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Wie Sachsen ohne Kohle auskommt

Kann Sachsen die Energiewende schaffen? Darüber diskutierten Experten im Kongresszentrum. Und auch die Atomkraft hat ihre Befürworter.

Die Betriebszeit des Kraftwerks in Boxberg ist endlich.
Die Betriebszeit des Kraftwerks in Boxberg ist endlich. © kairospress

Es finden wieder Tagungen statt in Sachsen. Rund 200 Experten setzten sich diese Woche im Dresdner Kongresszentrum zum Kraftwerkstechnischen Kolloquium zusammen und nahmen die Masken ab. In den vergangenen Jahren waren es mehr, aber weil außer Stühlen diesmal auch Tische aufgestellt waren, wirkte der Raum gefüllt und bot Abstand.

An Firmenständen im Nachbarsaal informierten Vertriebsexperten wie Sven Kühne vom Döbelner Unternehmen Partzsch Elektromotoren über ihre Produkte. Kühne sagte, solche Firmenmessen seien nicht zum Verkaufen, aber zum „Netzwerken“ nötig – Dienstreisen gebe es ja derzeit kaum.

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"Hätten früher überlegen müssen"

Partzsch gehört zu den Unternehmen, die vom Trend zu kleineren Kraftwerken profitieren dürften. In zwei Jahren werden die letzten Kernkraftwerke in Deutschland abgeschaltet, bis 2038 alle Kohlekraftwerke. Laut Kühne produzieren viele Industriebetriebe ihren Strom selbst, etwa mit Generatoren aus Döbeln. In Österreich und Skandinavien repariert das Unternehmen Maschinen, teils aus den 20er-Jahren.

Auf den Kohleausstieg stellt sich die Branche ein. Während in den vergangenen Jahren auf der Tagung noch die Bedeutung der Kohle beschworen wurde, sagte Kongressleiter Professor Michael Beckmann von der TU Dresden nun: „Wir hätten früher anfangen müssen zu überlegen, was danach kommt.“ Kohle aus Mitteldeutschland wäre ohnehin „unweit“ nach 2038 aufgebraucht. 

Kernkraft-Anhänger melden sich

Vertriebsleiter Frank Schulze vom Kraftwerksdienstleister VPC aus der Dornier-Gruppe sagte, schon 2031 werde die Kohleverstromung „rein wirtschaftlich“ enden. An 80 Tagen im Jahr lasse sich der Strom alleine aus Wind und Sonne erzeugen, für die übrige Zeit würden zusätzliche Kraftwerke benötigt – er rate Besitzern von Kohlekraftwerken, vorhandene Anlagen auf Gas umzurüsten.

Tschechien hat voriges Jahr eine Kohlekommission eingesetzt, die ähnlich wie in Deutschland einen Zeitplan für den Ausstieg vorschlagen soll. Aus Prag zugeschaltet, informierte auf Englisch Pavel Zámyslický, Bereichsdirektor im tschechischen Umweltministerium, über den Energiemix des Staates. Dazu gehöre weiterhin Kernkraft – das Kraftwerk Dukovany werde erneuert. Doch „massive Investitionen“ würden in Tschechien auch für Erneuerbare Energien, Erdgas und Speicher nötig. 

Kleine Firmenmesse im Dresdner Kongresszentrum: Zum Kraftwerkstechnischen Kolloquium treffen sich Anhänger alter und neuer Energiequellen.
Kleine Firmenmesse im Dresdner Kongresszentrum: Zum Kraftwerkstechnischen Kolloquium treffen sich Anhänger alter und neuer Energiequellen. © Georg Moeritz

Deutschland werde künftig Kernkraft-Strom aus Tschechien und Frankreich beziehen, sagte Viktor Riedel, Vertreter der russischen Industrieholding Rosatom. Er betonte allerdings, Rosatom habe eine Tochter, die Windparks in Russland baue. Der sächsische Staatssekretär Gerd Lippold (Grüne) sagte, die Energiewende werde funktionieren, weltweit werde an günstigen Energiequellen gearbeitet. Wind- und Solaranlagen seien technologisch reif und müssten genutzt werden. 

Weil das Kohlendioxid-Budget der Erde begrenzt sei, dürfe nicht länger auf ganz neue Technologien gehofft werden. Der Staat müsse steuern, damit „wir nicht in alle möglichen Sackgassen laufen“. Auch Staatssekretär Wolf-Dieter Lukas aus dem Bundesforschungsministerium sagte, der Staat fördere zwar breite Grundlagenforschung. Aber er dürfe „nicht ewig“ für alle Technologien offen sein, sondern müsse Entscheidungen treffen.

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