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Wie schnell kommt Sachsens Wirtschaft aus der Krise?

Ökonomen wagen erste Vorhersagen, Creditreform sieht unbezahlte Rechnungen.

Jedes vierte von Creditreform befragte Unternehmen in Sachsen verzeichnet in der Krise Einbußen.
Jedes vierte von Creditreform befragte Unternehmen in Sachsen verzeichnet in der Krise Einbußen. © Uwe Zucchi/dpa

Wenn jemand frühe Signale vom Auf- oder Abschwung der sächsischen Wirtschaft spürt, dann Andreas Aumüller. Der Chef von Creditreform Dresden sammelt in seiner Datenbank Meldungen über Firmen, die ihre Rechnungen spät bezahlen, und kümmert sich um das Inkasso. Doch in der Corona-Krise sagt auch Aumüller: „Wir wissen alle nicht, wie es weitergeht.“ Bisher seien die meisten Firmen davon verschont worden, auf Rechnungen sitzenzubleiben. Nur 2,6 Prozent der Befragten hatten jüngst Ausfälle von mehr als einem Prozent des Umsatzes. Weil viele Firmen Kredite und Staatshilfen bekamen, ist der Anteil der Firmen ohne Zahlungsausfälle derzeit sogar höher als vor einem Jahr. Das ergab eine Umfrage unter 359 sächsischen Unternehmen, die Aumüller am Donnerstag in Dresden vorstellte.

Doch der Zahlungsspezialist, der zugleich Honorarkonsul für Italien ist, bleibt vorsichtig. Er beobachtet, dass viele Nachbarstaaten ihre Wirtschaft wieder „auf Sparflamme setzen“. Das gefährde auch Sachsens Exporte. Aumüller rechnet frühestens für 2022 damit, das Wirtschaftsniveau von vor der Krise wieder zu erreichen. Damit zeigt der Creditreform-Chef noch weniger Optimismus als Detlef Hamann, der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer. Er hält es immerhin für möglich, nächstes Jahr wieder aufs Vorkrisenniveau zu kommen. Beide setzen dabei allerdings voraus, dass die Wirtschaft in Deutschland kein zweites Mal heruntergefahren wird („Lockdown“).

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Aus den Prognosen der Konjunkturforscher lässt sich ebenfalls kein Aufschwung auf alte Rekorde herleiten: Das Ifo-Institut sagte im Juli voraus, dass Sachsens Wirtschaft in diesem Jahr um 6,4 Prozent schrumpfen und im nächsten Jahr um 6,3 Prozent wachsen wird. Mit einer jüngeren Schätzung wartete vor wenigen Tagen die Landesbank Baden-Württemberg auf, der die Sachsenbank gehört: Sie rechnet mit vier Prozent Rückgang für dieses Jahr und vier Prozent Wirtschaftswachstum für nächstes Jahr in Sachsen.

Einig sind sich die Ökonomen aber darin, dass Sachsen und Ostdeutschland nicht so stark von der Krise getroffen werden wie der Westen. Aumüller sagt, die Kleinteiligkeit der sächsischen Wirtschaft werde häufig als Nachteil gesehen – doch nun helfe sie, flexibel zu sein. „Es ist die Stunde des Unternehmers“, sagt der Creditreform-Chef und meint damit, dass jeder das Beste aus der Krise machen müsse. Mancher habe freilich Pech gehabt und könne nichts dafür, dass sein Geschäft monatelang geschlossen blieb. Nicht jeder fand eine neue Geschäftsidee wie die Messebauer, die nach dem Stopp von Messen begannen, Spuckschutzscheiben in Läden zu montieren.

Es fehlt an Eigenkapital

Die Creditreform-Umfrage aus Sachsen zeigt, dass jedes fünfte teilnehmende Unternehmen trotz Krise die Umsätze gesteigert hat. Jedes vierte aber verzeichnete Einbußen. In Gastronomie und Veranstaltungsbranche hat Creditreform-Konjunkturexperte Patrik-Ludwig Hantzsch festgestellt, dass Rechnungen verspätet bezahlt wurden – teils nach 48 Tagen, wo 30 Tage vereinbart waren. Doch viele Deutsche haben laut Hantzsch jetzt mehr Geld, weil sie kaum in Urlaub gefahren und ausgegangen sind und auch kaum Kleidung kauften. Das schadete aber Modeläden – während Baumärkte und Lebensmittelhandel laut Creditreform-Prokurist Thomas Schulz Wachstum spüren. Viele Händler beschleunigen auch die Umstellung auf digitales Handeln.

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Zur Zahl drohender Insolvenzen gibt Creditreform keine Prognose ab, aber einen Hinweis: Vor Corona hatten in Sachsen von 162.000 wirtschaftenden Unternehmen bis zu 25.000 eine geringe Kreditwürdigkeit. Wenn der Staat klammen Firmen zu lange helfe, schade das deren Konkurrenten. Neue Kredite haben Firmen zwar zunächst gestützt, aber ihre Schulden erhöht. Nun fehlt es an Eigenkapital, das zuvor in zehn Jahren Aufschwung aufgestockt worden war: 2017 hatten 39 Prozent der sächsischen Firmen mehr als 30 Prozent Eigenkapital, nach jüngster Umfrage nun nur noch 22 Prozent. 41 Prozent wollen in den nächsten Monaten investieren, vor einem Jahr sagten das noch 53 Prozent.

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