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Wie kleine Firmen im Silicon Saxony Platz finden

Als sich der US-Halbleiterspezialist Indie in Dresden ansiedeln wollte, waren Büroräume knapp. Es fand sich eine Lösung.

Es sieht nach Umzug aus. Bis Jahresende zieht Klaus Hermann (l.i.F.) aus dem Robolab von Robotron-Chef Ulf Heinemann (m.) wieder aus - mit Hilfe von Dresdens Wirtschaftsförderer Robert Franke (r.)
Es sieht nach Umzug aus. Bis Jahresende zieht Klaus Hermann (l.i.F.) aus dem Robolab von Robotron-Chef Ulf Heinemann (m.) wieder aus - mit Hilfe von Dresdens Wirtschaftsförderer Robert Franke (r.) ©  PR

Die Bildschirme sind ausgeschaltet, die Arbeitsplätze in dem Vier-Mann-Büro unbesetzt. „Ich habe meine Kollegen gebeten, von zu Hause aus zu arbeiten. Sonst wäre es hier zu voll geworden“, entschuldigt sich Klaus Hermann, Geschäftsführer der Indie Semiconductor Germany GmbH bei den Gästen im Raum.

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Robert Franke, Chef der Wirtschaftsförderung in Dresden, hat Journalisten eingeladen, um am Beispiel Indie zu zeigen, wie sich die Stadt nicht nur um die Ansiedlung großer Investoren wie Bosch im Silicon Saxony bemüht, sondern auch um kleine Unternehmen wie Indie.

Indie Semiconductor ist ein Halbleiterspezialist aus Kalifornien, der mit speziell designten Mikrochips und Softwareplattformen die Tech-Revolution im Auto voranbringen will. Die Firma, die am 29.Juni in New York an die Börse gegangen ist (Nasdaq) konzentriert sich dabei auf Edge-Sensoren für fortschrittliche Fahrerassistenzsysteme und Elektrifizierungsanwendungen. Diese Technologien stellen die Kerngrundlagen für autonom fahrende Autos Fahrzeugen dar. Indie ist Lieferant von sogenannten Tier-1-Zulieferern in der Automobilindustrie wie Bosch es einer ist. Die Schaltkreise von Indie Semiconductor werden bei allen großen Autobauern verbaut von Tesla, über Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz bis zum chinesischen Hersteller Geely. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Aliso Viejo (Kalifornien) verfügt neben fünf Standorten in den USA auch über Designzentren und Verkaufsbüros in Budapest, Edinburgh – und Dresden.

Klaus Hermann könnte eigentlich im Garten sitzen und sich um seine Enkel kümmern. Doch Indie sei eine Firme, „für die man sich begeistern kann“, sagt der 66 Jahre alte Physiker und nennt als Grund Firmenphilosophie- und Werte wie Weltoffenheit, liberale Haltung und Respekt, die er teile. Ein Angebot, als Qualitätschef nach Kalifornien zu gehen, hatte er aus privaten Gründen abgelehnt. Beim zweiten Anruf, die deutsche Niederlassung aufzubauen, konnte er nicht widerstehen. Und als „Lokalpatriot“ empfahl er Erfurt oder Dresden als Standort. In beiden Städten hat der Halbleiterexperte viele Jahre gearbeitet, in Dresden bei Plastic Logic.

Der Nachteil von Dresden: „Hier ist schon sehr viel Geschäft da, es wird also schwieriger und teurer Leute und Flächen zu bekommen“, hatte Hermann seinen amerikanischen Vorgesetzten erklärt und sich erst einmal auf Erfurt konzentriert. Dort hätte er ein 600 Quadratmeter großes Büro mieten können, doch dann kam Corona.

Hermann, der in Dresden lebt, ging also in der sächsischen Landeshauptstadt auf Suche. Doch wie als kleines, am 1. Januar 2020 gegründetes, Unternehmen geeignete Räume finden bei einer Auslastung der kommunalen Technologiegründerzentren von 98 Prozent. Die Wirtschaftsförderung Dresden brachte ihn in Kontakt mit Ulf Heinemann, den Geschäftsführer von Robotron. Dieser hatte gerade sein Projekt RoboLab gestartet, einen Start-up-Inkubator für junge IT-Firmen. Der Softwarehersteller bietet Gründern auf dem Betriebsgelände im Gewerbegebiet Coschütz-Gittersee Büro- und Laborräume zu günstigen Konditionen, vor allem sind die Mietverträge innerhalb eines Monats kündbar. Auf Wunsch gibt es auch Mentoringangebote bei Vertriebs- und Marketingfragen. So will Heinemann junge, dynamische Gründer und Uniabsolventen in Dresden halten. „Und wenn es nicht mit der eigenen Firma klappt, kann ich vielleicht gute Leute an das eigene Unternehmen binden“, sagt Heinemann nicht ganz uneigennützig.

Indie ist zwar kein Start-up. Doch Corona bremste die Nachfrage nach RoboLab-Räumen, denn die Zahl der Gründungen sank, und „Klaus Hermann hat eine Vision, die mich begeistert“, betont Heinemann. Also mietete sich Indie im Robolab ein.

Und was ist die Vision? Die betreffe nicht die Technologie, sagt Hermann. Ihm gehe es darum, ein Team zu formen, das technisch anspruchsvolle Aufgaben übernimmt, deren Lösung jungen Menschen Möglichkeiten der Mitgestaltung und persönlichen Entwicklung bringt, beschreibt er seine Vorstellungen. „Jeder neue Mitarbeiter bekommt von mir zur Begrüßung einen Wanderführer und eine Flasche Coswiger Wein“, sagt der passionierte Wanderer. Er erkundet die Landschaft rund um Dresden zu Fuß oder per Rad und auf einem Weingut in Coswig wurde die Idee geboren, Indie Germany zu gründen.

Im Robolab wird es jetzt schon zu eng und Indie mit inzwischen 18 Mitarbeitern muss bis Jahresende wieder ausziehen. Gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung wurden neue Büro- und Laborräume rechtselbisch im Waldschlösschenviertel gefunden, verrät Hermann. Aber auch die werden in zwei, drei Jahren schon wieder zu klein sein, denn dann will das Unternehmen auf über 30 Beschäftigte gewachsen sein. Denn die Zukunftsthemen autonomes Fahren und Elektromobilität, für die Indie zuliefert, werden noch gehörig an Fahrt aufnehmen.

Also bleibt Hermann im regen Austausch mit Robert Franke. Dieser ist froh, dass der Ableger eines amerikanischen Halbleiterunternehmens nach Dresden geholt werden konnte. „Das durften wir uns nicht entgehen lassen“, so Franke. Er kommt kaum hinterher, neue Gewerbeflächen für Technologieunternehmen zu entwickeln. Bis 2024/25 sollen 25 000 Quadratmeter dazu kommen. Aber bis dahin ist er dankbar für private Initiativen wie das Robolab von Robotron. „Wir müssen uns ergänzen, damit das Silicon Saxony weiter wachsen kann“, betont Dresdens oberster Wirtschaftsförderer.

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