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Wirtschaft ruft nach mehr Coronahilfe

Nach der Verlängerung des Lockdowns wird neben Kritik vor allem der Ruf nach einem Fahrplan zur Normalität laut.

Nicht nur in diesem Café in Frankfurt am Main geht vorerst nichts mehr. Bis auf Lebensmittelgeschäfte ruht auch der Einzelhandel. Und bei den geschlossenen Friseuren blüht die Schwarzarbeit.
Nicht nur in diesem Café in Frankfurt am Main geht vorerst nichts mehr. Bis auf Lebensmittelgeschäfte ruht auch der Einzelhandel. Und bei den geschlossenen Friseuren blüht die Schwarzarbeit. © dpa

Alle Haare wieder – Friseurmeisterin Anke Anton aus Neustadt bei Sebnitz fühlt sich nach Verlängerung des zweiten Lockdowns wie im falschen Film. Doch anders als der gleichnamige TV-Schwank mit Rolf Herricht aus DDR-Zeiten ist dieser für ihre Zunft alles andere als lustig. Am Dienstag hatten Bund und Länder die Fortsetzung der coronabedingten Kontaktbeschränkungen bis 31. Januar beschlossen – inklusive dichter Läden und Gaststätten.

„Diese vom Staat befohlene Schließung trifft uns noch härter als die erste im März des vergangenen Jahres“, sagt die Innungsobermeisterin von Südsachsen: „Wirtschaftlich, weil jetzt unter anderem die Versicherungen bezahlt werden müssen – aber auch emotional, weil wir es mit Menschen zu tun haben“, so die Chefin von drei Mitarbeiterinnen. Für die meisten Leute sei es „ein Grundbedürfnis, dass ihr Kopf in Ordnung ist“. Daher blühe nun hinter verschlossenen Wohnungstüren die Schwarzarbeit. „Doch da wird vom Staat weggeguckt“, schimpft die 50-Jährige. Andererseits setze ihre Branche strenge Hygieneregeln um, müsse aber schließen. „Ich fühle mich vom Zickzackkurs der Politik veralbert“, sagt Anke Anton ganz humorlos.

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Handel fürchtet Pleitewelle wie noch nie

Wie die Friseurin vermisst das Gros der Meisterinnen und Meister in Sachsens gut 56.000 Handwerksbetrieben eine langfristige Strategie der Politik für eine Rückkehr zur Normalität. „Mit Blick auf die harten Einschnitte darf es nicht so sein, dass Bund und Freistaat einfach nur im Drei-Wochen-Takt die Verlängerung des Lockdowns verkünden“, sagt Jörg Dittrich, Präsident der Dresdner Handwerkskammer. Die Betriebe erwarteten einen klaren Fahrplan für ein Hochfahren der Wirtschaft. „Der Staat muss jetzt endlich liefern“, fordert der Dresdner Dachdeckermeister.

Ähnlich äußert sich Roland Ermer, Präsident des sächsischen Handwerkstags, regionale Dachorganisation der Kammern und Verbände. In vielen Betrieben und Familien mache sich Erschöpfung breit — „auch, weil die politische Führung unseres Landes bei Entscheidungen mitunter zu wenig Professionalität an den Tag legt“, sagt der Bäckermeister aus Bernsdorf bei Hoyerswerda. Er denke da an „das organisatorische Hickhack rund um Impfzentren, das ungeklärte Procedere bei der Corona-Testpflicht für Berufspendler aus Polen und Tschechien, die Pannenserie bei der Online-Plattform Lernsax“.

