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Wo bleiben die Weltstars?

Donnerstag beginnt Dieter Kosslicks letzte Berlinale. Das größte deutsche Filmfest steht vor großen Herausforderungen.

Innenansichten eines Serienmörders: Jonas Dassler spielt zur Berlinale erstmals Fritz Honka, „Held“ der Heinz-Strunk-Romanverfilmung „Der goldene Handschuh“.
Innenansichten eines Serienmörders: Jonas Dassler spielt zur Berlinale erstmals Fritz Honka, „Held“ der Heinz-Strunk-Romanverfilmung „Der goldene Handschuh“. © PR

Von Thomas Klein

Drei große „A-Festivals“ gibt es, neben Cannes und Venedig gehört auch das von Berlin dazu. Strenges Reglement bei der Filmauswahl und Preisvergabe sind festgelegt, über Jahrzehnte waren die drei gleichermaßen Aussichtsplattform auf die unübersichtliche Kino-Landschaft, exklusive Startrampen für Karrieren, Königs-, selten auch Königinnenmacher. Ausgewählt und vielleicht ausgezeichnet zu werden von einem A-Festival, das war lange ein Ritterschlag. Eine europäische, idealerweise deutlich filmkünstlerisch orientierte Antwort auf Hollywoods Oscar.

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Doch all das war einmal: Keine der Traditionsveranstaltungen kann mit dem fast blitzschnellen Wandel der Filmproduktion und -verwertung wirklich mithalten. Kleinere, jüngere Konkurrenten wie Toronto oder Sundance, Digitalisierung, Kinosterben, Spektakel-Schwemme, vor allem aber die Streaming-Dienste nagen am klassischen A-Festivalbetrieb.

Das weiß auch Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Vergangene Woche musste er sich bei der Programmpressekonferenz fragen lassen: Wie hält es die Berlinale denn nun mit Streaming-Filmen, der größten und gefährlichsten Konkurrenz für das Kino? Isabel Coixets Wettbewerbsbeitrag „Elisa y Marcela“ ist immerhin eine Netflix-Produktion. Kosslick ließ sich nicht aus der Ruhe bringen: Die Berlinale-Regeln würden nur vorschreiben, dass Wettbewerbsfilme „für das Kino geeignet sind“, wenigstens in Spanien sei auch ein Kinostart vorgesehen. Trotzdem klang es etwas schwermütig, als er anfügte, „die audiovisuelle Welt ist im großen Umbruch.“ Und fast resignativ: „Ich glaube an das Kino.“

Die diesjährigen Internationalen Filmfestspiele Berlin sind Kosslicks letzte Runde als Berlinale-Chef. Seit Sommer 2001 hat er das Festival stetig um- und ausgebaut und der Promi-verwöhnten Konkurrenz in Cannes wie auch dem Mekka durchaus mehrheitsfähiger Filmkunst in Venedig die Berlinale als vielseitiges „Publikumsfestival“ gegenübergestellt. In Kosslicks besten Jahren war die Berlinale ein reichhaltiges Film-Büffet voller Überraschungen: Das deutsche Kino gewann tragende Rollen, Filmemacher wie Dresen, Tykwer, Petzold fühlten sich wohl an der Spree, Kosslick betrieb Nachwuchsförderung und pflegte Kontakte. Auch die nach Hollywood.

Fast berühmt-berüchtigt ist die eigenwillige Jungs-Freundschaft zwischen Kosslick und George Clooney („der George“), aber auch die Coen-Brüder, Steven Soderbergh oder Wes Anderson kamen immer wieder gerne. Und Kosslick, ein geborener, wenn auch nicht immer ganz pointensicherer Showman, der lange Zeit noch für jedes Ungemach einen flotten Spruch und ein schnippisches Lächeln übrig hatte, fühlte sich nicht zu Unrecht wohl im Glanz der Superstars, egal, ob Meryl Streep oder die Rolling Stones. Er holte die Hollywood-Prominenz mit allen Tricks an die Spree, lud die Regie-Debüts von US-Stars ins Programm oder die VIPs in die Internationale Jury. Das ging lange erstaunlich gut.

