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Wohnungs-Besichtigung: PC statt Schlange stehen

Die Pandemie provoziert Lösungen für die Wohnungswirtschaft – und die Branche entdeckt weitere Möglichkeiten.

Kein Bananen-Bild aus DDR-Zeiten, hier gibt es eine Mietwohnung in München zu besichtigen. An der Situation hat sich nichts geändert - bis auf die Abstände und dass Interessenten derzeit Masken tragen.
Kein Bananen-Bild aus DDR-Zeiten, hier gibt es eine Mietwohnung in München zu besichtigen. An der Situation hat sich nichts geändert - bis auf die Abstände und dass Interessenten derzeit Masken tragen. © Rumpf, Stephan/SZ Photo

Die Wohnung ist in Pandemie-Zeiten längst Dreh- und Angelpunkt für fast alles: als Kindergarten, Home-School, Home-Office, Rückzugsort, Quarantäne-Quartier, Sicherheitszone und vieles mehr. Daher sieht sich Sachsens Wohnungs- und Immobilienwirtschaft nach eigenem Bekunden „in immer größerer Verantwortung“ – vor allem mit Blick auf die Funktionalität der Quartiere und ihre Bezahlbarkeit. Dabei messen ihre hiesigen Interessenvertretungen der Digitalisierung eine besondere Bedeutung bei.

Als Beleg präsentieren sich die Lobbyisten zum Start ihres Branchentreffs „SIC21“ in „einer neuen Dimension– Messe in 3D“. So steht’s in der Einladung, die am Montagnachmittag vielfach auch aus anderen Bundesländern angenommen wurde. Neugier auf den virtuellen Messerundgang sowie das gesprächsbereite Who´s who der organisierten deutschen Immobilienbranche mit ihrem Präsidenten Axel Gedaschko.

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Corona ist Motor und Beschleuniger

„Die Corona-Pandemie ist ein Digitalisierungsbooster“, sagt Mirjam Luserke, Vorstand des Verbands Sächsischer Wohnungsgenossenschaften. „Wir brauchen mehr Digitalisierung in der Wohnungswirtschaft, sonst werden wir in Corona-Zeiten und auch danach abgehängt.“ Es gehe nicht mehr um Bewältigung interner Arbeitsabläufe in der Pandemie, sondern darum, sie zu flexibilisieren und zu optimieren. Nicht nur beim Homeoffice sei Corona Motor und Beschleuniger, „auch in der Kommunikation mit Mietern und Mitgliedern finden wir uns auf der wohnungswirtschaftlichen Überholspur“, sagt sie.

Luserke spricht von „unendlichen Nutzungsmöglichkeiten“: Smart Home, digitale Haustafeln, Mieter-Apps, digitale Wohnungsbesichtigungen, Skypen der Mieter und Mitglieder. Gleichwohl wolle man nicht den persönlichen Austausch ersetzen, fügt sie hinzu.

Digitalisierung wird die Branche überrennen

Die Digitalisierung werde die Branche „überrennen – ob wir das wollen oder nicht“, ist Rainer Seifert überzeugt. Der Präsident des VDW Sachsen Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft nennt beispielhaft Rechnungen und das papierlose Büro, „von dem man erst reden kann, wenn man keinen Drucker mehr hat“. Es gehe auch darum, über Homeoffice hinaus eine völlig neue Arbeitswelt zu organisieren – und um die größte Herausforderung für die Branche: die CO2-Abgabe. Heizen im Sinne der Klimaziele sei mehr als der Austausch von Gaskesseln und bedeute permanenten Zugang und Regelung der Geräte. „70 bis 80 Prozent Einsparung seien mit coolen Lösungen drin“, so Seifert.

Seit Jahresbeginn gibt es eine CO2-Bepreisung bei Gebäuden, die fossile Energieträger verteuert – als Anreiz, auf klimafreundlichere Alternativen umzusteigen. Derzeit berät die Bundesregierung über die Aufteilung der Kosten zwischen Mietern und Vermietern und ein Modell, das sich an der Energieeffizienz der Häuser orientiert.