Auch bundesweit agierende Verbände und Gewerkschaften äußern Kritik am verlängerten Lockdown und rufen nach mehr Hilfe vom Staat. Der Einzelhandel verlangt einen verlässlichen Plan zur Wiedereröffnung der Geschäfte und höhere Staatshilfen. „Die geschlossenen Handelsunternehmen brauchen jetzt klare Aussagen, unter welchen Bedingungen sie wann ihren Betrieb wieder aufnehmen können“, heißt es vom Branchenverband HDE. Sein Hauptgeschäftsführer Stefan Genth fordert zudem Nachbesserungen bei Hilfen und warnt: „Es zeichnet sich eine Pleitewelle ab, wie wir sie noch nicht erlebt haben.“

Bahn reduziert Angebot im Fernverkehr

Sachsens Handelsverband (HVS) besteht ebenfalls auf einem verlässlichen Plan zur Wiedereröffnung der Geschäfte ab 1. Februar und zügiger Anpassung der Staatshilfen. „Die Rücklagen sind aufgezehrt, viele Unternehmen am wirtschaftlichen und nervlichen Ende“, klagt David Tobias, HVS-Chef für Ostsachsen. Nach seiner Ansicht solle im Freistaat „der überlebensnotwendige Umsatz-Strohhalm des Abholservice endlich wie in allen anderen Bundesländern zugelassen werden“.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband nennt die Auszahlung der Novemberhilfen „höchst-eilbedürftig“. Die Umsatzeinbußen seien katastrophal, die Stimmung auch, heißt es vom Dehoga.

Mit der Verlängerung des Lockdowns kommen auch auf Fahrgäste im Regionalverkehr Veränderungen zu. Die Verkehrsbetriebe wollen das volle Bahn- und Busangebot aber zumindest in den Stoßzeiten aufrechterhalten – vor allem für jene, „die mobil sein und zwingend zur Arbeit müssen“, teilt der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen mit.

Die Deutsche Bahn will ihr Angebot im Fernverkehr reduzieren: „Ab dem 7. Januar wird die DB ihren Fahrgästen bis auf weiteres rund 85 Prozent des normalen Sitzplatzangebotes zur Verfügung stellen.“ Damit werde im Fernverkehr ein Grundtakt aufrecht erhalten. Es werde aber Anpassungen im Angebot geben, so die Bahn.

Forscher halten Folgen für überschaubar

„Es war ein Fehler, mit den Beschlüssen vom 28. Oktober 2020 den Deutschlandtourismus auf Null zu setzen, aber auf Maßnahmen in anderen Bereichen zu verzichten. Das rächt sich jetzt und verlängert den Lockdown“, kritisiert der Tourismusverband DTV.

Wirtschaftsforscher halten den Schaden für die deutsche Wirtschaft indes für überschaubar. „Wenn die berufliche Mobilität weiter möglich bleibt, dürften sich die Zusatzkosten in Grenzen halten“, verlautet vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Auch aus Sicht des Instituts der deutschen Wirtschaft ist entscheidend, dass die Fahrt zum Produktionsort möglich bleibe. Die Folgen des verlängerten Lockdowns schätzen die Ökonomen als eher gering ein. Dies sei für betroffene Branchen, schmerzlich, aber man dürfe nicht übersehen, dass große Teile der Wirtschaft, vor allem im verarbeitenden Gewerbe, geöffnet blieben.

Mindestkurzarbeitergeld und Sonderurlaub

Auch Gewerkschaften melden sich zu Wort. Verdi und NGG fordern ein Mindestkurzarbeitergeld von 1.200 Euro und eine Corona-Sofortnothilfe von einmalig 1.000 Euro. Die IG BAU verlangt bezahlten Sonderurlaub für berufstätige Eltern. Es könne nicht sein, dass sie schon im Januar ihren Jahresurlaub für Kinderbetreuung aufbrauchen müssen, heißt es.

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Derweil befürchtet das Friseurhandwerk eine Pleitewelle. Viele Betriebe könnten die Einnahmeverluste nicht mehr schultern, argumentiert der Zentralverband. Viele Läden hätten sich noch nicht mal vom ersten Lockdown erholt, sagt Südsachsens Innungsobermeisterin Anke Anton. Noch komme ihr Laden mit dem Kurzarbeitergeld über die Runden, „doch ab Februar wird es eng“.

Apropos Film: 2018 gab die 27-teilige Doku-Soap „Einfach hairlich – die Friseure“ Einblicke in die damals florierende Branche. Derzeit kämpfen Anke Anton & Co um ihr wirtschaftliches Überleben. (mit dpa)

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