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Wirtschaft

Wissenschaftler gegen Diesel-Fahrverbote

Experten der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina fordern eine Verkehrswende.

Dieses Schild weist in Stuttgart auf das Diesel-Fahrverbot für Dieselfahrzeuge unter Euro 5 hin. © Marijan Murat/dpa

Von Wolfgang Mulke

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Wer Menschen für eine nachhaltige Verkehrswende gewinnen will, muss die Debatte  ehrlich und differenziert führen, meint SZ-Redakteurin Nora Miethke.

Vor gut einigen Monaten behaupteten rund 100 Lungenärzte, dass die Grenzwerte für Stickoxide im Verkehr unsinnig seien. Auch geriet die Art und Weise der Schadstoffmessung in die Kritik. Dies veranlasste die Bundeskanzlerin, die in Halle ansässige Nationale Akademie der Wissenschaften, Leopoldina, mit einer Überprüfung der Vorwürfe zu beauftragen. 20 Forscher verschiedener Disziplinen rund um den Pharmakologen Martin Lohse veröffentlichten nun eine Stellungnahme.

Warum sind Stickoxide nicht das größte Problem?

Nach Einschätzung der Experten sind die in der Diskussion um Dieselfahrverbote maßgeblichen Stickoxide nicht die wichtigste Ursache für die Luftverschmutzung. „Feinstaub ist das größere Problem“, sagt Forscher Lohse, „Feinstäube können unter anderem Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Lungenkrebs verursachen.“ Deshalb dürfe die Debatte nicht auf die Stickoxide verengt werden. Diese sind allerdings auch gesundheitsschädlich. Vor allem aber verwandeln sie sich in Feinstaub, wenn sie sich mit dem von der Landwirtschaft produzierten Amoniak verbinden. Außerdem müsse Deutschland mehr CO2 im Verkehr einsparen, wenn die Klimaziele erreicht werden sollen. Deshalb fordert die Akademie eine grundsätzliche Verkehrswende, um Emissionen insgesamt zu reduzieren.

Warum halten sie Fahrverbote für Diesel für wirkungslos?

Fahrverbote sind nach Einschätzung der Experten auf zu geringe Areale beschränkt, als dass sie eine Wirkung entfalten. Selbst eine Ausdehnung auf das gesamte Stadtgebiet wie in Stuttgart bringt nach Einschätzung der Akademie nicht die erhoffte Besserung der Luftqualität. Weiter heißt es, die Verringerung der Stickstoffdioxidbelastung dürfe nicht dazu führen, dass klimaschädliche CO2-Emissionen steigen. Ein kompletter Austausch der Dieselflotte durch Fahrzeuge gleicher Gewichtsklasse und gleicher Motorleistung mit Benzinmotoren sei aus Klimaschutzgründen nicht empfehlenswert. Dies zielt darauf, dass Diesel bei gleicher Motorenleistung mehr Stickstoffoxid ausstoßen, aber weniger CO2. Die Wissenschaftler sprechen sich generell für eine Verkehrswende aus. Dazu zählen alternative Antriebe wie Elektromotoren, ein besseres Verkehrsmanagement und Geschwindigkeitsbeschränkungen auf städtischen Autobahnen – aber auch ein Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.

Sind die Stickoxid-Grenzwerte in Ordnung?

Hier weichen die Forscher bei den umstrittenen Grenzwerten für Stickoxid einer exakten Antwort aus. Grundsätzlich halten sie den Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft für gerechtfertigt. Allerdings gebe es keinen Minimalwert, ab dem Stickoxid als ungefährlich bezeichnet werden könnte. Höhere Grenzwerte lehnen sie ebenso ab. Dagegen plädieren sie für ambitioniertere Ziele bei den Feinstaubgrenzwerten, zum Beispiel die von der Weltgesundheitsorganisation vorgeschlagenen. Länder wie Australien, Kanada oder die USA zeigen Lohse zufolge, dass eine weitere Absenkung der Feinstaubbelastung möglich ist.

Wird in Deutschland zu streng gemessen?

Mit rund 650 Messstationen werden die Luftschadstoffe in Deutschland flächendeckend erfasst. Die Verfahren dazu sind europaweit einheitlich geregelt, ebenso die Aufstellung der Stationen. Die Ergebnisse der Messungen können jedoch sehr unterschiedlich ausfallen, betonen die Forscher. Eine Messstation, die sowohl an eine Straße als auch an eine Grünanlage grenzt, ermittelt andere Ergebnisse als eine, die von einer Straße und Wohnhäusern umgeben ist. Die Experten schlagen daher eine internationale Harmonisierung der Messtechnik und Aufstellungsregeln vor. (mit dpa)