So entstehen die Ghettos von morgen

Die Teilnehmer des virtuellen Treffens sind sich einig: Die Branche hat die Potenziale der Digitalisierung längst noch nicht erschlossen, sie hält vielfältigste Möglichkeiten für die Wohnung bereit. Solche Lösungen machen Wohnungen sicherer, etwa beim Brandschutz, oder beim selbstbestimmten Wohnen für ältere Mieter mittels Notrufsystemen. Sie können Kosten und Abrechnungen in Echtzeit transparenter machen und so dem Mieter die Möglichkeit geben, sie mitzugestalten und so Einfluss auf die Miethöhe zu nehmen. Laut Bundesregierung liegt die individuelle Wohnkostenbelastung im Schnitt bei fast 30 Prozent, bei einkommensarmen Haushalten sogar bei fast 50 Prozent.

Auf die Frage, wie sich zeitgemäßer und bezahlbarer Wohnraum bereitstellen lasse, habe die Politik „meist nur eine Antwort: Mietpreise bremsen“, monieren die Verbandsvertreter. Die Branche wolle aber „in Zeiten der Digitalisierung Gas geben, statt nur Mietpreise zu bremsen“, heißt es. Wie Berlin zeige, seien nicht sinkende Mieten das Ergebnis, sondern Investitions- und Sanierungsstau. So entstünden „Ghettos von morgen“. Die Hauptstadt hatte, bundesweit einmalig, vor einem Jahr die Mieten für 1,5 Millionen Wohnungen bis 2025 auf dem Stand von Juni 2019 eingefroren.

Nebenkosten wirksamere Stellschraube

Laut Wohnungswirtschaft verliert die Politik so die wichtigsten Themen aus den Augen: Digitalisierung und Nebenkosten, „die in kaum einer Mietpreisbremsdebatte vorkommen“. Dabei könne man die Wohnkosten dort viel wirksamer beeinflussen, heißt es. Während die Verbandsunternehmen einen Großteil der Mieteinnahmen in ihre Wohnungsbestände, Digitalisierung und Soziales reinvestierten, würden die Nebenkosten oft ins Nirgendwo fließen.

Digitalisierung bietet ungeahnte Vorteile – auch für Mieter. Beispiel: kein Besichtigungsmarathon mehr und Schlange stehen im Treppenhaus, zumal mit Abstand und Maske. Virtuelle 360-Grad-Rundgänge mit Beratern im Chat, Drohnen, 3D-Brillen ersparen Zeit, Geld und Enttäuschungen. Selbst analoge Besichtigungen sind kontaktlos möglich: per Code aufs Handy, mit dem sich Interessenten einen bei der Wohnung deponierten Schlüssel abholen.

„Noch sind wir meilenweit weg von dem, was gesetzlich geht“, sagt Axel Gedaschko, Präsident des Bundesverbands GdW. Er moniert einen restriktiven Datenschutz und lahmenden Ausbau der digitalen Infrastruktur zulasten der Wohnansprüche von heute. Bei der Digitalisierung müssten alle Gas geben. „Es gibt Pioniere, Mitgeher und Nichtmitgeher“, so Gedaschko. „Ihr seid Pioniere, weil ihr es gemeinsam macht“, ruft er den mitteldeutschen Verbänden zu und: „Dafür Daumen hoch!“

Auch virtuell kann man sich einen umfassenden Eindruck von einer Immobilie verschaffen. Bestimmte Programme stellen die Objekte detailreich dar.
Auch virtuell kann man sich einen umfassenden Eindruck von einer Immobilie verschaffen. Bestimmte Programme stellen die Objekte detailreich dar. © Kampmeyer Immobilien Gmbh

Sachsens Wohnungswirtschaft

  • Der Verband VdW vertritt knapp 130 Unternehmen mit 1.500 Beschäftigten, die mit über 300.000 Wohnungen fast ein Viertel des Mietwohnungsbestandes in Sachsen bewirtschaften.
  • Daneben organisiert der VSWG 209 Genossenschaften mit 2.500 Mitarbeitenden und fast 300.000 Wohneinheiten 19 Prozent des Mietbestandes.
  • Die mittleren Nettokaltmieten betrugen 2019 (aktuellste Daten) 4,79 € auf dem Land, 5,67 € in den Metropolen – ein Plus von 1,4 Prozent zum Vorjahr.
  • Im Schnitt steht jede 9. Wohnung leer, in Großstädten sind es nur halb so viele.
  • In diesem Jahr rechnen die VdW-Mitgliedsunternehmen mit 309 Neubau-Wohnungen und 1.248 Rückbauten.
  • Sachsens Betriebe haben noch 465 Millionen Euro Schulden aus DDR-Zeiten – durch Zins und Tilgung eine Jahreslast von 45 Millionen Euro. (SZ/mr)

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