin in Ottendorf-Okrilla. Onlineshops bieten Expressversand und Last-Minute-Zustellung an, viele Einzelhändler entdecken nach der behördlich angeordneten Schließung ihrer Läden notgedrungen ihr digitales Potenzial und lassen liefern – solo oder als Sozius von Amazon. Ausführende sind die Gleichen: die Wichtel am Anfang der Lieferkette in Leipzig und Tausende Weihnachtsmänner, viele als Tagelöhner, auf der letzten Meile.

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