Immer weniger Talente im Kino

Aber Konkurrenzkampf und Medienwandel nagten immer mehr am Festival – und wohl auch am Chef. Filmischer, besonders aber prominenter Glanz wurde zunehmend schwerer zu beschaffen: Viele US-Filmemacher gehen lieber zum nicht mehr so kleinen Konkurrenzfestival Sundance, die Oscars rücken im Kalender immer weiter vor: Die alte Idee der Berlinale als entscheidender, letzter Oscar-Schub ist hinfällig. Und immer mehr Talente arbeiten lieber für Netflix, Amazon und Co. als für das Kino. Das ist er, der „große Umbruch“: Während Studios und Filmproduzenten um jeden Budget-Dollar oder -Euro diskutieren, gönnen sich die Streaming-Unternehmen ein breites, auch kostspieliges Angebot und investieren in die Nischen. Selbst Martin Scorseses mit Robert De Niro besetztes Gangster-Epos „The Irishman“ war nur mit Netflix-Geld finanzierbar.

Zusätzlich zehrt der von Dieter Kosslick initiierte Ausbau der Berlinale am Profil des Festivals und der prägnanten Strahlkraft. Der Nachwuchs der „Berlinale Talents“, die einst vage als Bühne für junge, wagemutige Filmkunst angedachte „Perspektive Deutsches Kino“, die „Native“-Reihe, das „Kulinarische Kino“, „Berlinale goes Kiez“ in den Berliner Bezirkskinos – das waren alles Kosslick-Neuerungen. Dazu neben dem offiziellen Wettbewerb schon längst das „Internationale Forum des jungen Films“, das Panorama, die Retrospektive, auch da hat sich Kosslick mal mehr, mal weniger eingemischt.

Natürlich ist bei der Berlinale stets für alle und jeden etwas dabei. Aber so viele Bühnen und Leinwände, so viele Geschmacksrichtungen und Erwartungen lassen sich nicht unbegrenzt erfolgreich managen. Schon länger wirkte Kosslick etwas müde. Festivalberichterstatter diskutierten ohne Hohn, ob die Berlinale-Leitung nicht besser befristet sein sollte. Ganz freiwillig geht Dieter Kosslick wohl nicht: Dass sein zuletzt 2014 verlängerter Vertrag im Sommer ausläuft, heißt es hinter vorgehaltener Hand, habe auch mit Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Kulturstaatssekretärin Monika Grütters (CDU) zu tun, die immerhin Hauptgeldgeberin der Berlinale ist.

Man hätte Dieter Kosslick ein Festival-Feuerwerk, ein besonders gutes letztes Festival-Jahr gewünscht. Doch auch der inzwischen 70-Jährige kann nur zeigen, was er zeigen kann. Im offiziellen Wettbewerb mangelt es nicht an großen Namen: Neben Coixet und Lone Scherfig, deren „The Kindness of Strangers“ am Donnerstag das Festival eröffnet, sind mit Agnieszka Holland, Agnes Varda, André Techiné und Zhang Yimou renommierte Filmer und alte Berlinale-Freunde im Programm. Aus Deutschland kommen drei Beiträge: Nora Fingscheidts „Systemsprenger“, Angela Schanelecs „Ich war zu Hause aber“, Fatih Akins Strunk-Verfilmung „Der goldene Handschuh“.

Nur auf das prominente britische oder US-Kino wartet man diesmal vergebens. Einzig Adam McKays Abrechnung mit George W. Bushs Vize Dick Cheney, „Vice“, läuft im Wettbewerb, außer Konkurrenz und dann schon bald regulär im Kino. Dazu kommen anderswo drei Schauspielstars mit Regie-Arbeiten, Chiwetel Ejiofor („12 Years a Slave“) stellt „The Boy Who Harnessed the Wind“ vor, Casey Affleck „Light of my Life“ und Jonah Hill „Mid90s“. Vielleicht kommt ja zum Finale „der George“ vorbei und bringt Kosslick Blumen. Vielleicht gibt es ja doch noch echte Überraschungen.

Harter Schnitt, völlige Umgestaltung

Klar ist: Im nächsten Jahr wird alles anders. Dann übernimmt Kosslicks Nachfolger, der 47-jährige Italiener Carlo Chatrian, die Filmfestspiele als künstlerischer Leiter, unterstützt von der erfahrenen Filmmanagerin Mariette Rissenbeek. Chatrian ist Filmpublizist und hatte seit 2012 – wie einst Kosslick-Vorgänger Moritz de Hadeln – das eher kleine Filmfestival im schweizerischen Locarno geleitet. Er sei kein Unterhalter, hat Chatrian erklärt, in Locarno machte er sich mit filmkünstlerischem, aber nicht publikumswirksamem Gespür einen Namen. Insider glauben, Chatrian wolle einen harten Schnitt und eine völlige Umgestaltung der Berlinale.

Ob das letzte Jahr von Dieter Kosslick wehmütig machen wird oder doch eher froh, dass es mit der Berlinale neu und anders weitergeht, werden die kommenden zehn Tage noch einmal zeigen.